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Farmschulen: Mit Landwirtschaft raus aus der Armut

Text und Fotos: Katharina Drzisga / © Kindernothilfe

Die meisten Menschen in Uganda leben von der Landwirtschaft. Doch traditionelle Anbaumethoden reichen nicht mehr aus, um Familien zu ernähren. Der einseitige Anbau von Kochbananen, Mais, Bohnen und Maniok hat die Böden ausgelaugt, viele Familien sind mangelernährt. Das Kitovu Mobile Projekt zeigt jungen Leuten in mobilen Farmschulen, wie nachhaltige Landwirtschaft funktioniert. Nach drei Jahren ziehen die Schulen ins nächste Dorf.

Masaka – Hauptstadt des gleichnamigen Distrikts im Süden Ugandas. Die Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern liegt an der Fernstraße zwischen Kampala und Mbarara und Ruanda. Das Stadtbild ist geprägt von Werkstätten für Lastwagen und Autos. Reifenverkäufer säumen die Straßen. Der Staub der Straßen mischt sich mit dem Öl und Benzin, das die LKWs verlieren. Der eigentlich sandfarbene bis rote Boden ist fast schwarz gefärbt. Der Geruch von Diesel liegt in der Luft. Viele Menschen in Masaka leben vom Fernverkehr – betreiben einen Imbiss, reparieren LKWs, vermieten eine Unterkunft. Doch der Fernverkehr hat nicht nur Einkommensmöglichkeiten gebracht. Masaka hat auch heute noch eine der höchsten HIV- und Aidsraten des Landes.

In einigen Gegenden der Stadt liegt die Infektionsrate bei beinahe 30 Prozent. Das Virus hat bereits vielen Menschen das Leben gekostet. Es gibt kaum eine Familie, die nicht betroffen ist. Viele Kinder wachsen als Halb- oder Vollwaisen auf. Kein leichtes Leben. Die Eltern hinterlassen den Kindern zwar oft ein Stück Land, auf dem die Mädchen und Jungen für den eigenen Bedarf etwas anbauen könnten. Doch wissen die Kinder und Jugendlichen nicht um Anbaumethoden. Somit wirft der fruchtbare Boden kaum Erträge ab, unzählige Kinder sind mangel- oder unterernährt.


Eine Antwort auf die Krise

Seit zwanzig Jahren sind die Farmschulen eine Antwort auf die prekären Lebensumstände vieler Kinder und Jugendlicher, die durch die Aids-Pandemie und zerrüttete Familien verursacht wurden. Das Konzept ist einfach und doch sehr raffiniert: Drei Jahre lang bleibt eine Farmschule an einem Ort in der Projektregion und lehrt die Jugendlichen nachhaltige und biologische Landwirtschaft. Von Anfang an wird die Community in die Planung mit einbezogen. Die lokalen Führungsgremien stellen z. B. ein Gebäude zur Verfügung, in dem der Blockunterricht stattfinden kann und die Schülerinnen und Schüler für die Zeit des Unterrichts wohnen können. Die Community steuert Nahrungsmittel bei und wird einbezogen in die Auswahl der Mädchen und Jungen, die die Farmschule besuchen dürfen. Voraussetzung ist, dass sie zwischen 13 und 19 Jahre alt sind, mindestens zwei Jahre keine Schule besucht haben und zu den ärmsten Familien gehören. „Es ist wichtig, dass die Community in den gesamten Prozess involviert ist“, erklärt Justus Rugambwa, CEO von Kitovu Mobile, dem langjährigen Kindernothilfe-Partner in Masaka. „So verstehen alle unseren Ansatz, und es entsteht kein Neid. Und die Menschen sehen es als ‚ihr‘ Projekt.“

Der Klassenraum für die Schüler im ersten Jahr ist groß und schlicht. Ein Versammlungssaal des Dorfes. Nun Ort des Lernens. 100 Mädchen und Jungen sitzen in ihren blau-grünen Schuluniformen auf dunkelbraunen Holzbänken und verfolgen aufmerksam, was der Lehrer erklärt. Es geht um die Herstellung von biologischem Dünger. Eine alte Wassertonne, ein Leinensack, ein Seil, Kuhdung, Wasser – das können die Jungbauern auftreiben und problemlos umsetzen. Das ist wichtig, sagt der Lehrer. Die Jugendlichen sollen sich nicht verschulden, um teure Gerätschaften, chemischen Dünger und Pestizide anzuschaffen. An den Wänden hängen selbst gemalte Plakate, auf denen erklärt wird, wie Tomaten, Kohl und Zwiebeln angebaut werden. Wie Hochbeete angelegt werden. Wie Setzlinge gezüchtet werden. Die Jugendlichen lernen hier alles, um in ihren eigenen Gärten Obst und Gemüse anzubauen.

Erfolgreich gelernt

So auch John und James. Die beiden Jungen sind 16 und 17 Jahre alt. Beide sind Halbwaisen. Sie leben jeweils weit abgelegen von der nächsten größeren Straße, ihre Häuser erreicht man nur über staubige Buckelpisten, die sich abenteuerlich in die hügelige Landschaft schrauben. Hinter den etwas in die Jahre gekommenen ärmlichen Häusern der Familien tut sich ein wahres Wunder auf: Überall grünt und blüht es! Kohl, Zwiebeln, Tomaten wachsen, die Bananenbäume tragen Früchte. Die Jungen haben selbst Ställe für Ziegen und Hühner gebaut und sogar tiefe Gruben ausgegraben, in denen sie kompostieren. Und noch etwas findet sich in den großen Gärten: eine alte Wassertonne, ein Leinensack, ein Seil, Kuhdung, Wasser. Die Jungen haben alles umgesetzt, was sie in der Schule gelernt haben. Für ihre Familien bedeutet das, dass sie sich nun ausgewogen ernähren und das, was sie übrig haben, auf dem Markt verkaufen können.
Reportage "Uganda: Farmschulen"; Foto:  Mann vor einem Feld (Quelle: Katharina Drzsiga / Kindernothilfe)
Nelson (linkes Foto), früher Farmschüler, ist heute Großbauer und Vorbild für James (rechts), der in seinem Garten erfolgreich Obst und Gemüse anbaut.
Reportage "Uganda: Farmschulen"; Foto:  Farmschüler James bei der Arbeit im Garten (Quelle: Katharina Drzsiga / Kindernothilfe)

Große Pläne

John ist stolz auf das, was er bereits erreicht hat und dass er seine Familie unterstützen kann. Doch er hat größere Pläne. „Ich möchte gerne in Zukunft noch mehr anbauen und vielleicht Land dazukaufen, damit ich mit der Landwirtschaft richtig Geld verdienen kann“, erzählt er. Sein Vorbild ist Nelson. Nelson war in der ersten Farmschulklasse im Jahre 1998. Mittlerweile hat er sich einen großen Betrieb aufgebaut. Er baut von Ananas über Kaffee bis zu Lauch alles Mögliche an, erntet bis zu 100.000 Ananas im Jahr. Nelson verkauft seine Waren in der Region, aber auch in der Hauptstadt Kampala. Er ist verheiratet und hat acht Kinder. Fünf von ihnen waren Waisenkinder, die er bei sich aufgenommen hat. Allen seinen Kindern kann er den Schulbesuch finanzieren. „Ich hatte Glück“, sagt er, „dass es Menschen gab, die mir eine Chance gegeben haben. Für mich war immer klar: Diese Chance will ich nutzen.“ Zu ihm können die Farmschüler kommen und von ihm lernen. Er gibt sein Wissen gerne weiter. Daher hat Nelson auch für die Zukunft noch einiges vor. „Ich möchte ein eigenes Institut für Landwirtschaft eröffnen. Dort sollen Jugendliche, die keine Perspektive haben, lernen können.“ Dafür arbeitet er hart. Neben seiner Arbeit auf seinem Hof macht der 38-Jährige seinen Highschool-Abschluss nach. Dann will er Wirtschaft studieren. „Damit ich weiß, wie ich so ein Institut erfolgreich leiten kann“, lacht er.

„Natürlich werden nicht alle ehemaligen Farmschüler erfolgreiche Großbauern“, erklärt Justus Rugambwa. „Das müssen sie auch gar nicht. Aber das Land, das sie haben, bestellen zu können, macht für die Jugendlichen und ihre Familien einen großen Unterschied. Die Mangelernährung wird beseitigt, ein Teil der Ernte kann verkauft werden, und sie verdienen Geld. Die Schule für die kleinen Geschwister kann bezahlt werden – und so geht es weiter. Nach und nach können sich die Familien aus der Armut befreien. Eigenständig. Und das ist das Ziel.“

Reportage "Uganda: Farmschulen"; Foto:  Farmschüler John begutachtet seine Pflanzen (Quelle: Katharina Drzsiga / Kindernothilfe)
John ist stolz, dass er das Gelernte mit Erfolg umsetzen kann.

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