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Weihnachtsfest bei Stairway. (Quelle: Christian Nusch)

Ein Weihnachtsfest für Straßenkinder

Landet in den Philippinen ein Kind auf der Straße, geht sein Weg meist nur noch steil bergab. So weit, dass etliche von ihnen sogar ihre kleinen Körper verkaufen müssen, um zu überleben. Unsere Partnerorganisation Stairway (deutsch: die Treppe) eröffnet den Mädchen und Jungen behutsam neue Wege, hinaus aus dem Elend - unter anderem mit einem Weihnachtsfest.

Zusammengekauert liegt Patricio an der Straßenecke und duckt sich vor den Schlägen des Polizisten. Er muss dabei in sich hinein grinsen, denn der Polizist ist mit seinem absurden Hinken wirklich komisch. Und überhaupt: Das hier ist nur ein Spiel. Eine Weihnachtsaufführung der Stairway-Jungs. „Vor einem Jahr noch habe ich an Weihnachten tatsächlich auf der Straße gelebt“, erinnert sich Patricio und erschauert bei dem Gedanken daran. „Ich bin damals in die Kirche gegangen, und als die Messe vorbei war, stellte ich mir vor, wie es wäre, jetzt nach Hause zu gehen und mit meinen Eltern Weihnachten zu feiern. Aber es gab kein Zuhause und keine Familie.“

Die Schauspieltruppe mit dem Weihnachtsmann. (Quelle: Christian Nusch)
Die Schauspieltruppe mit dem Weihnachtsmann.

Donna Baccay ist 38 Jahre alt, Sozialarbeiterin bei der Kindernothilfe-Partnerorganisation Stairway und Patricios Vertrauensperson. Sie erinnert sich noch gut an den Tag, an dem sie den damals Elfjährigen in einem der staatlichen Kinderheime der philippinischen Hauptstadt Manila zum ersten Mal sah. „Seine Augen waren so traurig. Sie sagten nur: Nimm mich mit. Ich hätte ihn am liebsten sofort eingepackt, aber natürlich mussten wir auch bei ihm den Regularien folgen.“

Eine Treppe aus dem Elend

Als Donna Patricio fand, hatte sie einen Jungen vor sich, der nie Kind sein durfte. Seine Eltern hatten sich Geld geliehen und konnten es nicht zurückzahlen. Also nahmen sie ihren damals siebenjährigen Sohn aus der Schule und gaben ihn dem Gläubiger als Arbeitskraft. Dort musste er die Ziegen hüten, und wenn eines der Tiere entwischte, wurde er geschlagen. Irgendwann hielt er es nicht mehr aus, er floh von seiner entlegenen Heimatinsel und ging nach Manila. Dort lebte er in den Straßen der Hauptstadt. Eines Nachts fing ihn die Polizei ein und steckte ihn in das Kinderheim. „Kinderheim ist der falsche Begriff“, sagt Donna. „Das sind eigentlich Kindergefängnisse. Den Behörden geht es nur darum, die Kinder von der Straße zu kriegen. In diesen Gefängnissen werden die Kinder einfach in Zellen eingesperrt, sie bekommen kaum etwas zu essen, und die Älteren misshandeln die Jüngeren.“

Alleine in Manila leben schätzungsweise 75.000 Straßenkinder. Stairway hat 14 Plätze. Hier zu landen ist wie der Hauptgewinn in einer Lotterie, die ansonsten nur Elend zu bieten hat. „Wir wählen die Jüngsten und Schwächsten aus, diejenigen, die von den Gangs am schlimmsten fertiggemacht werden“, erklärt Donna. Ziel ist es, allen 14 Jungen langfristig den Weg zurück in ein normales Leben zu bereiten. „Bei Stairway erproben sie sich dafür. Wir bieten ihnen quasi eine Familie – und sie müssen sich in diese Familie mit ihren vielen Mitgliedern, Strukturen und Regeln einfügen können“, beschreibt Donna einen wichtigen Aspekt des Projektes.

Blick ins Publikum. (Quelle: Christian Nusch)
Kommt beim Publikum bestens an: Das selbstgeschriebene Stück der Straßenkinder.

Stairway gibt nicht nur 14 ehemaligen Straßenkindern ein Zuhause; sie ist auch eine von zwei Organisationen, die von der philippinischen Regierung ausgewählt wurde, um den Staat bei seinem Kampf gegen die sexuelle Ausbeutung von Mädchen und Jungen zu unterstützen. „Ursprünglich wollten wir einfach Kindern helfen, die auf der Straße lebten. Doch je näher wir uns mit den Straßenkindern und ihren Lebensbedingungen beschäftigten, desto mehr erkannten wir, dass bei fast allen ein Teil ihrer Geschichte gleich war: sexueller Missbrauch, oft schon durch die Eltern und dann auf der Straße in Form von Kinderprostitution“, erzählt Lars Jørgensen, der Gründer und Leiter von Stairway. Oft ist sexueller Missbrauch der Auslöser dafür, dass die Kinder von zu Hause wegrennen. Und auf der Straße haben sie kaum eine andere Möglichkeit, als ihre kleinen Körper zu verkaufen. „Wir nennen das ‚sex for survival‘, Sex zum Überleben – im Austausch gegen oft nicht mehr als eine warme Mahlzeit.“ Die Täter sind dabei ebenso Filipinos wie westliche Sextouristen. Nachdem man bei Stairway erkannt hatte, wie massenhaft Straßenkinder sexuell ausgebeutet werden, begann die Kinderrechtsorganisation mit einer groß angelegten Aufklärungskampagne.

Eltern ist nicht bewusst, wie sehr sie ihre Kinder traumatisieren

Im Laufe des inzwischen 25-jährigen Bestehens von Stairway sammelten die Mitarbeiter viel Erfahrung darin zu erkennen, ob ein Kind sexuellem Missbrauch ausgesetzt ist und was das für Folgen hat. Es ist Nancy Agaids Aufgabe, dieses Wissen in Workshops an diejenigen weiterzugeben, für die es besonders wichtig ist. Etwa an Sozialarbeiter, die in Slums direkten Kontakt zu den ärmsten Filipinos haben. Oft sind es die Eltern, die die eigenen Kinder für pornografische Aufnahmen filmen. „Die meisten Eltern sagen, das Leben ist hart, es gibt keine Jobs und jeder muss irgendwie zusehen, wie er überlebt. Sie sagen, wenn mein Kind sich vor der Kamera auszieht und sexuelle Handlungen vornimmt, dann werde doch niemand geschädigt, es würde ja nur angeschaut werden, von Menschen, die weit weg sind.“ Den Eltern ist dabei nicht bewusst, wie sehr sie ihre Kinder damit traumatisieren. „Wenn wir die Möglichkeit haben, mit ihnen darüber zu sprechen, was sie da anrichten, dann verstehen sie das. Aber solange das niemand tut, ist das ganz einfach Teil ihres Lebens“, erklärt Nancy den Ansatz von Stairway.

Nancy und ihr Team geben solche und ähnliche Seminare auch für die Mitarbeiter von Kinderhilfseinrichtungen, Behörden und der Polizei. In jedem einzelnen der 17 regionalen Polizeiausbildungszentren der Philippinen veranstalten sie zwei Mal pro Jahr einen Workshop. „Wir sprechen über Kinderrechte und Kinderschutzgesetze, über die Anzeichen dafür, dass ein Kind missbraucht wird, und darüber, warum die Kinder mit niemandem darüber sprechen und nicht ‚Nein‘ sagen können.“ Stairway erreicht mit diesen Workshops jedes Jahr rund 16.000 angehende Polizisten. Bei manchen hinterlassen sie so großen Eindruck, dass einige Gemeinden inzwischen eigene kleine Aufklärungsveranstaltungen machen.

Die Kinder bei der Vorbereitung des Bühnenbildes. (Quelle: Christian Nusch)
Die Kinder bei der Vorbereitung des Bühnenbildes.

Dazu kommen Aufklärungskampagnen im Internet – beispielsweise der Zeichentrickfilm „Red Leaves Falling“. Darin gibt eine verarmte Familie ihre Töchter einem Mann mit, der sie, statt wie versprochen zur Schule zu schicken, in ein Bordell zwingt. Am Ende des Films fasst sich eine Straßenfegerin, die schon lange ahnt, dass etwas Schreckliches in ihrer Nachbarschaft vorgeht, ein Herz und ruft die Polizei. Der Film ist auf verschiedenen Sprachen bei Youtube zu finden (http://youtu.be/QqO8u8yQcq0 ) – auch auf Tagalog, einer Sprache, die fast überall in den Philippinen verstanden wird. Der Film soll nicht nur Eltern und die Polizei für das Thema Kindesmissbrauch sensibilisieren, sondern auch die Menschen in den Philippinen dazu aufrufen, einzuschreiten, wenn sie mitbekommen, dass in ihrer Umgebung Kinder missbraucht werden. Dieses Konzept geht auf, bestätigt die Leiterin des Kinderschutzprogramms der philippinischen Anti-Cybercrime-Abteilung, die eng mit Stairway zusammenarbeitet. Sie bekommt zunehmend Hinweise aus der Bevölkerung und sieht, dass das Bewusstsein dafür wächst, dass die sexuelle Ausbeutung von Kindern ein schweres Verbrechen ist.

Video

Neun von zehn Kindern bei Stairway kamen als Opfer von sexuellem Missbrauch. Ob Patricio dazu gehört? Diese Information bleibt vertraulich, keiner der Jungen soll stigmatisiert werden. Doch dass er Schlimmes erlebt hat, ist offensichtlich, die Narben auf seinem Rücken und den Armen sprechen Bände. Seit sechs Monaten ist er hier, in einem idyllischen Ort auf der Insel Mindoro, weit weg von der Hauptstadt und ihren Schrecken. Als er ankam, konnte Patricio weder seinen Namen schreiben noch kannte er sein Geburtsdatum. „Alles, was es bei uns gibt – saubere Anziehsachen, die keine Lumpen sind, Spielzeug, überhaupt die Möglichkeit zu spielen – all das war neu für ihn“, erzählt Donna. Es hat Monate gedauert, bis Patricio langsam anfing, Vertrauen zu den Mitarbeitern von Stairway zu fassen.

Das Theaterstück wurde von ehemaligen Straßenkindern geschrieben

Ein Kind, das so fürchterliche Dinge erfahren hat wie Patricio, kann man nicht einfach in eine Schulklasse setzen und erwarten, dass es anfängt zu lernen. „Die Jungs sind so in ihrer traumatischen Vergangenheit gefangen, dass sie nicht einfach nach vorne schauen können. Bevor sie an ihre Zukunft denken können, müssen sie ihre Vergangenheit verarbeiten.“ Für die Sozialarbeiterin Donna ist Kunst eine besonders gute Möglichkeit, um einen Weg durch die Mauer zu bahnen, die die Kinder zu ihrem Schutz um sich herum gebaut haben. „Ich gebe ihnen zum Beispiel die Aufgabe, ein Tier zu malen, mit dem sie sich identifizieren können. Ich sage ihnen: ‚Malt es bunt‘. Oft sehe ich dann ein Tier, das schmutzig aussieht. Dann sprechen wir darüber, warum es dreckig ist und was unter dem Schmutz verborgen liegt.“ Behutsam, ganz behutsam tasten sich die Mitarbeiter von Stairway an die vielen Traumata der Jungen heran. Auch an das heikelste Thema: den sexuellen Missbrauch. Gerade dann, wenn sie sich auf der Straße für ein wenig Essen verkauft haben, fühlen sie sich schuldig. „Wir sprechen mit den Kindern über das, was passiert ist. Sie müssen begreifen, dass es nicht ihre Schuld ist, dass ein Erwachsener dafür verantwortlich ist. Sie sollen den Missbrauch nicht verdrängen, nicht vergessen, aber die traumatische Erfahrung darf ihr Leben nicht mehr bestimmen. Sie müssen sie als Teil ihrer Vergangenheit akzeptieren lernen und in die Zukunft schauen.“

Patricio mit einer Mitarbeiterin von Stairway
Geborgenheit und Wertschätzung: Bei Stairway hat Patricio sie endlich gefunden.

Therapien, Kunst, Sport – all das ist Teil des täglichen Programms bei Stairway. Lernen gehört natürlich auch dazu. Die Klassen haben nur vier oder fünf Schüler. Die meisten fangen mit ihren zwölf, 13 Jahren ganz von vorne an, im besten Fall haben sie Grundschulniveau. Auch ganz einfache Dinge, etwa Wäsche zu waschen, einen Raum auszufegen, ein Bett zu machen oder ein T-Shirt zu falten, müssen die Jungen erst lernen. Das alles sind Dinge, die man auf der Straße nicht braucht. In einer Werkstatt und einem Garten lernen sie Fertigkeiten, die sie später für ein Auskommen brauchen können. Keine Frage – die Wunden auf den Kinderseelen zu heilen ist eine aufwändige Angelegenheit. 30 Mitarbeiter gibt es bei Stairway, die sich um die 14 Jungen kümmern, manchmal bis zu drei Jahre lang. „Wir würden natürlich gerne mehr Kindern helfen, deshalb hatten wir eine Zeit lang 20 Jungen hier. Aber wir merkten schnell, dass wir damit den Einzelnen nicht mehr gerecht wurden“, erklärt Lars Jørgensen. Nur mit der großen Zahl von Mitarbeitern können Patricio und die anderen Jungen die Aufmerksamkeit und individuelle Betreuung bekommen, die sie so dringend brauchen. „Diese Kinder hatten nie eine Familie, die ihnen Sicherheit und Selbstvertrauen gegeben hat. Ihnen wurde immer nur vermittelt, dass sie nutzlos und überflüssig sind.

Bei Stairway hat Patricio zum ersten Mal seinen Geburtstag gefeiert und nun wird er zum ersten Mal ein Weihnachten erleben, das diesen Namen verdient. Mit gemeinsamer Fahrt in die Kirche, Weihnachtsbaum, Festessen und einem Santa Claus, der Geschenke bringt. In einer Gemeinschaft, die einer Familie sehr nahe kommt und in der er geliebt und geschätzt wird. Wie jedes Jahr führen die Jungs ihr Theaterstück auf. Es wurde von ehemaligen Straßenkindern geschrieben, die darin ihre Erfahrungen verarbeiten. Wochenlang haben die Jungen am Bühnenbild gearbeitet und geprobt. „Am Anfang war es schwer, ein Straßenkind zu spielen, denn da kamen all die schlimmen Erinnerungen wieder hoch.“ Doch seit Patricio realisiert hat, dass all das der Vergangenheit angehört, machte ihm das Theaterstück ungeheuer viel Spaß. „Das Schönste sind die Weihnachtslieder. Nein, halt, das Schönste ist der Applaus. Ich bin so stolz und glücklich, wenn ich mich verbeuge und sehe, dass es den Menschen gefallen hat.“

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Seit über 55 Jahren unterstützen wir als Entwicklungshilfe-Organisation weltweit Kinder in Not und setzen uns für ihre Rechte ein.

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