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Schwabach: Weihnachtsmarktstand für die Kindernothilfe (Quelle: privat)

Schwabach: Ingrid Sättler sagt nach 30 Jahren Danke und Adieu

Ihr Stand auf dem Schwabacher Weihnachtsmarkt war legendär. 30 Jahre lang hat die Kindernothilfe-Patin ihn mit Unterstützung von Familie und Freunden mit liebevoll gefertigten Artikeln bestückt und betrieben. 25.000 Euro kamen dadurch zusammen. Im vergangenen Jahr beschloss die 75-Jährige schweren Herzens, ihr Engagement zu beenden.

Der Brief ist mit Sternen verziert, gemalt mit zwölf dicken Filzstiftstrichen, und einem großen Herz rechts unten in der Ecke. „Danke“ hat die Verfasserin handschriftlich über den Computerausdruck geschrieben. Ingrid Sättler hört auf. 30 Jahre lang hat sie sich für die Kindernothilfe ehrenamtlich auf dem Schwabacher Weihnachtsmarkt engagiert – jeweils am Wochenende des 2. Advent. Eine Person allein konnte die Arbeit gar nicht bewältigen. Deshalb erhielt Ingrid Sättler tatkräftige Unterstützung von ihrer Tochter, den beiden Enkelinnen, von Freunden und Bekannten. Das Material für die vielen Verkaufsprodukte kauften sie und ihre Tochter auf eigene Kosten. Und dann wurde das ganze Jahr über gestrickt, gesägt, gemalt, genäht, geschnitten, geklebt und gekocht – Strümpfe, Teddys, Marmelade, Weihnachtsdeko und vieles mehr. „Meine Tochter hat Tag und Nacht gestrickt“, erzählt die stolze Mutter.

Ausgezeichnet für ihr großartiges Engagement

Der Stand wurde im Laufe der Jahre eine feste Institution. „Viele Kunden kamen immer wieder und wollten weitere Strümpfe kaufen“, schmunzelt sie. "Beim Weihnachtsmarkt gab es bei euch die besten Stricksachen, Marmelade und die legendären (Hutschenreuther-)Glocken für den Christbaum", lobte Ursula Kaiser-Biburger von den Schwabacher Grünen den Stand in einer Laudatio auf Ingrid Sätter. Diese Rede hielt sie, als ihre Partei der 75-Jährigen im März 2017 den Frauenpreis „Ausgezeichnet“ für ihr großes Engagement überreichte. Die Grünen hatten den Preis ins Leben gerufen mit dem Ziel, Frauen, die nicht im Rampenlicht stehen und wenig Beachtung finden, für ihre herausragenden Leistungen zu ehren. „Ingrid Sättler“, so stellte Ursula Kaiser-Biburger die Preisträgerin vor, „hat ein Herz für die Nöte anderer.“ 30 Jahre lang habe sie mit verschiedenen Aktionen Geld für Straßenkinder in Brasilien gesammelt und damit mehreren Generationen eine Perspektive verschafft. Die 250 Euro, die Frau Sättler als Preisgeld erhielt, überwies sie direkt wieder an die Kindernothilfe!

Das Engagement fußte auf eigenen Erfahrungen, die Ingrid Sättler als Patin mit der Kindernothilfe gemacht hatte. 1979 wurde sie durch einen Fernsehbeitrag auf das Hilfswerk aufmerksam. Sie übernahm ihre erste Patenschaft für Eliane aus einem Schülerwohnheim in Recife im Nordosten Brasiliens. Ein reger Briefwechsel begann. „Für mich war jeder Brief von Eliane etwas Besonderes und der Tag, an dem er ankommt, ein Feiertag“, sagt die inzwischen mehrfache Patin.

Ingrid Sättler "Meine Patentöchter in Brasilien" - Artikel in "Spielen und Lernen" 1986 (Quelle: "Spielen und Lernen")

Besuch bei den Patenkindern

Irgendwann verriet Eliane Ingrid Sättler ihren größten Wunsch: ihre Patin persönlich kennenzulernen. Fünf Jahre sollte es dauern, bis ihr Wunsch in Erfüllung ging. Ingrid Sättler hatte inzwischen eine andere Patentochter, Sorocco aus dem Projekt Educandario São Jose in Princesa Isabel, ebenfalls im Bundesstaat Pernambuco. Die Schwabacherin flog mit einer Freundin nach Brasilien, um beide Mädchen zu besuchen. „Acht Stunden dauerte die Fahrt von Recife nach Princesa Isabel“, erinnert sie sich mit Schaudern, „300 Kilometer lang holperten wir über schlechte Straßen, über Feldwege mit tiefen Schlaglöchern und dicken Steinen. Aber es hat sich gelohnt.“ Sie wurden begeistert empfangen von der Projektleitung und den Mädchen, die hier betreut wurden. „30 Mädchen umringen uns, mit Händen und Füßen redeten sie temperamentvoll auf uns ein, erzählten uns von ihren Paten in Deutschland, zeigten uns Fotos und Briefe“, berichtet sie lachend. „Wir verbrachten einen ganzen Tag mit den Mädchen, wir waren beim Schulunterricht dabei und bei anderen Aktivitäten. Wir haben auch Soroccos Eltern besucht – lustig war, dass man im Dorf ihren  Vater ‚den Deutschen‘, nennt, weil er so fleißig ist.“

Einige Tage später schaute Ingrid Sättler bei ihrer ersten Patentochter Eliane in Recife vorbei. „Sie lief mir entgegen und fiel mir um den Hals.“ Für Patin und ehemaliges Patenkind ein wohl unvergesslicher Moment. Ingrid Sättler ist noch heute ganz gerührt, wenn sie an diese erste persönliche Begegnung der beiden denkt. 

Das Geld kommt an!

Mit dem Geld, das beim Weihnachtsmarkt zusammenkam, unterstützte die engagierte Patin meist Projekte im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco: mal Renovierungsarbeiten, mal eine Ausstattung mit Musikinstrumenten, mal die Anschaffung von Therapiegeräten. Von ihrer Reise hatte sie Fotos mitgebracht, mit denen sie ihren Weihnachtsmarktstand dekorierte. „Ich hab nie daran gezweifelt, dass die Patenkinder wirklich existieren und meine Hilfe brauchen“, erzählt sie. „Aber bei dem Versuch, hier andere Eltern für Patenschaften von Kindern in der Dritten Welt zu gewinnen, stieß ich oft auf Misstrauen und Ablehnung: „Die Briefe sind bestimmt nicht echt.“- „Schade ums Geld.“  „Mir schenkt auch niemand was …“

„Ich kann selbstverständlich nicht für alle Projekte sprechen, die die Kindernothilfe unterstützt“, schieb sie vor Jahren in einem Artikel über ihre Patenschaften, „aber ich wünsche mir, dass es überall so ist, wie wir es in Princesa Isabel und Recife erlebt haben. Dort wird mit den Spenden wirklich etwas für Kinder getan, die es bitter nötig haben.“

Schwabach: Weihnachtsmarktstand für die Kindernothilfe (Quelle: privat)

Ein Dank an alle, die mitgeholfen haben

Im Advent 2016, bei ihrem letzten Einsatz auf dem Weihnachtsmarkt, sagte Ingrid Sättler dann schließlich schweren Herzens: „Das war’s.“ Besonders bedankte sie sich bei ihrer Familie, bei ihren Enkelinnen Franziska und Magdalena, „die mich immer wieder ermutigt haben, sonst hätte ich niemals 30 Jahre durchgehalten.“ Die engagierte Förderin war mittlerweile 75 Jahre, und da steckt man die viele Arbeit nicht mehr so einfach weg. „Leider wird man nicht jünger und der Stand am Weihnachtsmarkt ist mir so richtig ans Herz gewachsen“, heißt es in ihrem Abschiedsbrief an ihre Unterstützer. „Glauben Sie mir, es fällt mir unendlich schwer, das alles zu beenden. Wir dürften in der langen Zeit durch ihre Hilfe ca. 25.000 Euro ‚erwirtschaftet‘ haben. Ich denke zurück an viele, viele, schöne Erlebnisse, die ich niemals missen möchte. An viele liebenswerte Menschen, die gerne ihr Portemonnaie für unsere gute Sache geöffnet haben und nicht nur durch das Geld mein Leben bereichert haben.“

Mit ihrem letzten Engagement auf dem Weihnachtsmarkt sammelte sie zum ersten Mal keine Spenden für Brasilien, sondern für ein Kindernothilfe-Projekt für syrische Flüchtlinge im Libanon. Ingrid Sättler wurde 1942 im Sudetenland geboren, ihre Kindheitsjahre waren von Flucht und Vertreibung geprägt. Deshalb hat sie auch besonders ein Herz für diejenigen, die ebenfalls alles aufgeben mussten, um zu überleben.

Ihr Engagement geht weiter

Patin ist Ingrid Sättler bis heute geblieben. Seit  2013 unterstützt sie Flavia im Landkreis Trifuno, auch wieder im Nordosten Brasiliens. Das Projekt, in dem die heute Zehnjährige gefördert wird, will die Lebensbedingungen von kleinbäuerlichen Familien nachhaltig verbessern. Dafür setzt sich Ingrid Sättler gerne ein.