Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Der Wiederaufbau ist abgeschlossen – das Recht auf Bildung bleibt das Ziel

Gute Nachrichten aus Haiti: In allen sechs Bergschulen, die die Kindernothilfe zusammen mit den Dorfgemeinschaften nach dem schweren Erdbeben 2010 dank einer großen Spendenaktion der Mitarbeiter der ThyssenKrupp AG wiederaufbauen konnte, lernen Jungen und Mädchen nun wieder unter guten Infrastruktur-Bedingungen. Für Jürgen Schübelin, Referatsleiter für Lateinamerika und die Karibik, ist damit ein wichtiger Schritt getan. Allerdings: "Auch wenn die Arbeit dieses Wiederaufbauprogramms endet, das Engagement mit den Kindern in diesen Schulen und mit ihren Lehrern geht natürlich weiter", so Schübelin. "Für die Kindernothilfe ist es wichtig, dass wir nicht bloß Gebäude errichten, sondern für das eintreten, was dahinter steht: Das Recht der Kinder auf Bildung!"

Denn das Recht auf Bildung ist das am stärksten verletzte Kinderrecht in dem Karibikstaat. Nur die Hälfte aller Mädchen und Jungen in Haiti erhalten überhaupt die Chance, jemals eine Schule besuchen zu können. Um das zu ändern, hat sich die Kindernothilfe engagiert dem Wiederaufbau von beim Erdbeben zerstörten Gemeindeschulen in den extrem schwer zugänglichen Bergregionen südlich von Rivière Froide und Carrefour verschrieben. Gemeinsam mit den Kindern, Eltern und Lehrern - sowie der ganzen Dorfgemeinschaft - wurden die sechs Bauvorhaben, unterstützt von erfahrenen Handwerkern, geplant und umgesetzt, während der Unterricht provisorisch unter Bäumen und Zeltplanen stattfinden musste. Mit dem neuen Gebäude in dem kleinem Ort Bouvier wurde nun auch die letzte Schule dieses Projektes feierlich eingeweiht.
Berglandschaft in Haiti (Quelle: Jürgen Schübelin)
Der Zugang zu den abgelegenen Bergregionen war nicht leicht. (Quelle: Jürgen Schübelin)
Dabei war der Wiederaufbau nicht leicht: Das Kindernothilfe-Team in Port-au-Prince mit dem verantwortlichen Baumeister Wilner Jean-Baptiste musste jeweils zweitägige Fußmärsche auf steilen Saumpfaden zurücklegen, um die Baustelle zu erreichen. Jeder Sack Zement für das Fundament der Schule, jedes Brett, jedes Wellblechteil für das Dach - sowie jede Schulbank - mussten auf dem Rücken von Maultieren oder den Köpfen von Menschen über diese Route befördert werden. Allein die Bauvorbereitungen und der Transport der Materialien erforderten jeweils mehrere Monate Zeit, da während der Regenperiode die Flüsse teilweise nicht passierbar waren. "Es gibt in der Geschichte der Kindernothilfe", so Jürgen Schübelin, "kein vergleichbares Projekt, das einen derartigen logistischen Aufwand erfordert hätte!"

Insgesamt ermöglicht die Kindernothilfe durch dieses Bergschulprogramm 590 Mädchen und Jungen den Zugang zu Bildung und somit eine bessere Lebensperspektive. Alle sechs wiederaufgebauten Schulen funktionieren nach dem gleichen Prinzip: Die Lehrer arbeiten mit Kindern mehrerer Klassenstufen in einem Raum zusammen. In jeder Schule gibt es vier Klassenzimmer - sowie einen kleinen Raum mit Stockbetten, in dem die Lehrer während der Woche übernachten können. Alle Schulen wurden mit Wassertanks und Sanitärräumen, einer Kochmöglichkeit, sowie einer Photovoltaik-Plakette ausgestattet, um auch abends über Licht zu verfügen - und die Klassenräume für die Arbeit mit den Eltern und den Dorfkomitees nutzen zu können.

Überall in den sechs Gemeinden wurden mit den Kindern zusammen Schulgärten angelegt, um Gemüse und Früchte für die tägliche Verpflegung der Mädchen und Jungen zu erzeugen. Im Unterricht spielen handwerkliche Elemente eine wichtige Rolle: Neben Grundkenntnissen über Anbaumethoden und kleinbäuerliche Landwirtschaft geht es unter anderem auch um ganz praktische Fertigkeiten wie Schreinern und Flechten. Die Kinder lernen, traditionelle haitianische Holzstühle herzustellen - sowie leicht verkaufbare Haushaltsutensilien aller Art.