Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Äthiopien: Verkauft und ausgebeutet

Text und Fotos: Malte Pfau/© Kindernothilfe

Neugierige Blicke begleiten uns, als wir mit unserem Kamera-Equipment in der Mittagshitze durch das kleine und staubige Straßendorf Shende im Norden Äthiopiens laufen. Ich bin mit einem Kameramann hier, um für die neue Action!Kidz-Kampagne ausbeuterische Kinderarbeit zu dokumentieren. Wir sind mit einer Familie verabredet, die laut den Informationen unserer Partnerorganisation „Facilitator for Change“ ein gekauftes Mädchen als Haushaltshilfe beschäftigen soll.

Der Handel mit Kindern als billige Arbeitskräfte ist in Äthiopien nach wie vor verbreitet. Trotzdem bin ich skeptisch, ob wir die Familie tatsächlich in diesem Labyrinth aus engen Gassen finden werden. Schließlich ist auch in Äthiopien Kinderhandel und Kinderarbeit verboten. Wer sollte sich also freiwillig bereit erklären, dass diese Ausbeutung auch noch dokumentiert wird?Die Häuser, an denen wir vorbeilaufen, sind typisch für Äthiopien aus Holz mit lehmverputzten Wänden. Ich hätte jedenfalls gedacht, dass die Familie, die wir treffen wollen, wohlhabender sein müsste. Schließlich kann sie sich ein Haushaltsmädchen leisten. Dies soll jedoch nur eines von vielen Vorurteilen bleiben, die ich an diesem Tag noch revidieren muss. Ein weiteres ist die Vorstellung von der Person, die uns empfängt, als wir schließlich die einfache Lehmhütte in den verwinkelten Gassen gefunden haben. Die Frau des Hauses wirkt jedenfalls sehr freundlich und offen. Und so jemand kauft Kinder, um sie danach als Haushaltssklaven auszubeuten?

Bereitwillig werden wir in die kleine Hütte gebeten, wo ganz nach der äthiopischen Tradition erst einmal eine Kaffeezeremonie stattfindet. In der Ecke sitzt ein sehr junges und schüchternes Mädchen, das in dieser Geschichte Abeba heißen soll. Ich gehe selbstverständlich davon aus, dass sie die Tochter der Frau sein muss. Das Mädchen geht in den Nebenraum und kommt mit Tassen für uns zurück. Sie ist höchstens sechs Jahre alt, so alt wie meine Tochter. Vielleicht fühle ich mich deshalb direkt mit ihr verbunden. Mithilfe des Dolmetschers erklären wir der Frau noch einmal, warum wir hier sind, und zeigen zur Veranschaulichung verschiedene Printmaterialien und einen Film über Kinderarbeit. Die Frau nickt und sagt, dass wir jetzt gerne mit den Fotos und Filmaufnahmen beginnen können.

Reportage Äthiopien: "Verkauft und ausgebeutet"; Foto: Mädchen beim Abwasch (Quelle: Malte Pfau / Kindernothilfe)
Schuften für eine fremde Familie: Neben dem Abwasch muss Abeba die Tiere versorgen, Wasser holen und auf das jüngste Kind aufpassen

Nur langsam wird mir klar, dass Abeba dieses Mädchen ist

Es entsteht eine kurze Verwirrung. Wir versuchen noch einmal klar zu machen, dass wir nicht sie filmen und fotografieren wollen, sondern das Mädchen, das bei ihr beschäftigt sein soll. Nur langsam wird mir klar, dass Abeba dieses Mädchen ist. Ich wusste, dass das Mädchen jung sein soll, aber nicht, dass es noch so jung ist. Noch einmal erklären wir, warum wir hier sind, präsentieren die Materialien und den Film, dieses Mal für Abeba. Um das Eis zu brechen, zeige ich ihr ein paar Fotos von meiner Tochter. Sie lacht, als sie das gleichaltrige Mädchen auf einem Foto mit Schlittschuhen sieht.

Langsam fasst sie Vertrauen und beginnt mit den Möglichkeiten einer Sechsjährigen, ihre Geschichte zu erzählen. Sie hat vorher bei ihrer Großmutter gelebt. Von ihrer Mutter spricht sie nur kurz. Auch einen Vater scheint es in ihrer Welt nie gegeben zu haben. Als der Großvater starb, konnte die Großmutter sie nicht mehr ernähren. So landete Abeba bei der Familie in Shende. Wie genau, ob die Großmutter dafür Geld bekommen hat und ob eine Rückkehr zu ihrer Familie vereinbart wurde, wissen wir nicht. Die Frau sagt, dass sie eine gute Christin ist. Deshalb hätte sie Abeba aufgenommen. Andererseits sagt sie uns ganz offen, dass zwei ihrer drei leiblichen Kinder in die Schule gehen, Abeba aber zu Hause bleiben muss, um sich um das jüngste Kind und den Haushalt zu kümmern. Einen Widerspruch zur zuvor geäußerten christlichen Nächstenliebe scheint sie in dieser Ungleichbehandlung nicht zu sehen. Vielmehr wird klar, dass Abeba sich das Dach über dem Kopf und die warme Mahlzeit verdienen muss.

Worku Asenegr von unserer Partnerorganisation Facilitator for Change (FC) erläutert mir, dass viele Familien in dem Kinderhandel nach wie vor eine Win-win-Situation für beide Seiten sehen. Eltern finden in ihrer existenziellen Not oft keinen anderen Ausweg, als ihre Kinder an wohlhabendere Familien zu verkaufen. Diese Praxis ist seit vielen Jahren Normalität und mit dem Irrglauben verknüpft, dass man den Kindern so etwas Gutes tun kann. Immerhin ist bei den neuen „Besitzern“ des Kindes Nahrung und Unterkunft vermeintlich gesichert. Diese verkauften Kinder werden Qenjas genannt, und mitnichten ist dieses System der ausbeuterischen Kinderarbeit förderlich für die Mädchen und Jungen, die für fremde Familien schuften müssen, ohne eine Chance auf Bildung. Ob auch Abeba eine Qenja ist oder wirklich aus christlicher Nächstenliebe aufgenommen wurde? Mir wird klar, dass es bei dieser Thematik nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern viele Graubereiche.

Reportage Äthiopien: "Verkauft und ausgebeutet"; Foto: Mädchen beim Handarbeiten (Quelle: Malte Pfau / Kindernothilfe)
Mädchen beim Handarbeiten im Schutzhaus

Die Mädchen sind vielen Risiken ausgesetzt

Vielleicht ist gerade deshalb die Arbeit im Haushalt nicht nur in Äthiopien eine kaum wahrgenommene Form der Kinderarbeit, die vor allem Mädchen betrifft. Da die Arbeit in der Regel versteckt und hinter geschlossenen Türen stattfindet, gibt es keine Zahlen über das Ausmaß dieses Problems. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) geht davon aus, dass es die häufigste Beschäftigungsform für Mädchen unter 16 Jahren weltweit ist. Darunter fällt nicht die Arbeit im Haushalt der eigenen Familie, wie zum Beispiel auf Geschwister aufpassen, Tiere versorgen, putzen oder andere Tätigkeiten. Mit diesen Arbeiten tragen die Kinder zu den familiären Aufgaben bei und erlernen elementare Fertigkeiten. Am Schulbesuch werden sie dadurch nicht gehindert.

Dagegen leben und arbeiten die Dienstboten, wie man sie bezeichnen könnte, unter ausbeuterischen Bedingungen in Privathaushalten. Lange Arbeitszeiten von bis zu 16 Stunden bei sieben Arbeitstagen in der Woche sind an der Tagesordnung. Die meisten werden, wie Abeba, nicht für ihre Arbeit entlohnt. Freie Tage oder Ferien werden oft verweigert, wie auch der Kontakt zur Familie.

Die Mädchen sind vielen Risiken ausgesetzt, wie mir Daniel Gizaw von unserer Partnerorganisation OPRIFS erzählt. Er leitet ein Schutzhaus für Straßenmädchen
in Bahir Dar. „Viele Mädchen, die im Schutzhaus einen sicheren Aufenthaltsort finden, waren selbst vorher Qenjas im ländlichen Raum und wurden von ihren Besitzern so schlecht behandelt, dass sie sich für die Flucht entschieden haben. Oft werden Mädchen nach sexuellen Übergriffen schwanger. Dann werden sie entlassen und trauen sich aus Scham nicht mehr zu ihren Ursprungsfamilien zurück. Ohne Berufsausbildung sehen viele die einzige Zukunftsperspektive in den Städten, wo sie häufig auf der Straße landen. Viele Mädchen im Schutzhaus sind aber auch vor einer drohenden Frühverheiratung oder von ihren Ehemännern davongelaufen.“

Die Bewohnerinnen sind im Durchschnitt zwölf Jahre alt. Neben einem Bett, Essen und Sicherheit vor der Straße bekommen sie auch Schul- und Handwerksunterricht. Langfristig ist aber eine Zusammenführung mit den Herkunftsfamilien geplant. Dies klappt natürlich nicht immer. Dann sollen die Mädchen aber zumindest genug gelernt haben, um selbst für sich sorgen zu können. Ich bin sehr angetan von den engagierten Mitarbeitern und der ruhigen und angenehmen Atmosphäre im Schutzhaus. Wenn man die vielen Straßenkinder sieht, die sich außerhalb der schützenden Mauern durchschlagen müssen, wird jedoch auch klar, wie groß die Aufgabe ist, vor denen Daniel Gizaw und seine Mitarbeitenden stehen. Eine Aufgabe, die vor allem durch Praktiken wie den Kinderhandel oder die Frühverheiratung immer neu genährt wird. Umso wichtiger ist es daher, dass wir auch Organisationen wie FC unterstützen, die das Problem in Dörfern wie Shende an der Wurzel angehen.

Reportage Äthiopien: "Verkauft und ausgebeutet"; Foto: Autor Malte Pfau im Gespräch mit Daniel Gizaw (Quelle: Malte Pfau / Kindernothilfe)
Autor Malte Pfau im Gespräch mit Daniel Gizaw vom Kindernothilfe-Partner OPRIFS

Das Ziel bleibt, das Qenja-System faktisch abzuschaffen

Doch wie kann Kindern wie Abeba überhaupt geholfen werden? Wie lässt sich sicherstellen, dass Abeba später nicht selbst als Straßenkind in Addis Abeba oder Bahir Dar landet? Dass es überhaupt möglich ist, den Kreislauf der Armut zu durchbrechen, zeigt die Geschichte von Bosena Dememe. Die 38-jährige Frau stammt aus ärmlichen Verhältnissen und war selbst früher ein Qenja-Kind. Sie heiratete, bekam einen Sohn, Simachew, konnte aber nach der Scheidung und einem weiteren Kind die Familie nicht mehr alleine versorgen. Sie beschloss daher, den damals achtjährigen Simachew an einen Bauern zu verkaufen. Das war im Jahr 2013. Im November 2014 schloss sich Bosena im Ort der von FC initiierten Selbsthilfegruppe an.

Die Gruppe hat strenge Kinderschutzregeln und forderte Bosena auf, ihren Sohn zurückzuholen. Bosena hatte aber immer noch Angst, nicht für ihre Kinder sorgen zu können. „Mit dem ersten Kredit aus der Selbsthilfegruppe habe ich Hühner für eine Hühnerzucht angeschafft“, erzählt sie stolz. „In den Schulungen habe ich gelernt, wie ich die Eier gewinnbringend verkaufen kann.“ Bald verdiente sie genug Geld, um Simachew zurückzuholen. Bereits Anfang 2015 war Bosenas Sohn wieder zu Hause. Heute hat Bosena neben der Hühnerzucht auch ein kleines Feld und ist in der Lage, ihren Lebensunterhalt und die Schulmaterialien für ihre Kinder selbstständig zu bestreiten.

Abebas Situation ist komplizierter. Der Aufenthaltsort ihrer Mutter oder Großmutter ist nicht bekannt. Und nicht immer ist eine Familienzusammenführung das Beste für das Qenja-Kind. Deshalb arbeiten wir auch an alternativen Lösungen. Im Fokus steht hierbei der
nachhaltige Zugang zu Bildung. Dies möchten wir mit unserem Partner FC erreichen, indem wir das Projektgebiet erweitern. Das Ziel bleibt, das Qenja-System faktisch abzuschaffen, wie es durch die Arbeit von FC bereits in 21 anderen Gemeinden im Distrikt Bure gelungen ist.

Im Schuljahr 2019/2020 unterstützen Kinder mit unserer bundesweiten Action!Kidz-Kampagnedieses Projekt. Mehr unter www.actionkidz.de.

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