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Vom Traum, den Kindern ein besseres Leben zu schenken

Text: Annika Fischer, Fotos: Knut Bry

Zwei Frauen, vier Kinder, zwei Lager: wie Flüchtlinge aus Afghanistan versuchen, auf Lesbos ein neues Leben zu beginnen. WAZ-Leser können helfen. Der Weg aus Afghanistan führte sie über das Mittelmeer in die Lager von Lesbos. Erst in den Moloch Moria, aber das Lager ist abgebrannt. Später in das freundlichere Camp Pikpa des Kindernothilfe-Partners Lesol, aber das hat die Regierung geschlossen. Was soll sich Nazameen, 32, für ihre beiden Kinder noch wünschen? „Dass das Leid irgendwann vorbei ist.“

Die Polizisten sahen aus wie Soldaten, und sie kamen morgens um sechs. Rissen die Kinder aus dem Schlaf, setzten die Menschen in Busse, raus, raus, sie machten das Lager dicht. Einen Monat nur, nachdem ein verheerendes Feuer das andere Camp vernichtet hatte. Auch Nargis, die 25-Jährige, hat das miterlebt, die Flammen, die geschlossenen Tore, den Stacheldraht, die Todesangst! Und jetzt sah sie ihre zwei Töchter schon wieder weinen. Die bewaffneten Militärs in der Dunkelheit, und niemand wusste ja, wo es nun schon wieder hinging: „Als seien“, sagt Jürgen Schübelin von der Kindernothilfe ein Jahr später, „die Kinder gefährlich.“
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WAZ-Spendenaktion in LesbosWAZ-Reise Nargis (25) ist aus Afghanistan geflohen.
Nargis (25) kam aus Afghanistan nach Lesbos. Sie war mit ihren beiden Töchtern im Camp Moria eingeschlossen, als das Feuer ausbrach. Quelle: Knut Bry
WAZ-Spendenaktion in LesbosWAZ-Reise Nargis (25) ist aus Afghanistan geflohen.
Nargis (25) kam aus Afghanistan nach Lesbos. Sie war mit ihren beiden Töchtern im Camp Moria eingeschlossen, als das Feuer ausbrach. Quelle: Knut Bry

Gewalt gegen Frauen selbst für Sozialarbeiterin unerträglich

Schübelin hat Nazameen und Nargis kennen gelernt, sie haben ihm erzählt, dass sie Glück hatten, trotz allem. Und so viel mehr Glück als so viele andere Geflüchtete auf Lesbos. Denn die beiden Afghaninnen und ihre vier Kinder hatten überhaupt die Chance, aus Moria auszuziehen: hinaus aus dem stinkenden, engen Flecken Griechenland, wo es so viel Gewalt gab und so wenig zu essen und zu trinken und wo bei Regen die Fäkalien vom Berg hinunter in die Zelte flossen. Lesvos Solidarity (Lesol), die Partnerorganisation der Kindernothilfe, hat sie dort herausgeholt.

Nazameen und Nargis gehörten zu den Frauen mit den ganz schlimmen Geschichten, denen Lesol manchmal helfen kann, helfen darf. Nazameen erzählt davon im strömenden Regen: dass ihr Mann sie verprügelte und bedrohte. Von Nargis heißt es, es gehe um Missbrauch und Misshandlungen. Und um mehrere Männer als „nur“ den Vater ihrer Kinder. Jürgen Schübelin hat gesehen, dass in Moria vieles liegenblieb, durchweicht und voller Asche, darunter stapelweise Material über Gewalt gegen Frauen. Ausgerechnet: Die Sozialarbeiterin Despiona Efstathiou berichtet ihm, wie sie damals Moria nach mehreren Jahren verließ – sie hielt das Leid der Frauen nicht mehr aus. Ihre Kinder lassen Nazameen und Nargis lieber nicht fotografieren, sie haben immer noch Angst.

Auch das Lager Pikpa gibt es nicht mehr

Lesol brachte die beiden Familien in ihr eigenes Lager, Pikpa war ein menschenfreundlicher Ort, in dem die Menschen nicht in Zelten lebten oder Containern, sondern in Holzhäusern. Wo es Farben gab und Plätze, wo Kinder spielen konnten, und keinen Zaun, der sie hinderte, in die Schule zu gehen. Aber nach dem Ende von Moria duldeten die Griechen keine privaten Camps mehr, sie gaben Lesol einen Monat, um alles leerzuräumen. Aber dann kamen sie doch unangekündigt, um die Menschen zu holen. Acht Jahre, sagt Joaquin O’Ryan von Lesol, haben sie an Pikpa gebaut, wohl über 40.000 Flüchtlinge hier versorgt, „aber dann war es in vier Wochen leer“. Und sie mussten wieder kämpfen, dass die Leute nicht gleich ins nächste Lager kamen. Derzeit ist es ein staatliches direkt am Strand, mit Blick auf das Meer, dem die Flüchtlinge entkamen. Aber im Norden der Insel wird bald ein neues gebaut, mit Mauern und Zäunen darum herum, weit weg von der Stadt.

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WAZ-Spendenaktion in Lesbos WAZ-Reise Nazameen (32) ist mit ihren ihrem Sohn (12) und ihrer Tochter (11) vor 2 Jahren aus Afghanistan geflüchtet.
Ihre Kinder stehen noch auf einer Warteliste einer griechischen Schule: Nazameen (32) aus Afghanistan. Quelle: Knut Bry
WAZ-Spendenaktion in Lesbos WAZ-Reise Nazameen (32) ist mit ihren ihrem Sohn (12) und ihrer Tochter (11) vor 2 Jahren aus Afghanistan geflüchtet.
Ihre Kinder stehen noch auf einer Warteliste einer griechischen Schule: Nazameen (32) aus Afghanistan. Quelle: Knut Bry

Auf der Warteliste für die Schule

Wer jetzt dort wohnt, wieder in Zelten, ist ziemlich eingesperrt. Niemand darf das Lager verlassen ohne guten Grund, auch nicht, um in die Schule zu gehen. „Die Kinder wachsen in einem Käfig auf“, sagt Mariana Stamboulaki von Lesol, „aber sie haben doch nichts verbrochen.“ Schlimmer noch, die Sozialarbeiterin redet sich in Rage: „Es kann nicht sein, dass die Menschen nur diese eine Möglichkeit haben: nicht zu sterben.“ Ihre Organisation versucht, für möglichst viele, oft traumatisierte Frauen eigene Wohnungen zu finden, Zimmer nur, aber sichere Orte. Häuser, von denen aus die Kinder in die Schule gehen können: Die Achtjährige von Nargis lernt dort nun Griechisch und Englisch, ihre Zweijährige spricht schon jetzt davon, dass sie das auch will. Tochter (11) und Sohn (12) von Nazameen stehen noch auf einer Warteliste.

Mutter wünscht sich Freiheit für ihre Mädchen

Dass es bald klappt, ist das Einzige, das ihre Mutter sich wünscht. Das was die 32-Jährige aufrecht hält: der Kampf um einen besseren Platz im Leben für ihre Kinder. „Wir alle“, sagt sie, „sind doch Menschen und haben das Recht, irgendwann ein gutes Leben zu führen.“ Der Traum von Nargis hört sich ganz ähnlich an: Eines Tages, sagt die 25-Jährige, sollen ihre Töchter an einem Ort aufwachen, wo sie sich als Mädchen frei fühlen können. „Und wo sie wissen: Hier müssen sie nicht mehr weg.“

Info: Wir arbeiten vor Ort mit der Hilfsorganisation Lesvos Solidarity, kurz Lesol, zusammen. Lesol kümmert sich um die besonders Schutzbedürftigen unter den Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos: junge Mütter, Kranke, unbegleitete Kinder, Opfer von Misshandlungen, Schiffbrüchige, die Angehörige verloren haben. Sie werden betreut und möglichst in eigene Unterkünfte außerhalb der Lager vermittelt.

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Über die Autorin

Portrait Annika Fischer (Quelle: Kai Kitschenberg/ FUNKE Foto Services)
Annika Fischer
Annika Fischer ist Journalistin und war mit der Kindernothilfe seit 2008 in Bangladesch, Guatemala, dem Libanon und in Äthiopien.

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