Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Äthiopien: Das ehemalige Patenkind Tinsae Aba Molla hilft heute ebenfalls Kindern

Text: Pia Assenmacher

Fast 30 Jahre ist es her, dass Tinsae Aba Molla das von der Kindernothilfe geförderte Gidole Hostel besuchte. Nun will er der Gemeinschaft etwas zurückgeben. Durch eine Telegram-Gruppe führt er die ehemaligen Patenkinder des Hostels wieder zusammen. Gemeinsam wollen sie das inzwischen geschlossene Hostel wiedereröffnen und bedürftigen jungen Menschen helfen. Als Sozialarbeiter bringt er außerdem adoptierte äthiopische Kinder aus dem Ausland zurück zu ihren Familien.

Tinsae Aba Molla hatte keine einfache Kindheit. Seine Eltern litten unter finanziellen Schwierigkeiten und trennten sich, als er gerade einmal drei Monate alt war. Von da an waren er und seine Mutter auf sich allein gestellt. Als seine Mutter dann auch noch ihren Job als Reinigungskraft verlor, war es ein großes Glück, dass Tinsae im Oktober 1995 mit elf Jahren über die Kirche einen Platz im Gidole Hostel erhielt. Das Hostel war Teil des Patenschaftsprogramm der Kindernothilfe und richtete sich an Kinder aus bedürftigen Familien, damit diese ihre Schulbildung beenden konnten. In den Dörfern gibt es keine weiterführenden Schulen, die Kinder mussten also nach der Grundschule in die nächste Stadt ziehen, um weiterlernen zu können. Aber wenn sie dort keine Verwandten hatten, wo sie wohnen konnten, hatten sie keine Chance, ihre Schulbildung fortzuführen. Der Weg zu einem Studium oder einer guten Ausbildung blieb ihnen damit verschlossen. Deshalb hatte die Kindernothilfe zu Beginn ihrer Arbeit in Äthiopien Schülerwohnheime, Hostels, eingerichtet, in denen die Kinder wohnen und von wo aus sie gemeinsam die nächste weiterführende Schule besuchen konnten.

Heute werden die Kinder stattdessen durch „Home Based Care Projects“ unterstützt. Die Kinder bleiben in ihren jeweiligen Communities und besuchen die Schule von zu Hause aus. Von drei heute noch bestehenden Hostels nimmt lediglich eines aktuell noch neue Kinder auf. Dieses liegt in Turmi und befindet sich in einer Region, in der die Schulen für viele Kinder noch sehr weit entfernt sind.

Sein zweites Zuhause

Anfangs war es für Tinsae nicht einfach, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. „Ich musste 64 Kilometer weit weg von meiner Mutter leben. Es war nicht leicht, von ihr getrennt zu sein, weil wir uns sehr nahestanden, aber ich wollte gerne meine Schulbildung fortsetzen. Die Eingewöhnung im Hostel war deshalb zunächst etwas schwierig, aber Schritt für Schritt gefiel es mir dort. Kinder aus verschiedenen Gegenden des Landes wohnten zusammen, und wir wurden alle zu Schwestern und Brüdern.“ Die Kinder spielten Fußball und Volleyball zusammen, und jeden Sommer besuchten sie ihre Eltern. So wuchs eine echte Gemeinschaft zusammen. Insgesamt verbrachte Tinsae drei Jahre im Gidole Hostel.

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Eine ältere Frau sitzt auf einem Stuhl in einem Garten (Quelle: privat)
"Ich war sehr froh, dass Tinsae im Gidole Hostel aufgenommen wurde", sagt seine Mutter. Natürlich war es hart für sie, dass er so weit wohnen musste. Aber andererseits bekam er dadurch eine Chance auf Bildung, die er zu Hause in seinem Dorf nicht bekommen hätte. (Quelle: privat)
Eine ältere Frau sitzt auf einem Stuhl in einem Garten (Quelle: privat)
"Ich war sehr froh, dass Tinsae im Gidole Hostel aufgenommen wurde", sagt seine Mutter. Natürlich war es hart für sie, dass er so weit wohnen musste. Aber andererseits bekam er dadurch eine Chance auf Bildung, die er zu Hause in seinem Dorf nicht bekommen hätte. (Quelle: privat)

Der Gemeinschaft etwas zurückgeben

Nach seinem Schulabschluss machte Tinsae Aba Molla eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Nachdem er einige Jahre in diesem Beruf gearbeitet hatte, nahm er eine Stelle als Sozialarbeiter bei einer niederländischen Stiftung an und unterstützte Kinder bei ihrer schulischen Bildung. So wurde der ehemals Bedürftige selbst zum Helfer. Heute arbeitet er selbstständig als Sozialarbeiter, ist Vater von zwei Töchtern und kümmert sich zudem um seine erkrankte Mutter. Sein Job ist für ihn eine Berufung. „Ich bringe äthiopische Kinder, die vor Jahren von ausländischen Ehepaaren adoptiert worden waren, wieder mit ihren leiblichen Familien zusammen. 2018 wurde diese Adoptionsmöglichkeit von unserer Regierung verboten. Die Arbeit ist hart, aber ich habe bereits einige Familien zusammengeführt.“ Zudem arbeitet er als Touristenführer in Hawassa City.

 
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Porträt des ehemaligen Patenkindes Tinsae Aba Mollo (Quelle: privat)
Tinsae hat seine ehemaligen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner aus dem Hostel wieder zusammengebracht (Quelle: privat)
Porträt des ehemaligen Patenkindes Tinsae Aba Mollo (Quelle: privat)
Tinsae hat seine ehemaligen Mitbewohnerinnen und Mitbewohner aus dem Hostel wieder zusammengebracht (Quelle: privat)

Telegram-Gruppe „The Fruits of Gidole Hostel“

Seine Zeit im Wohnheim ist für den heute 40-Jährigen lange her. Aber vergessen hat er die anderen Kinder und die Unterstützung der Kindernothilfe nie. So entschied er sich, auf Telegram eine Gruppe für seine Freundinnen und Freunde von früher zu erstellen. Er nannte sie „The Fruits of Gidole Hostel“. „Als ich diese Gruppe gründete, wollte ich die Hostelbewohner von damals wieder zusammenzubringen. Denn wir sind wie eine Familie und unsere Generation sollte diesen Familiengeist weiterführen. Wir sind eins in Christus, und wir müssen mehr Gutes für andere arme Menschen tun, so wie wir von guten Menschen in Deutschland Gutes bekommen haben. Leider sind einige schon gestorben.“

Zudem hat Tinsae Aba Molla große Zukunftspläne. Gerne würde er irgendwann die Paten einladen, die über die Kindernothilfe die damaligen Kinder im Hostel unterstützt haben. Zudem möchte die Gruppe das mittlerweile längst geschlossene Gidole Hostel wiederbeleben. „Das Haus ist in keinem guten Zustand. Wir wollen die Regierung fragen, wem es gehört, und wir wollen es zurückbekommen und wieder instand setzen.“ Tinsaes Geschichte zeigt, wie Menschen, denen in ihrer Kindheit geholfen wurde, irgendwann selbst zu Helfern werden können. Eine schönere Bestätigung für die Früchte der Arbeit der Kindernothilfe und ihrer Spenderinnen und Spender gibt es wohl nicht.

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Tinsae steht auf einer Wiese vor einem Baum und zwei Gebäuden (Quelle: privat)
Tinsae und die Telegram Gruppe wollen das alte Hostel wieder instand setzen und in Betrieb nehmen (Quelle: privat)
Tinsae steht auf einer Wiese vor einem Baum und zwei Gebäuden (Quelle: privat)
Tinsae und die Telegram Gruppe wollen das alte Hostel wieder instand setzen und in Betrieb nehmen (Quelle: privat)

Die Kindernothilfe in Äthiopien

Die Kindernothilfe ist seit 1973 in Äthiopien aktiv. Sie unterstützt zurzeit (2024) in 38 Projekten und an zahlreichen Standorten rund 753 600 Kinder aus schwierigen Verhältnissen dabei, eine Chance auf Bildung, ein sicheres Umfeld und einen Ausweg aus der Armut.

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