Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Hilferuf in Corona-Zeiten: Ein Hemd am Fenster signalisiert Gewalt in der Familie

Text: Sophia Schneider

 

Andrea Iglesis ist Expertin für Kinderrechte und aktiv in Lateinamerika. Im Interview spricht sie über die zunehmende Gewalt gegen Kinder im Rahmen der Corona-Krise.

 

Frau Iglesis, warum sind Kinder in Lateinamerika verhältnismäßig häufig Opfer von Gewalt?
Lateinamerika ist bekannt als Region mit dem höchsten Gewaltaufkommen weltweit. Die Mischung aus Armut, Ungleichheit, organisiertem Verbrechen, politischer Korruption und Regierungen, die nicht die Menschenrechte schützen, potenzieren sich gegenseitig zu einer hohen Gewaltbereitschaft unter den Einwohnern, vor allem gegen Kinder und Jugendliche.
Laut den aktuellen Zahlen der Vereinten Nationen sind jeden Tag 67 Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren Opfer von Mord und Totschlag – eine Rate, die fünfmal höher ist als der weltweite Durchschnitt. Zudem werden in Lateinamerika jeden Tag 1,1 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren Opfer von sexueller Gewalt. 6,3 Millionen Migranten sind unter 18 Jahren und es werden täglich mehr – aufgrund von Armut und Gewalt in ihren Familien und Gemeinden. Neben legislativen Strukturen müssen Räume der Sicherheit für Kinder geschaffen werden. Familien müssen finanziell gestärkt und auf die Rechte ihrer Kinder hingewiesen werden.

Die staatlich verordnete Quarantäne hat die soziale Situation in vielen Ländern verschlimmert. Wie ist die aktuelle Lage in Lateinamerika?
Zu Covid-19 gibt es in Lateinamerika keine zuverlässigen Statistiken. In den Regionen Südamerikas, in denen ich arbeite, konzentrieren sich die Maßnahmen auf die Prävention von Ansteckung, die Reduktion von Gewalt gegen Kinder sowie gegen die Folgen der Quarantäne, das heißt den erhöhten Stresslevel innerhalb der Familien und den versäumten Unterrichtsstoff.  In derselben Weise, wie sich der Gebrauch der Informationstechnologien im Moment erhöht, wächst auch die Cyber-Kriminalität. Eine Aufklärung der Bevölkerung über die Gefahren des Internets ist ebenso notwendig wie eine Prävention und Ahndung möglicher Delikte. In Zeiten von Corona gibt es viele Bereiche, die eine Herausforderung in Bezug auf den gesundheitlichen und seelischen Schutz der Mädchen und Jungen darstellen. Insbesondere gilt dies für Kinder in Wohnheimen, Krankenhäusern und Jugendhaftanstalten. Ausgegrenzt von institutionalisierten Hilfsmaßnahmen sind zudem Straßenkinder sowie Kinder von Migranten und Flüchtlingen.

Können Sie in Zeiten von Corona einen Anstieg der Gewaltbereitschaft und speziell gegenüber Kindern feststellen?
Neben dem Anstieg von Morden an Frauen und häuslicher Gewalt sind momentan auch Kinder von erhöhter Gewaltbereitschaft betroffen. Die Systeme der Grundversorgung funktionieren in manchen Regionen nicht mehr. Die einzelnen Länder haben keine einheitlichen Schutzmaßnahmen für Bedürftige und Kinder implementiert, sondern unterschiedliche Maßnahmen, je nach Mitteln und Möglichkeiten. Aber momentan werden die Schutzmaßnahmen zurückgefahren und Vergehen seltener gerichtlich verfolgt, was zu einem Anstieg der Gewalt führt. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen hat auf einen weltweiten Anstieg der häuslichen Gewalt erschütternden Ausmaßes im Zusammenhang mit Covid-19 hingewiesen. In einigen Ländern hat sich die Zahl der Anrufe bei der Notfallhotline verdoppelt. Hinzu kommt, dass die soziale Kontrolle in Zeiten der Kontaktsperre schwierig geworden ist und es noch unwahrscheinlicher ist, Missbrauch an Kindern aufzudecken, da die Betreuung der gefährdeten Familien aufgrund von Corona auf ein Minimum reduziert wurde. Da auch die Schulen geschlossen sind, können die Lehrkräfte keine Anzeichen von körperlicher Gewalt wahrnehmen und anzeigen.

Wie können Kinder um Hilfe bitten? Übers Internet?
Laut UIT, der Telefongesellschaft in Lateinamerika und der Karibik, haben im Durchschnitt nur 44 Prozent der Haushalte in Lateinamerika Zugang zum Internet; der OECD-Durchschnitt liegt bei 81 Prozent. Auch innerhalb Lateinamerikas gibt es große Unterschiede. Während im südlichen Lateinamerika etwa 54 Prozent der Haushalte Internetzugang haben, sind es in Zentralamerika und den Andenländern nur 34 Prozent, in der Karibik nur 20 Prozent, und das auch nur in den Städten. Ländliche Regionen sind stark benachteiligt, was den Zugang zu Hilfsportalen im Internet betrifft. Es gibt einige wenige Hilfsangebote aus der Zivilbevölkerung heraus, um den Kindern zu helfen, die Opfer von Gewalt geworden sind. So gibt es zum Beispiel die Vereinbarung, ein Hemd in einer bestimmten Farbe aus dem Fenster zu hängen, wenn man Hilfe benötigt - als Signal für die Nachbarn und Passanten, dass hier ein Kind in Not ist.

Wie können die Hilfsorganisationen wie zum Beispiel die Kindernothilfe Kindern, die Opfer von Gewalt geworden sind, helfen?
Die Kindernothilfe unterstützt Nichtregierungsorganisationen dabei, die Rechte gefährdeter Kinder zu schützen. Gemeinsam helfen sie den lokalen Behörden, Maßnahmen zur Prävention von Gewalt zum Schutz der Kinderrechte zu entwickeln und Räume der Sicherheit für Kinder und Jugendliche zu implementieren.Viele ihrer Partner in Lateinamerika versuchen zurzeit, den innerfamiliären Stress zu minimieren und die Gesellschaft dazu zu bringen, Gewaltdelikte anzuzeigen. Auch im Internet erhalten die Kinder Möglichkeiten, Bescheid zu geben, wenn sie Opfer von Gewalt oder Missbrauch geworden sind. Die Kindernothilfe und ihre Partner haben bereits frühzeitig gesundheits- und gewaltpräventive Maßnahmen zum Schutz von Kindern verstärkt umgesetzt, weil sie die Folgen von Covid-19 vorausgesehen haben. Sie haben verschiedene Kommunikationswege für Gewaltopfer geschaffen, zum Beispiel haben sie Ansprechpartner in Gemeinden bestimmt, um schnell auf mögliche Vergehen reagieren zu können, ohne das Kontaktverbot zu verletzen.

Glauben Sie, dass sich die Situation aufgrund von Corona nachhaltig für die Kinder in Lateinamerika verschlechtern wird?
Laut einer Studie von Human Rights Watch vom 9. April 2020 gibt es Anzeichen, dass die durch Covid-19 verursachte Krise lang anhaltende und verheerende Auswirkungen auf die Jungen und Mädchen in Lateinamerika haben wird. Über die Gründe haben wir bereits gesprochen. Es ist davon auszugehen, dass der Arbeitsplatzverlust und das geringere Einkommen sowie die damit einhergehende finanziell unstabile Situation in vielen Familien dazu führen wird, dass mehr Kinder als vorher arbeiten müssen. Es wird mehr sexuellen Missbrauch, Kinderehen und Kinderschwangerschaften sowie sexuelle Ausbeutung über das Internet geben. Ein weiteres Problem wird sein, dass die durch Covid-19 verstorbenen Väter und Mütter Waisen oder Halbwaisen hinterlassen, die wiederum verstärkt der sexuellen Ausbeutung oder der Gefahr, als Kinderarbeiter ausgebeutet zu werden, schutzlos ausgesetzt sind. Hinzu kommt die Ansteckungsgefahr jener Kinder, die aus Gründen des Schutzes in Wohnheimen untergebracht werden und dort dicht an dicht mit anderen Kindern aus anderen Familien zusammenleben. Noch schlimmer ist die Vorstellung, dass das Corona-Virus auf eines der vielen Flüchtlings- und Migrantenlager übergreift, wo Tausende Menschen dicht gedrängt leben und weder das Kontaktverbot noch die erforderlichen Hygieneregeln eingehalten können. Es ist wahrscheinlich, dass das Gesundheitssystem in vielen lateinamerikanischen Regionen an den Folgen der Pandemie zusammenbricht und die Kinder keine Impfungen oder andere Medikamente erhalten und somit die Kindersterblichkeit steigen wird.  

 

Unsere Expertin

Portrait Andrea Iglesis (Quelle: Ludwig Grunewald)
Andrea Iglesis ist Sozialpsychologin, Expertin für Kinderrechte und Beraterin für Nichtregierungsorganisationen in Ländern Lateinamerikas. Sie ist Trainerin für Lateinamerika in unserem Team Training & Consulting. 

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