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Schülerinnen spielen. (Quelle: Daniel Hernandez Salazar)

No á la violencia –nein zur Gewalt!

Kinder sind unsere Hoffnung auf ein Guatemala der Würde, sagte Monseñor Gerardi einst –vor seiner Ermordung. Zwanzig Jahre danach arbeiten die renommierten Erben des Bischofs weiter an dem Ziel, Jungen und Mädchen aus der Spirale der Gewalt herauszuholen.

Text: Øle Schmidt, Fotos: Daniel Hernández-Salazar

Die dreizehnjährige Betsy lässt mit einem Seufzer der Freude einen Luftballon platzen, dann wischt sie sich die Locken aus dem Gesicht und schreibt mit einem dicken blauen Filzstift ihren Wunsch für die Zukunft auf einen Zettel: „Ich will Ärztin werden!“

Dann muss der nächste Luftballon dran glauben. „Auf die Rückseite schreibt ihr bitte, warum es eure Berufung ist“, ruft Ninfa Alarcón gegen das Stimmengewirr von vierzig Kindern an. Sie arbeitet für ODHAG, das Menschenrechtsbüro der Erzdiözese der Hauptstadt. In Guatemala ist ODHAG eine Institution, auch weil der Volksheilige Gerardi sie gegründet und geleitet hat. Stolz zeigt Betsy die Rückseite ihres Wunschzettels: „Als Ärztin kann ich verwundeten Kindern helfen.“.Kurz darauf ändert sich Betsys Gesichtsausdruck, und sie erzählt, wie sich die rasende Gewalt in Guatemala für Kinder und Jugendliche anfühlt; in den Armenvierteln mit den Drogenbanden und den korrupten Polizisten, auf dem Schulweg mit den alten Grabschern und in den oftmals zerrütteten Familien. Betsys Geschichte handelt von der unheilvollen Verbindung von Alkohol und männlicher Gewalt. „Du bist nicht meine Tochter, ich mag dich nicht!“, brüllte der Vater betrunken. „Dann hat er versucht, mich zu vergewaltigen“, erzählt Betsy leise. Als sie sich losriss, rannte er mit einer Machete hinter ihr her. Heute lebt Betsy bei ihrer Oma. Die Mutter will ihr bis jetzt nicht glauben und teilt weiter Tisch und Bett mit dem Vater.

Ninfa Alarcón mit Kindern. (Quelle: Daniel Hernandez Salazar)
Ninfa Alarcón mit Kindern der Matasano-Schule

Erfahrungen wie die von Betsy sind traurige Realität für viele Kinder in Guatemala. Mädchen und Jungen werden in einer gewalttätigen Welt groß und halten dies für normal. Dass es nicht normal ist, und dass sie sich dessen bewusst werden, daran arbeitet der Kindernothilfe-Partner. Nachdem ODHAG in der Hauptstadt Lehrer, Jugendgruppenleiter und Polizisten zu „Botschaftern für Kinderrechte“ ausgebildet hat, setzt das Büro jetzt seine Arbeit in den Armenvierteln an der Peripherie fort. Beides in Zusammenarbeit mit der Kindernothilfe. Die Armut ist groß, der Boden und der Reichtum sind ungerecht verteilt, die Mafiakartelle sind einflussreich, auch weil der Staat korrupt ist und die herrschende Straffreiheit duldet. Und über allem liegt der dunkle Schatten von sechsunddreißig Jahren Bürgerkrieg und Genozid an den indigenen Ureinwohnern.

Ninfa Alarcón mit dem Rektor der Schule. (Quelle: Daniel Hernandez Salazar)
Ninfa Alarcón mit dem Rektor der Schule.

Die Grundschule in Matasano ist ein notdürftig umfunktioniertes Wohnhaus, ohne Licht, ohne Strom, die wenigen Klassenräume sind hoffnungslos überfüllt. Dennoch ist das junge Team um Rektor Manji motiviert. „Als Erstes erarbeiten wir mit den Kindern, dass sie überhaupt Rechte haben“, erzählt Ninfa Alarcón. „Danach klären wir sie auf, welche das sind.“ Fünf Jahre lang werden sie zweihundertachtzig Kinder aus drei Schulen begleiten. Das ehrgeizige Ziel ist, der Gewalt vorzubeugen. Dabei ist Ninfa Alarcón die Arbeit am Selbstwertgefühl der Schüler besonders wichtig, weil auch Kinder nur dann ihre Rechte einfordern können, wenn sie es sich selbst wert sind.

Die Schüler werden ermutigt aufzuschreiben, was sie mögen an ihrem Leben – und was sie ändern wollen. „Nur wenn wir wissen, dass ein Onkel übergriffig ist, können wir auch aktiv werden“, sagt Ninfa Alarcón. In einer eigens gezeichneten Landkarte markieren die Kinder, wo sie Gewalt im Elternhaus erfahren, wo auf dem Schulweg und im Schulgebäude. Der nächste Schritt ist, die identifizierten Angsträume zu verändern. Am meisten überrascht es die Kinder, dass sie nach ihrer Meinung gefragt werden, nach ihren Wünschen, und dass Erwachsene ihnen zuhören.

Auch die Lehrer machen ihre Hausaufgaben: Sie lernen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. Und sie lernen ihre Schüler kennen. Damit sie verstehen können, warum das zwölfjährige Mädchen übermüdet und ohne Hausaufgaben zum Unterricht erscheint: Natalia muss nachts aufstehen, um auf dem Hof ihrer Eltern die Hühner zu füttern, und hat dann einen zweistündigen Fußmarsch zur Schule vor sich.

Im ODHAG-Büro arbeiten die Mitarbeiter auch daran, die Gegenwart mit der Vergangenheit zu versöhnen. ODHAG unterstützt Opfer des Bürgerkrieges, damit sie vor Gericht endlich Gerechtigkeit erfahren. Im sonnendurchfluteten Innenhof hängen vergilbte Fotos an den Wänden, auch vom Monseñor, wie ihn hier alle nennen; der lachende Gerardi mit Papst Johannes Paul II., der geschminkte Gerardi im absurden Clownskostüm, der schmunzelnde Gerardi, von ausgelassenen Kindern umringt. „Monseñor Gerardi war ein Visionär“, sagt Ninfa Alarcón wehmütig über ihren früheren Chef. Als 1996 Erwachsene den Friedensvertrag unterzeichnen, schlägt Gerardi vor, dass ODHAG Projekte für Kinderechte beginnt. „Wir wollen ein neues Guatemala aufbauen“, sagt Ninfa Alarcón, „und der Monseñor hat uns immer wieder aufgefordert, die dafür wichtigsten Personen zu unterstützen: die Kinder.“

Kinder unter dem Plakat von Monsenor Gerardi. (Quelle: Daniel Hernandez-Salazar)
Mädchen unter einem Plakat, das an Monseñor Gerardi erinnert.

Nur einen Steinwurf vom Innenhof entfernt haben ODHAG und Monseñor Gerardi vor zwanzig Jahren Geschichte geschrieben, als sie ihr Enthüllungsbuch ,Guatemala – Niemals wieder’ vorstellten. Unter den Augen der Weltöffentlichkeit sagte der Mann damals in der überfüllten Kathedrale diesen Satz, der ihn keine achtundvierzig Stunden später das Leben kosten sollte: „Wir können belegen, dass die guatemaltekische Armee mehr als achtzig Prozent der Toten des Bürgerkrieges zu verantworten hat.“

Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu. (Quelle: Daniel Hernandez Salazar)
Friedensnobelpreisträgerin Rigoberta Menchu

"Als der international bekannte Monseñor Gerardi ODHAG gegründet hat, war das für uns Menschenrechtsverteidiger eine Art Lebensversicherung“, erinnert sich Rigoberta Menchú. Die 59-jährige, Angehörige des Quiche-Maya-Volkes, hat den Bürgerkrieg überlebt, ihre Eltern und zwei Brüder haben es nicht geschafft. „Er war ein wirklich beeindruckender Mann“, sagt sie mit lachenden, Tränen gefüllten Augen, „er konnte zuhören.“ Und er hat die Arbeit von Rigoberta Menchú unterstützt, den Genozid an ihrem Volk zu sühnen. Dafür wurde der kleinen, energischen Frau einige Jahre später der Friedensnobelpreis verliehen.

Betsy erzählt zum ersten Mal ihre Geschichte. (Quelle: Daniel Hernandez Salazar)
Betsy erzählt zum ersten Mal ihre Geschichte.

Zurück in der Schule in Matasano. Dort spiegelt ein einziger Augenblick die ganze Zerrissenheit Guatemalas zwischen Gewalt und Hoffnung auf Frieden wider. Als Betsy von ihrem gewalttätigen Vater erzählt, nimmt die dreizehnjährige Shirley sie in den Arm und trocknet ihre Tränen. Betsy hat sich getraut, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sie hat das bleierne Schweigen der Opfer gebrochen. Vielleicht sind das schon Früchte der Arbeit von ODHAG.

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