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Somalische Frauen im Gespräch mit Katrin Weidemann. (Quelle: Karl Pfahler)

Somaliland: Von mutigen Frauen, engagierten Partnern und aufgeschlossenen Politikern

Katrin Weidemann, Vorstandsvorsitzende der Kindernothilfe, besuchte im Februar Projekte in Somaliland und berichtet von ihren Eindrücken und Erlebnissen.

Sonntag, 21. Februar 2016: Mauern und Stacheldraht

Die Anreise zieht sich: eine Nacht im Flugzeug nach Addis Abeba, zwei Stunden Warten auf den Anschlussflug (mit grandiosem Sonnenaufgang und grandiosem äthiopischen Kaffee) und schließlich der Weiterflug nach Hargeisa. Hier, in der Hauptstadt der selbsternannten Republik Somaliland, will ich Projekte unserer Partner am Horn von Afrika besuchen. Vor den ersten offiziellen Gesprächen noch schnell ins Hotel – „schnell“ zieht sich aber auch. Ein Hochsicherheitsgefängnis dürfte leichter zu betreten sein, als unsere Unterkunft für diese Nacht: Unser Wagen muss auf dem Weg zur Hoteleinfahrt einen Zickzack-Parcours durch quergestellte Betonmauern absolvieren, wird von unten und oben nach Sprengstoff durchsucht, in (für Männer und Frauen getrennten) Sicherheitsschleusen öffnen Wächter und Wächterinnen jeden Koffer, nehmen jedes Kleidungsstück einzeln heraus und durchsuchen es sorgfältig. Im Inneren der Hotelanlage ist jeder Apartmentblock noch einmal extra mit Mauern und Stacheldraht umbaut, Wachtürme und rund um die Uhr durch das Gelände patroullierende Wächter verweisen auf die angespannte Sicherheitslage. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Somaliland.
 

Vorstandsvorsitzende Katrin Weidemann und Karl Pfahler mit Partnervertretern in Somaliland (Quelle: Kindernothilfe)
Die Projektreise kann beginnen.

Die Mitarbeiter unserer Partnerorganisationen leben hier. „Ich bin nach dem Krieg wieder hierher in meine Heimat zurückgekommen“ erzählt Abib. Vier Jahre lang war er Ende der 80er Jahre im benachbarten Äthiopien im Exil. Nur ein paar Ziegen konnte er damals mitnehmen, die retteten ihm in den ersten Monaten in der Fremde das Leben. „Ohne die Ziegen wäre ich verhungert“, erzählt er im Rückblick. Nach der einseitigen Unabhängigkeitserklärung Somalilands 1991 kehrte er nach Hargeisa zurück. Heute leitet er von hier aus eine große Entwicklungsorganisation, die mit den Dorfgemeinschaften in den ländlichen Gebieten zu Katastrophenvorsorge und Gesundheitsthemen arbeitet.

Ich bin gespannt darauf, diese Woche einige der Projekte mit ihm zusammen zu besuchen.

  • Montag, 22. Februar 2016: Ein Stück vom Glück

    Katrin Weidemann mit Kioskbesitzerin Nasib und ihrem Sohn (Quelle: Karl Pfahler)
    Nasibs Mann ist nach Europa geflüchtet - sie ist geblieben und ein Vorbild für andere Frauen.

    Sie heißt Nasib, das bedeutet Glück. Stolz begrüßt sie uns vor ihrem kleinen Laden in dem Camp nahe der Stadt Burao. Ja, erzählt sie strahlend, sie sei wirklich glücklich. Dafür habe sie viele Gründe. Fünf davon stehen um sie herum: ihre Töchter und Söhne, die sie zur fünffachen Mutter machen. Welch ein Glück! Und das – sie zeigt mit ausholender Armbewegung auf die Hütte aus Holz und Wellblech, in der ich grob gezimmerte Regale mit Sodaflaschen, Seifenkartons und Zuckersäckchen erkennen kann – das sei ihr eigener Laden. Ein Glück!

    Ein Ansporn für andere Frauen

    Ich frage nach: Wie sie es denn geschafft habe, hier inmitten eines Camps für Binnenflüchtlinge mitten in Somaliland ihr eigenes erfolgreiches Geschäft aufzubauen? Sie lacht und holt ein Schulheft aus einer Kiste unter der Ladentheke. Das, zeigt sie selbstbewusst auf die eng beschriebenen Seiten mit den langen Zahlenreihen, das ist meine Buchhaltung. „Ich kann jetzt lesen und schreiben, und sogar auch rechnen!“. In einem Kurs unserer Partnerorganisation CCBRS habe sie das gelernt, zusammen mit 50 anderen Frauen. Sechs solche Alphabetisierungskurse finden jetzt gerade wieder statt, jeweils ein halbes Jahr lang. Im Schichtbetrieb treffen sich Mädchen und Frauen dort in einem schlichten Klassenzimmer. Das liegt günstigerweise schräg gegenüber von Nasibs Laden. Günstig für Nasib, die den Schülerinnen nach dem Unterricht Zucker oder Seife verkaufen kann. Und günstig für die Frauen: denn Nasib mit ihrem kleinen Laden ist ihnen Vorbild und Ansporn.

    Dass sie für andere Vorbild ist, das war nicht immer so. Früher, berichtet Nasib, dachten die Menschen oft, sie sei blind und stumm. Wenn sie beispielsweise auf dem Markt etwas kaufen wollte, aber nicht wusste, was es kostet. „Ich wusste nie, ob mir jemand zu viel Geld abnimmt. Ich konnte die Preise ja nicht lesen. Und ob das Wechselgeld stimmte, konnte ich auch nicht erkennen. Jetzt ist das anders. Ich habe Augen und ich habe einen Mund. Und ich kann lesen und schreiben und mit den Leuten handeln!“

    Stop FGM - Dienstreise Somaliland (Quelle: Jörg Lichtenberg)
    Stoppt weibliche Genitalverstümmelung!

    Und Nasib tut noch mehr: sie ist aktives Mitglied einer Anti- FGM-Gruppe. FGM, diese drei Buchstaben stehen für die Qual der grausamen Genitalverstümmelung, unter der fast 98 Prozent aller Frauen in Somaliland leiden: „Female Genital Mutilation“ (FGM). Mit den Frauen aus ihrem Alphabetisierungskurs konnte sie damals erstmals Worte finden für das Leid, das viele von ihnen durch diese archaische Tradition erlitten haben. Mittlerweile macht Nasib Hausbesuche und organisiert selbst Informationsveranstaltungen zu dem Thema. Viele Frauen im Camp sind sich mit ihr bereits einig: Ihren Töchtern und Enkelinnen soll dieses Schicksal künftig erspart bleiben. Dass ein Großteil der Ehemänner ihre Frauen in dieser Absicht unterstützen, liegt auch am örtlichen Imam. Er bestätigte ihnen, dass die weibliche Genitalverstümmelung keinerlei Wurzel im Koran hat, sondern dort im Gegenteil die körperliche Unversehrtheit des Menschen, der „in schönster Gestaltung geschaffen“ sei, betont wird.

    Nasibs Mann flüchtete nach Europa

    Ob ihr Mann das auch so sehe, frage ich Nasib. Energisch nimmt sie ihr jüngstes Kind auf den Arm und wendet sich mir wieder zu. „Mein Mann ist nach Europa geflüchtet“, erklärt sie. „Er ist jetzt in Malta.“ Ich bin erst einmal verblüfft. Die Flüchtlinge hier im Camp, gut einen Kilometer vor der Stadt Burao, wohnen teilweise schon 20 Jahre lang hier: vertrieben aus dem Süden Somalias, geflohen aus vom Bürgerkrieg zerstörten Orten, flüchtend vor Gewalt, vor Dürre und Hunger. Manche haben sich mit dem Leben als „internal displaced persons“ im Camp arrangiert. Nasibs Mann konnte es nicht.

    Ob sie ihm denn nach Europa folgen wolle, frage ich Nasib? Sie schüttelt den Kopf. Ihr Leben sei hier. Ihr Leben und das ihrer Kinder. Das Leben der Frauen und Männer der Anti-FGM-Gruppe. Sie hätten eine Menge Aufgaben hier. Und dank der Kurse von CCBRS und der Kindernothilfe auch die Fähigkeiten, sie zu meistern. Sie findet es hier in Somaliland, ihr Glück.

  • Mittwoch, 24. Februar 2016: “FGM ist kriminell”, sagen Regierungsvertreter

    Treffen mit Ministern. (Quelle: Karl Pfahler)
    Gespräche mit Ministern Somalilands

    Vormittags stehen im Stundentakt Gespräche mit Regierungsvertretern in der Hauptstadt Hargeisa auf dem Plan. Um 8 Uhr empfängt uns die Ministerin für Umwelt, Sukri Haji Ismail. Ihr ist die Arbeit der Kindernothilfe gut vertraut – vor Jahrzehnten hat sie die Organisation „Candlelight“ gegründet, mit der wir hier seit 2011 zusammenarbeiten.

    Um 9 Uhr beim Minister für Arbeit und Soziales, Ali Mahmoud Ahmed. Er ist erst seit zwei Monaten im Amt, unser Gespräch muss von Englisch auf Somali übersetzt werden. Dafür kommt auch der Vizepräsident Somalilands, Abdi Dahir Amoud, dazu. Unser Bericht, wie sich die Lebensbedingungen der Ärmsten der Armen durch Selbsthilfegruppen verbessern, trifft auf offene Ohren. Und natürlich diskutieren wir auch hier, wie bei jedem unserer Gespräche, über FGM, die in Somaliland so weit verbreitete Genitalverstümmelung. Ja, stimmen unsere Gesprächspartner zu: FGM sei eine kriminelle Handlung. Aber bevor das Parlament ein Gesetz verabschiedet, das künftig für die nötige Rechtssicherheit sorgt, braucht es dort eine grundsätzliche Einigung. Noch gibt es heftige Diskussionen zwischen den Befürwortern eines Komplettverbots (Null-Toleranz) und den Vertretern der Fraktion, die eine abgeschwächte Form der Beschneidung zulassen wollen.

    I stand against female genial mutilation - fgm (Quelle: Jörg Lichtenberg)
    "Ich bin gegen weibliche Genitalverstümmelung"

    Bei der „pharaonischen Beschneidung“ wird die sogenannte Infibulation durchgeführt, die auf brutale Weise dafür sorgt, dass nur noch eine kleine Öffnung für Urin und Sekret erhalten bleibt. Bei der sogenannten Sunna-Form der Beschneidung wird die Klitoris beschnitten, ohne eine komplette Infibulation anzuwenden. Ein Gesetz, das lediglich die drastischste Form der Verstümmelung verbietet, hätte wohl auch jetzt schon gute Chancen auf eine Mehrheit im Parlament. Es birgt aber die Gefahr, dass es dann weiterhin zu einer Akzeptanz der Sunna-Form kommt. Um ein Null-Toleranz-Gesetz zu erreichen, wie es all die Frauengruppen fordern, die wir in den letzten Tagen besucht haben, braucht es noch Zeit und viele Gespräche.

    Zum Abschluss des Vormittags sind wir schließlich noch bei der First Lady des Landes, Amira Silanyo, angekündigt, einer beeindruckenden Frau, die sich auf vielfältige Weise für die Rechte der Mädchen und Frauen ihres Landes starkmacht. 

  • Mittwoch, 24. Februar 2016, mittags: Im Zentrum für Opfer sexueller Gewalt

    Ein Mädchen schlägt die Hände vors Gesicht. (Quelle: Peterschröder, Frank)
    Mehr als 280 Kinder suchten im vergangenen Jahr Hilfe und Schutz im Zentrum.

    Mittags im Baahi-Koob-Center. Es ist das erste Zentrum in Somaliland, in dem Opfer sexueller Gewalt Hilfe erfahren. Seine Gründung 2008 war nicht unumstritten, die Notwendigkeit wurde von vielen infrage gestellt. Erst der grausame Tod eines sechs Monate alten Mädchens als Folge einer Vergewaltigung führte dazu, dass Baahi-Koob seine Arbeit aufnehmen konnte, „angedockt“ an die gynäkologische Klinik des staatlichen Krankenhauses Hargeisa. Die Sozialarbeiter des Zentrums arbeiten hier Hand in Hand mit dem medizinischen Personal der Klinik – ein unschätzbarer Vorteil, um die Hemmschwelle für Opfer so niedrig wie möglich zu halten und ihnen zusätzliche Wege zu ersparen. Die Mädchen und Jungen, Frauen und Männer erhalten in dem „One-Stop-Center“ unter einem Dach medizinische Hilfe, psychologische Betreuung und auch Rechtsbeistand. Allein vier Polizistinnen und vier Polizisten stehen dafür im Schichtbetrieb zur Verfügung, um Ermittlungen aufzunehmen. So soll den Opfern rasch und effektiv bei der Aufarbeitung der traumatischen Erlebnisse geholfen werden.

    Mit Asher, der Koordinatorin des Projekts, sitzen wir in dem winzigen Büro, das gleichzeitig Beratungsraum ist. Fünf Personen arbeiten normalerweise hier und an dem zusätzlichen Schreibtisch im Vorraum. In dem Moment, wo eine oder einer von ihnen ein Gespräch mit einem Opfer führt, gehen die anderen nach draußen auf die Gänge des Hospitals und warten dort. Das kann manchmal lang dauern.

    567 Personen waren es im Jahr 2015, die bei Baahi-Koob Schutz, Hilfe und Beratung gesucht haben, die Hälfte von ihnen war jünger als 15. Für neue Räume gibt es zwar schon ein Grundstück, aber für den Bau fehlen die Mittel. Der Direktor des Krankenhauses zeigt uns das Modell des Krankenhausneubaus, der die bisherigen alten Gebäude ersetzen soll. Ein fester Platz für Baahi-Koob ist dafür bisher nicht vorgesehen. Vielleicht, überlegt er laut, bei der neuen Notaufnahme? Asher und ich sehen uns wortlos an: Mit „vielleichts“ lässt sich verletzten und traumatisierten Kindern nicht helfen. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, um die Zukunft des Baahi-Koob Zentrum zu sichern.

  • Mittwoch, 24. Februar 2016, nachmittags: Bei der Frauengruppe "Grünes Land"

    Frauenselbsthilfegruppe. (Quelle: Karl Pfahler)
    Ein Treffen der Frauenselbsthilfegruppe Dalsan

    Der Nachmittag führt uns in die Wüste. Anfangs durch den dicken Stadtverkehr Hargeisas, dann durch Vororte mit Wellblechhütten und zusammengeflickten Zelten. Unser Allradauto durchquert mühelos ausgetrocknete Flussbette, in denen sich statt Wasser alte Plastikflaschen, Kanister und anderer Unrat sammeln. In den Dornenbüschen am Ufer haben sich Mülltüten verfangen und leuchten wie bunte Blüten zwischen den staubigen Ästen. Auf den letzten Kilometern über weiche Sandpisten begegnet uns nur ab und an eine Kamelherde.

    Dann erreichen wir die Frauen. Auf Matten sitzen die Mitglieder der Selbsthilfegruppe im Kreis, das spärliche Gestrüpp um sie herum gibt keinen Schatten, aber bietet wenigstens etwas Schutz gegen den leichten Wind, der die Sandkörner durch die Luft wirbelt. „Dalsan“ steht auf dem großen Plakat in ihrer Mitte, und darunter sehe ich das Bild eines üppig grünenden Baums, der seiner Umgebung reichen Schatten spendet. Dalsan, grünes Land, haben die Frauen ihre Gruppe getauft und damit ihren wöchentlichen Treffen ein Motto und ihrer Arbeit ein Ziel gegeben. Sie, die in der steinig kargen Landschaft am Rande der Wüste leben, wünschen sich ein Leben wie auf grünem Land: ein Leben, das Frucht bringt, in dem sich – auch im übertragenen Sinn – ertragreich ackern lässt, das aber auch Zeiten kennt, die dem Ausruhen im kühlen Schatten eines schützenden Baums gleichen.

    Der Schatz in der Blechkiste

    Kassette mit Geldscheinen. (Quelle: Karl Pfahler)
    Die Geldkassette der Frauengruppe

    Dass sie selbst etwas in ihrem Leben verändern können, das vermochten sich die Frauen bei der Gründung ihrer Gruppe im November 2014 nicht vorstellen. „Wir hier können doch nichts erreichen.“ Jede Woche einen Sparbetrag zurücklegen? Sich gegenseitig davon Darlehen als Anschubfinanzierung für ein eigenes kleines Geschäftsmodell geben? Nein, erinnert sich Fatuma, die von Anfang an dabei ist, wir dachten, das Geld sehen wir nie wieder. Was, wenn eine mit dem ganzen Geld weggeht? „It´s impossible!“ Sie schüttelt nachträglich noch den Kopf, wenn sie daran zurückdenkt. 3.000 Somali-Shillings, umgerechnet ein halber US-Dollar, war der Betrag, den jede von ihnen dennoch wöchentlich in die große Blechkiste legte, trotz mancher Skepsis. „Now we understand“, lacht Fatuma und zeigt in die Runde.

    Zum dritten Mal hat jede der Frauen mittlerweile die Möglichkeit, ein Darlehen aus der Gruppenkasse für drei Monate abzurufen. Zwei von ihnen haben mit ihrem Darlehen einen kleinen Laden eröffnet, eine ist jetzt als „milkwoman“ unterwegs, andere verkaufen Salz oder Wasser, kochen Tee in einem Kiosk oder handeln mit Weihrauch. Über vier Millionen Somali-Shillings (fast 600 US-Dollar) haben sie bereits als Gesamtkapital angesammelt, die Blechbüchse mit den Einlagen hüten sie im rollierenden System. Neben ihrem Wirtschaftskapital bestücken sie auch noch einen Extratopf für „social savings“. Damit unterstützen sie einzelne Frauen in schwierigen Lagen: bei Krankheit, um Arztkosten und Medizin zu bezahlen, nach einer Geburt oder wenn es einen Todesfall in einer Familie gibt.

    Power-Frauen bewirken Veränderungen in ihrem Umfeld

    Eine Mutter zeigt stolze ihre Ziegen.(Quelle: Karl Pfahler)
    Eine Mutter zeigt stolz ihre Ziegen.

    Ihre Situation hat sich deutlich verbessert, seit ihre Mütter in der Selbsthilfegruppe sind. Fatuma kann – anders als früher – mittlerweile drei ihrer fünf Kinder zur Schule schicken, die jüngsten sind noch zu klein. Auch die anderen Frauen finanzieren mit ihren Einnahmen den Schulbesuch ihrer Kinder: Uniformen, Hefte, Stifte und den Bustransport zur Schule – bei acht oder zehn Kindern keine unerheblichen Ausgaben! Und natürlich profitieren die Kinder von dem, was ihre Mütter im begleitenden Training in der Gruppe zu Themen wie Hygiene, Gesundheit oder Ernährung lernen: So steht auf vielen Speiseplänen mittlerweile regelmäßig auch Milch und Obst.

    Was die Frauen seit November 2014 bereits geschafft haben, ist beeindruckend. Und ihre Pläne für die Zukunft sind nicht minder ehrgeizig. Zugang zu Wasser, steht auf ihrer Liste ganz oben: Das muss bis jetzt von weit entfernt herangeschafft werden. Den Bau besserer Häuser wollen sie in Angriff nehmen: Manche sind in Wellblechhütten untergebracht, die bei der immensen Hitze tagsüber kaum zu betreten sind. Auch die lang versprochene Straße zu ihrer Siedlung soll endlich gebaut werden. Und weil es weit und breit keine Sekundarschule für ihre Kinder gibt, hat die Gruppe zwei Frauen abgesandt in die Regionalvertretung der Selbsthilfegruppen: Dort, auf der Clusterlevel-Ebene (CLA), sollen sich Frauen wie Fatuma stark machen, dass die Regierung tätig wird.

    Frauen mischen die Regionalregierung auf

    Beim Treffen mit den CLA-Vertreterinnen später am Nachmittag treffen wir Fatuma wieder. Sie braucht beide Hände, um aufzuzeigen, welche Aufgaben alle vor ihnen liegen. Da ist eben der Schulbau. Ein medizinisches Training für die Frauen wollen sie organisieren, damit sie sich und ihre Familien bei kleineren Verletzungen und Krankheiten besser versorgen können. Und einen richtigen Arzt brauchen sie in der Region für die schlimmeren Leiden. Auch Angebote für ihre Söhne, ein Handwerk zu lernen, fehlen bisher. „Die sitzen jetzt nur zu Hause und haben nichts zu tun.“ Einen Termin bei der Regionalregierung haben sie schon vereinbart. Und in die Ministerien nach Hargeisa sei es ja auch nicht so weit, meint Fatuma und reckt ihr Kinn energisch nach vorn.

    Ich bin beeindruckt von ihrer Energie und ihrem Tatendrang. Und traue mich, sie schließlich auch nach ihrem Mann zu fragen. Was der denn von ihrem Engagement hält? Fatuma gluckst und stößt ihre Nachbarin mit dem Ellbogen an. Beide brechen in lautes Gelächter aus. „Unsere Männer waren anfangs SEHR skeptisch“, bringen sie schließlich heraus. „Als wir die ersten Male zur Selbsthilfegruppe gingen, waren sie nicht einverstanden. Was macht ihr da, fragte mein Mann. Warum bringst du da Geld hin?“ Mittlerweile, und jetzt schwillt ihr Gelächter noch mehr an, mittlerweile wäre es ihr Mann, der sie jede Woche erinnert, ja nicht ihre Gruppe zu versäumen. „Er sieht, dass die Kinder neue Kleider haben. Er bekommt besseres Essen. Das gefällt den Männern!“

  • Mittwoch, 24. Februar 2016, spätnachmittags: Das kostbarste Essen im ganzen Land

    Hochzeitsessen aus Datteln: Hero. (Quelle: Karl Pfahler)
    Eine Delikatesse: Eine Masse aus Datteln umhüllt in Butter schwimmendes Kamelfleisch.

    Dass bei aller Arbeit und allem Engagement auch die Frauen zu feiern verstehen, das zeigen sie uns zum Abschluss unseres Besuchs. Tanzend und singend haben sich gut 200 Frauen aus den acht in der CLA zusammengeschlossenen Gruppen vor dem Gemeindecenter versammelt. Ihr auf- und abschwellende Gesang wird immer wieder unterbrochen durch lautes Trillern und viel Gelächter, es herrscht Volksfestcharakter. Als Ehrengast darf ich auf der schattigen Veranda des Zentrums Platz nehmen. Während mir ein Deutschlandfähnchen in die Hand gedrückt wird, mit dem ich der Menge bitte fröhlich zurückwinken möge, bringen zwei Frauen die großartige Überraschung für uns Besucher: ein in weiße Tücher gewickeltes, mit roter Schnur mehrfach umwickelt und verknotetes, trommelförmiges Teil, die Hero.

    Auswickeln der Hero. (Quelle: Karl Pfahler)
    Feierlich wird das Gefäß mit dem kostbaren Inhalt ausgepackt.

    Der Schleier, der darüber liegt, soll zeigen: Hier handelt es sich um eine Braut. Und tatsächlich, wird mir erklärt, ist das, was sich im Inneren des Behältnisses befindet, das kostbarste und beste Essen, das in ganz Somaliland zu finden ist. Es wird speziell für Hochzeiten hergestellt, und ein Löffel davon würde genügen, dem Bräutigam Kraft für eine lange Nacht zu geben.

    Zusammen mit einem Mitarbeiter unserer lokalen Partnerorganisation darf ich das Paket öffnen und zuerst einmal Knoten für Knoten der roten Schnur lösen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das bei Hochzeiten eine erste gemeinsame Aufgabe für das junge Paar ist (und hoffe, dass meine Mitwirkung an der Auswickelaktion nicht als Zustimmung verstanden wird, dass ich dem jungen Mann neben mir nun auf immer und ewig verbunden bin).

    Gefäß für den Hochzeitsschmaus.  (Quelle: Karl Pfahler)

    In dieser “Hero” befindet sich der Hochzeitsschmaus.

    Als der letzte Knoten gelöst und das weiße Tuch entfernt ist, kommt ein mit Leder und Muscheln verzierter Korb zum Vorschein. Auch der wird geöffnet und gibt den Blick frei auf eine Haube, die von ihrer Farbe und Zusammensetzung an Kamel-Dung erinnert. In Wirklichkeit ist sie aber eine feste Dattelmasse, die den kostbaren Inhalt luftdicht verschließt. Der junge Mann neben mir zückt ein Messer und schneidet mit wenigen Schnitten die Spitze der Haube ab.

    Jetzt kann ich ins Innere sehen: Dort schwimmen in einem See von lokaler Butter kleine Teile von gedörrtem Kamelfleisch.

    Alles in Butter – nicht nur im Hochzeitsschmaus

    Auch wenn mir keine Hochzeitsnacht bevorsteht, bin ich bereit, davon zu probieren. Aber, da bin ich mir mit meinen Nachbarn einig: ein Löffel genügt ja. Ein Jahr lang, wird mir erklärt, hält das Hochzeitsessen unter der Dattelmasse. So wie es im Korb verpackt ist, kann es gut z.B. auf einem Kamel befestigt und mit auf Reisen genommen werden. Und wenn die rechte Braut gefunden ist, dann zückt der Bräutigam das Messer. Es ist angesichts der FGM-Thematik ein verstörendes Bild, das sich plötzlich hier im Festmahl widerspiegelt. Denn angesichts der Infibulation der Frauen ist es traditionell tatsächlich erste Aufgabe des Ehemanns in der Hochzeitsnacht, ein Messer zu gebrauchen.

    Es wird schon dunkel, als wir das Fest der Frauen verlassen. Ich kann ihr Trillern und ihr Lachen noch lange hören. Mit Vergnügen haben sie den Inhalt der Hero unter sich aufgeteilt. Zumindest für heute, anlässlich unseres Besuchs, konnten sie es genießen. Heute war auch für sie beim Öffnen der Hero alles in Butter.