Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Äthiopien: Der zähe Kampf gegen Kinderarbeit und Kinderhandel

Text: Malte Pfau, Fotos: Malte Pfau, Kindernothilfe-Partner

Im März 2019 bin ich mit einem Kameramann in den Norden Äthiopiens gereist, um das damalige und bis 2021 gültige Action!Kidz-Projekt zu porträtieren, in dem es um Kinderhandel und Kinderarbeit geht. Zeit also für einen kurzen Rückblick und Ausblick. Was ist seitdem passiert? Wie geht es den Kindern, die wir für unser Video gefilmt und interviewt haben, heute? Und wie wirkt sich die Corona-Krise auf den Alltag der Kinder aus?

Um die Situation und Chancen der Kinder zu verstehen, muss man allerdings noch etwas zum Kontext der Arbeit der Kindernothilfe in Äthiopien wissen. Seit vielen Jahren arbeiten wir hier bereits erfolgreich mit der Partnerorganisation FC (Facilitator for Change) zusammen, um ausbeuterische Kinderarbeit und den Kinderhandel, das sogenannte Qenja-System, zurückzudrängen. Und das sehr erfolgreich.

FC setzt hier vor allem auf präventive Maßnahmen. In möglichst vielen Dörfern sollen Frauenselbsthilfegruppen entstehen, die die Armut – als Hauptursache des Qenja-Systems – verringern und die Bevölkerung für die Kinderrechte sensibilisieren. Die Mitglieder der Gruppen geben weder Kinder als Qenja ab, noch nehmen sie fremde Kinder als Arbeitskräfte in ihrem Haushalt auf. So gibt es schon jetzt in den Gemeinden, in denen der Partner tätig ist, keine Kinder mehr, die als Qenja arbeiten müssen.

Adamluk und seine Besitzerin stehen im Eingang
Adamluk und seine Besitzerin: Jeden Tag schuftet der Junge als Erntehelfer und Hirte. Einen Lohn für die Arbeit bekommt er nicht. (Quelle: Malte Pfau)

Der Preis für ein Kind: 30 Euro und eine Ziege

Das hieß aber auch für unseren Auftrag: Um Kinderarbeit und Kinderhandel zu zeigen, mussten wir das Projektgebiet von FC verlassen. Mit dem Jeep ging es dafür raus aus der Provinzhauptstadt Bure, in der unser Partner sein Regionalbüro hat. Nach ungefähr einer Stunde Fahrt über unbefestigte Straßen kamen wir in ein kleines Dorf in der Gemeinde Ageni Fereda.

Hier trafen wir Adamluk (12), dessen Geschichte beispielhaft für die vielen Tausenden von Kinderhandel und Kinderarbeit betroffenen Kinder in Äthiopien steht. Vor einem Jahr wurde er an seine neuen Besitzer für zwei Jahre „verpachtet“. Seine eigene Mutter konnte ihn nicht mehr versorgen. Die neuen Besitzer hatten etwas Land, die eigenen Kinder waren aber bereits ausgezogen. Somit ergab sich für beide Seiten eine scheinbare Win-win-Situation. Die leibliche Mutter hatte ein Kind weniger zu versorgen und die neuen Besitzer eine billige Arbeitskraft. Der ausgehandelte Preis lag neben Verpflegung und Unterkunft bei 1.000 Birr (ca. 30 Euro) und einer Ziege für Adamluk.

Ob der Junge nach Ablauf der zwei Jahre zurück zu seiner Familie geht, ist jedoch nicht ausgemacht. Es kann durchaus sein, dass der Deal um weitere zwei Jahre verlängert wird. Natürlich ist es zu einfach, wenn man Adamluk als Verlierer bei diesem Kinderhandel beschreibt. Schließlich hat er ein Dach über dem Kopf und muss nicht hungern. Was für uns jedoch in erster Linie zählt, ist eine Bewertung der Kinderrechtssituation. Und hier muss man sagen, dass bei den Qenja-Kindern in der Regel zahlreiche Kinderrechte verletzt werden. Wie Adamluk besuchen die Kinder meistens keine Schule. Lange Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden bei sieben Arbeitstagen in der Woche sind an der Tagesordnung. Freie Tage oder Ferien werden oftmals verweigert, wie auch der Kontakt zur Familie.

Aethiopien: Ayana arbeitet in einer Gastwirtschaft (Quelle: Malte Pfau)
Ayana arbeitete jeden Tag unbezahlt in einer Gastwirtschaft – besonders für Mädchen ein sehr gefährlicher Ort (Quelle: Malte Pfau)


Mädchen sind oft besonders gefährdet

Gerade Mädchen, die häufig als Hausmädchen eingesetzt werden, sind vielen Risiken ausgesetzt. Häufig kommt es zu Unfällen wie Verbrennungen, zum Teil durch Überarbeitung und Müdigkeit, Depressionen wegen der sozialen Isolation, Missbrauch und Gewalt durch die Arbeitgeber. Nicht selten werden Mädchen nach sexuellen Übergriffen schwanger. Dann werden sie entlassen und trauen sich aus Scham nicht mehr zu ihren Ursprungsfamilien zurück. Ohne Berufsausbildung sehen viele die einzige Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt in der Prostitution zu verdienen. Um dieses Schicksal möglichst vielen Kindern zu ersparen, möchten wir in den nächsten Jahren das Programm gegen Kinderhandel und Kinderarbeit auch in den Gemeinden Jib Gedel, Ageni Fereda und Arbisi Menfesawit ausbauen.

Ein wichtiger Ansatz für unseren Partner FC ist dabei die Hilfe zur Selbsthilfe. Denn nur wenn man die soziale und wirtschaftliche Situation der Familien und vor allem der Mütter stärkt, lässt sich die Situation der Kinder langfristig verbessern.

Asekek Asab und ihre Kinder - sie stellt Energiesparöfen her (Quelle: Malte Pfau)
Dank eines Kredits ihrer Selbsthilfegruppe produziert AsekekAsab (28) Energiesparöfen – so erfolgreich, dass sie inzwischen acht Leute beschäftigen kann (Quelle: Malte Pfau)

Der Schulbesuch durchbricht den Kreislauf aus Armut und fehlender Bildung

186 Selbsthilfegruppen wurden in den vergangenen Jahren durch unseren Partner in drei Distrikten im Norden Äthiopiens aufgebaut und geschult. Bereits fast 3.300 Frauen sparen gemeinsam Kleinstbeträge und vergeben untereinander Kleinkredite, um so eine finanzielle Basis für Geschäftsideen zu haben. Die wirtschaftliche Verbesserung der Frauen führt dazu, dass sie ihre Familien besser ernähren und ihre Kinder wieder in die Schule schicken können. Zudem werden die Frauen in den Gruppen sensibilisiert für die Themen Kinderarbeit und Kinderhandel. Das Wissen und die Sensibilisierung wiederum wirken auf die Dorfgemeinschaften, sodass Kinderarbeit und Kinderhandel insgesamt zurückgehen. Die Organisation FC sorgt außerdem dafür, dass es Unterricht gibt für Kinder, die noch nie oder nur kurz eine Schule besucht haben. Denn nur wenn die Kinder eine Chance auf Bildung erhalten, können sie langfristig aus dem schlimmen Kreislauf aus Armut und wenig Bildung entkommen.

Doch wird auch Adamluk von der Arbeit unserer Partnerorganisation profitieren? Das Programm wirkt vor allem präventiv. Frauen sollen gar nicht erst in die Situation kommen, ihre Kinder verkaufen zu müssen. Zwar gibt es auch einzelne Beispiele von Frauen, die durch die Unterstützung einer Selbsthilfegruppe ihre Kinder zurückholen konnten. Diese Fälle bilden aber eher die Ausnahme.

In der Diskussion mit unserem Partner wurde mir die Komplexität der Situation erst wirklich bewusst. Unseren Kollegen vor Ort bleibt letztendlich nur die Überzeugungskraft der Worte. Wenn die Besitzer einem Schulbesuch nicht zustimmen, können sie kaum etwas dagegen unternehmen.Die Mitarbeitenden von FC werden weiterhin in Kontakt mit den Besitzern der Kinder bleiben, die wir während unserer Dreharbeiten getroffen hatten. Hauptziel ist es, dass diese möglichst einem Schulbesuch der Qenja-Kinder zustimmen. In einem weiteren Schritt soll versucht werden, ihre leiblichen Eltern zu finden und diese von einem Beitritt in eine Selbsthilfegruppe zu überzeugen.

Adamluk sitzt zwischen zwei anderen Jungen im Klassenzimmer (Quelle: Kindernothilfe-Partner)
Adamluk ist in der Schule regelrecht aufgeblüht, sagen seine Lehrer (Quelle: Kindernothilfe-Partner)

Adamluk besuchte die Grundschule – bis Corona kam

Eineinhalb Jahre sind seitdem vergangen, und die Anstrengungen von FC haben zumindest für kurze Zeit für Adamluk zu einer deutlichen Verbesserung der Situation geführt. Statt von früh bis spät die Tiere zu hüten oder auf dem Feld zu schuften, hat Adamluk für fast sechs Monate jeden Morgen die Schule besuchen können. Er lebt zwar noch bei seinen Besitzern und muss sicherlich nach wie vor hart für Unterkunft und Verpflegung arbeiten. Doch allein die Tatsache, dass er jetzt mit Gleichaltrigen lesen, schreiben und rechnen lernt, wird sich hoffentlich positiv auf den Verlauf seines weiteren Lebens auswirken. Mal ganz davon abgesehen, dass er in der Schule auch Zeit zum Spielen und Abhängen mit Freunden hat und damit ein fundamentales Recht eines jeden Kindes wahrnehmen kann.

Leider wurde sein erstes Schuljahr durch die Corona-Krise jäh unterbrochen. Auch in Äthiopien wurden Schulen und Universitäten geschlossen und die Menschen aufgerufen, zu Hause zu bleiben. Da kaum ein Kind Zugang zum Internet hat, findet daher für Hunderttausende Mädchen und Jungen seit Mitte März kein Unterricht statt. Wir können nur hoffen, dass bald wieder ein geregelter Schulbesuch möglich ist. Es ist aber zu befürchten, dass gerade Kinder wie Adamluk unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise leiden müssen.

Abeba schaut nachdenklich (Quelle: Malte Pfau)
Abebas Besitzer haben grundsätzlich zugestimmt, dass sie zur Schule gehen kann – aber erst, wenn sie sich nicht mehr um das jüngste Kind der Familie kümmern muss (Quelle: Malte Pfau)

Wenn die Besitzer nicht kooperieren, ändert sich wenig für die Kinder

Dabei waren die Erfolge auch für andere Kinder, die wir bei den Dreharbeiten getroffen haben, teilweise vielversprechend. Makeda aus dem Action!Kidz-Film muss für eine fremde Frau an einem Busbahnhof das Waschhaus putzen. Sie hatte eine schwere Augenkrankheit, die bisher nicht behandelt wurde. Dank der Unterstützung durch FC hat sie nun zumindest einen Augenspezialisten aufsuchen können, der das verbleibende Augenlicht retten konnte. Da sie zu alt für die Schule ist und ihr Vater sie nicht wieder aufnehmen möchte, bleibt ihr momentan keine Alternative zu ihrer
jetzigen Situation.

Ähnliches gilt für Abeba, die bei einer fremden Familie als Hausmädchen lebt. Zwar haben die Besitzer grundsätzlich zugestimmt, dass Abeba die Schule besuchen kann. Zurzeit muss sie sich jedoch neben der Arbeit im Haushalt auch noch um ein jüngeres Kind kümmern. Die Besitzer selbst müssen den ganzen Tag arbeiten und haben dafür keine Zeit. Die Handlungsmöglichkeiten für FC sind in diesem Fall sehr beschränkt. Letztendlich sind die einzigen Optionen Überzeugungskraft, Beständigkeit und eine Sensibilisierung

Ayana ist glücklich in der Schule (Quelle: Kindernothilfe-Partner)
Ayana (rechts im Bild) kämpft nun mit anderen Mädchen aus ihrer Gemeinde für die Rechte von Kindern (Quelle: Kindernothilfe-Partner)

Ayana ist Klassenbeste und kämpft jetzt für Mädchenrechte

Bei Ayana, die wir während unserer Dreharbeiten in einer Gastwirtschaft getroffen haben, wo sie als Kellnerin und Köchin schuften musste, hat sich diese Beständigkeit von FC ausgezahlt. Sie lebt wieder bei ihrer Mutter und besucht die 5. Klasse. Obwohl sie die Schule für zwei Jahre unterbrechen musste, konnte sie das vergangene Halbjahr als Klassenbeste abschließen. Als eine der besten Schülerinnen ihres Jahrgangs wurde sie außerdem in einen Girls-Club der Gemeinde aufgenommen und kümmert sich seither aktiv mit anderen darum, Bildungshindernisse für Mädchen im Schulsystem zu erkennen und abzubauen.

Die Fortschritte im Leben der Kinder mögen für manche nur gering erscheinen. Und vielleicht könnte man mehr erreichen, wenn man sich ausschließlich auf die Entwicklung dieser Mädchen und Jungen konzentrieren würde. Aber so arbeitet unsere Partnerorganisation nicht. Die Mitarbeitenden von FC setzen da an, wo sie die größte Wirkung erzielen: bei den Frauenselbsthilfegruppen. Indem die Frauen gemeinsam die Armut überwinden, müssen sie nicht mehr ihre Kinder verkaufen. Für jemanden, der die Qenja-Kinder vor Ort kennengelernt hat, ist es aber trotzdem beruhigend zu wissen, dass sich jemand um sie kümmert und zumindest kleine Veränderungen ermöglicht.

Adamluk in der Schule
Adamluk hofft, dass er bald wieder zum Unterricht gehen kann (Quelle: Kindernothilfe-Partner)
Die Lehrer von Adamluk haben geschrieben, dass der Junge nach anfänglicher Zurückgezogenheit regelrecht aufgeblüht ist in der Schule. Umso dramatischer ist es daher, dass diese Pflanze erst einmal nicht weiterwachsen darf.

Hoffnung macht, dass die Infektionszahlen bis Redaktionsschluss noch auf einem niedrigen Niveau lagen. Selbst wenn die Dunkelziffer deutlich darüber liegt, besteht die Chance, die Ausbreitung des Coronavirus‘ zu begrenzen. Dazu trägt auch unser äthiopischer Partner FC mit einer umfassenden Aufklärungskampagne bei: Hunderte Broschüren und Poster sind in den Projekten bereits in Umlauf, Lautsprecherwagen machen die Runde, in den Dörfern lernen die Menschen die wichtigsten Hygienevorkehrungen, und mittellose Familien erhalten Seife, um sich vor Ansteckung zu schützen. 
Action!Kidz mit Mitgliedern der Band Brings im Kölner Zoo (Quelle: Ralf Krämer)

Action!Kidz – Kinder gegen Kinderarbeit

Das hier vorgestellte Projekt war Thema unserer Action!Kidz-Kampagne für das Schuljahr 2019/2020. Da wegen der Corona-Pandemie kein neues Projekt besucht werden konnte, läuft die Kampagne noch bis zum Ende des neuen Schuljahres weiter – damit es auch in den drei neuen Projektgebieten keine Qenja-Kinder mehr gibt.

Infos unter www.actionkidz.de

Über den Autor

Malte Pfau, Action!Kidz-Koordinator
Malte Pfau ist seit 2015 Koordinator der Kindernothilfe-Kampagne "Action!Kidz – Kinder gegen Kinderarbeit"

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