Suche
Jetzt spenden Pate werden
Rasierklinge in einer Hand. (Quelle: KNH)

Genitalverstümmelung: Schnitte in Körper und Seele

Schätzungen zufolge sind etwa 140 Millionen Frauen, Mädchen und Säuglinge Opfer von genitaler Beschneidung oder Verstümmelung. Jedes Jahr kommen weitere zwei bis drei Millionen hinzu. Allein in Afrika sind etwa 92 Millionen Mädchen über zehn Jahren genital verstümmelt. In 28 Afrikanischen Ländern wird diese Tradition weiterhin praktiziert. Auch im Süden der arabischen Halbinsel vor und in Teilen Asiens ist Genitalverstümmelung an der Tagesordnung, ebenso innerhalb von Migrantengemeinden in Europa oder Nordamerika - mit gravierenden Folgen für Körper und Seele. Die Kindernothilfe setzt sich mit verschiedenen Projekten und in ihrer Lobby- und Kampagnenarbeit dafür ein, dass diese Praxis ein Ende hat.

Was ist Genitalverstümmelung?

Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genitale Mutilation, FGM) umfasst alle Eingriffe, die eine teilweise oder komplette Entfernung der äußeren weiblichen Genitalien mit sich bringt, sowie alle anderen Verletzungen der weiblichen Geschlechtsorgane ohne medizinischen Grund. Die Verstümmelung von Mädchen und Frauen kann unterschiedliche Ausmaße haben. Besonders verbreitet sind:

  • Klitorisbeschneidung: Die Klitoris wird teilweise oder komplett entfernt.
  • Exzision: Die inneren Schamlippen und die Klitoris werden entfernt. Die äußeren Schamlippen werden nicht verletzt. Die Vagina wird nicht verschlossen. (Exzision und Klitorisbeschneidung sind mit 85 Prozent die häufigsten Beschneidungsarten.)
  • Infibulation (Pharaonische Beschneidung): Die Klitoris und die inneren Schamlippen werden vollständig entfernt. Die Innenseiten der äußeren Schamlippen werden ebenfalls entfernt. Beide Seiten der Vulva werden dann aneinander befestigt. Als Material hierzu dienen Dornen, Seide oder Katgut. Die noch vorhandene Haut der äußeren Schamlippen bildet dann Narbengewebe über der Vagina. Damit die Haut nicht vollständig zusammenwächst, wird ein Fremdkörper eingeführt. Durch die so gebildete kleine Öffnung können Urin und Menstruationsblut abfließen. Manchmal werden die Beine des Mädchens zusammengebunden und sie wird ruhig gestellt, damit die Wunde heilen kann. Bei der Geburt eines Kindes muss die Infibulation rückgängig gemacht werden, damit das Kind überhaupt durch das feste Narbengewebe hindurch kommen kann. Nach der Geburt wird alles wieder vernäht wie zuvor. Die Infibulation ist die extremste Art der Verstümmelung weiblicher Genitalien und richtet unmittelbar und langfristig die größten gesundheitlichen Schäden an.
  • Die Verstümmelung

    Die Beschneidung oder Verstümmelung erfolgt mit speziellen Messern, aber auch mit Scheren, Skalpellen, Glasscherben, Rasierklingen oder Deckeln von Konservendosen. Aufgrund dieser ungeeigneten Instrumente, unzureichender Lichtverhältnisse und nicht steriler Umgebung kann es zu zusätzlicher Schädigungen der Mädchen und Frauen kommen. Im Allgemeinen werden keine Narkose-, Beruhigungs- oder Desinfektionsmittel benutzt. Die Prozedur dauert 15 bis 20 Minuten. Danach werden auf die entstandenen Wunden Salbenmischungen aus Kräutern, Haferbrei, Asche oder Ähnlichem eingerieben, um die Blutung zu stillen. Nicht selten kommt es zu heftigen Entzündungen, anhaltenden Blutungen oder schweren Schocks der Betroffenen aufgrund der starken Schmerzen.

    Beschnitten werden Mädchen und Frauen unterschiedlichen Alters. Üblicherweise wird der Eingriff bei Mädchen zwischen vier und zehn Jahren durchgeführt. Das Alter scheint aber generell geringer zu werden. Der Eingriff kann im Säuglingsalter, während der Kindheit, aber auch zum Zeitpunkt der Heirat oder der ersten Schwangerschaft passieren.

    In der Regel sind es ältere Frauen aus dem Dorf oder traditionelle Geburtshelfer, die den Eingriff durchführen. Diese Frauen verdienen damit ihren Lebensunterhalt und sind angesehene Mitglieder der Gemeinschaft. Zunehmend werden diese Eingriffe aber auch von medizinischem Personal, zum Beispiel in Krankenhäusern durchgeführt.

  • Warum Genitalverstümmelung?

    Die Gründe, warum Mädchen und Frauen verstümmelt werden, sind vielfältig. Kulturelle, religiöse und soziale Faktoren kommen zusammen:

    • Gesellschaftlicher Druck aufgrund von alten Bräuchen,
    • Der Glaube, dass es ein notwendiges Ereignis zur richtigen Erziehung eines Mädchens ist und es auf das Erwachsensein und die Ehe vorbereitet,
    • Der Glaube, dass es hilft, die Sexualität einer Frau zu kontrollieren. Sie ist nach dem Eingriff keusch und bleibt ihrem Ehemann treu,
    • Mädchen müssen „rein" und „schön" sein. Das sind sie erst nach der Entfernung der Körperteile, die als „männlich" und „unrein" angesehen werden,
    • Fälschlicherweise wird geglaubt, dass diese Praktik einen religiösen Ursprung hat,
    • In vielen Gesellschaften ist die „Beschneidung" eine kulturelle Tradition. Deshalb wird sie aufrechterhalten,
    • In manchen Gesellschaften nehmen Bevölkerungsgruppen das Verhalten anderer Gruppen an, so verbreitet sich die Genitalverstümmelung,
    • Beschneiderinnen sehen die Praktik als ihren Beruf. Sie ernähren damit ihre Familien. Für Krankenschwestern ist es oftmals eine zweite Einnahmequelle,
    • Nur beschnittene Frauen genießen in vielen Kulturen soziale Anerkennung und sind heiratsfähig,
    • Die Genitalverstümmelung ist oft Teil von Übergangsriten in das Erwachsenenleben.
  • Die Folgen genitaler Verstümmelung

    Die weibliche Genitalverstümmelung führt neben dem Schaden durch den Eingriff an sich, meistens zu schweren physischen und psychischen Folgen für die Betroffene, die ein Leben lang darunter leidet. Man kann zwischen sofort auftretenden Gesundheitsschäden und den langfristigen Gesundheitsschäden unterscheiden.

    Zu den sofortigen Schäden zählen extreme Blutungen, wenn beispielsweise Arterien durchtrennt werden, Schock durch die Schmerzen und die Angst, Infektionen wie Tetanus, Blutvergiftung und Wundbrand, Harnverhaltung und Verletzungen des angrenzenden Gewebes. Schäden, die später auftreten können, sind Blutungen durch eine infizierte Wunde, Schwierigkeiten beim Urinieren, wiederholte Harnwegsinfektionen, Inkontinenz, chronische Unterleibsentzündungen, Unfruchtbarkeit, Abszesse, Zysten, Fisteln, Sexualstörungen, Schwierigkeiten bei der Menstruation sowie Probleme während der Schwangerschaft und der Geburt.

    Die genitale Verstümmelung kann bei einer betroffenen Frau ein fast unauslöschbares Trauma hinterlassen. Der Eingriff kann eine Ursache für Verhaltensstörungen sein. Die Mädchen, die sich diesem Ritual unterziehen müssen, verlieren das Vertrauen in ihre Bezugspersonen. Von genitaler Verstümmelung betroffene Mädchen und Frauen fühlen sich oft unvollständig, leiden unter Depressionen, Angstzuständen, chronischer Reizbarkeit, Partnerschaftskonflikten, Frigidität und Psychosen. Opfer von genitaler Verstümmelung leiden somit ein Leben lang unter den Folgen des Eingriffs.

  • Im Einsatz gegen die Verstümmelung

    Die Kindernothilfe betrachtet die weibliche Genitalverstümmelung (Female Genitale Mutilation, FGM) als schwere Kinder- und Menschenrechtsverletzung, die das sichere und gesunde Aufwachsen von Mädchen behindert. Aus diesem Grund ist die Kindernothilfe gegen FGM - vor allem in Äthiopien - aktiv. Zwischen 2000 und 2009 haben wir ein sehr erfolgreiches, mit dem BMZ kofinanziertes Projekt abgeschlossen, dessen Erfolge sich durchaus sehen lassen können: Mehr als 1,2 Millionen Menschen wurden durch Präventions- und Aufklärungsarbeit erreicht, 400.000 Mädchen im Alter zwischen vier und zehn Jahren wurden aufgeklärt. Insgesamt konnte die Verstümmelungsrate zwischen 2005 und 2009 von 62 auf 25 Prozent gesenkt werden.

    Verschiedene Komponenten müssen zusammenwirken, um Erfolg im Kampf gegen FGM zu haben:

    • Aufklärungskampagnen an Schulen, in Kirchen und Moscheen sowie auf öffentlichen Plätzen mit dem Ziel über die gesundheitlichen, sozialen und juristischen Aspekte der Genitalverstümmelung aufzuklären. Polizei und Justizbehörden sollten daran beteiligt sein,
    • Schaffung alternativer Ansätze gemeinsam mit der Bevölkerung, die nicht gegen Menschenrechte verstoßen und die der Genitalverstümmelung oftmals zugrunde liegenden sozialen Initiations- oder Integrierungsaspekte ersetzen,
    • Aufbau von Aktionsnetzwerke gegen schädliche traditionelle Praktiken: Diese bestehen unter anderem aus Dorfautoritäten, Regierungsvertretern und NGOs. Darüber hinaus sollen auch Vertreter der Regierungen und Ministerien eingebunden werden,
    • Allgemeine Kontrollmechanismen in unseren Projekten: Dazu gehören beispielsweise regelmäßige Gespräche der Betreuer mit Lehrern und anderen Mitarbeitern, die Begleitung bei Arztterminen oder das Gespräch mit den älteren Mädchen über Thema,
    • Schaffung neuer Perspektiven für Beschneiderinnen: Kleinkredit-Programme geben ihnen heute die Möglichkeit, ihre bisherige Tätigkeit aufzugeben und sich auf neue Arbeitsfelder zu konzentrieren – beispielsweise als Geburtshelfer, die gesellschaftlich einen ähnlich hohen Status haben.
  • Gemeinsame Erklärung zur WHOA-Kampagne

    Hier können Sie eine Gemeinsame Erklärung der Patenschaftsorganisationen zur WHOA-Kampagne des Bündnisses zum Schutz von Mädchen vor Genitalverstümmelung als pdf downloaden:

    Gemeinsame Erklärung

Äthiopien: Nachhaltig wirken durch Selbsthilfegruppen

Äthiopien: Nachhaltig wirken durch Selbsthilfegruppen

Vor zehn Jahren hat sich eine Handvoll äthiopischer Frauen auf ein Experiment mit uns eingelassen: Sie gründeten eine der ersten Selbsthilfegruppen nach einem Konzept, das wir entwickelt haben.

Mehr erfahren
Somaliland: Kampf gegen Genitalverstümmelung

Somaliland: Kampf gegen Genitalverstümmelung

In Somaliland erleiden 98 Prozent aller Mädchen die Qual einer Genitalverstümmelung. Wir kämpfen dagegen, etwa mit Alphabetisierungskursen für Mütter.

Mehr erfahren