Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

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Flucht aus Honduras – Belsi wird es wieder versuchen

Text: Katharina Nickoleit, Fotos: Christian Nusch

In den Slums von San Pedro Sula ist das Leben aussichtslos. Wer hier lebt, möchte so schnell wie möglich weg. Darum, dass wenigstens Kinder bessere Zukunftschancen bekommen und dass ihre Rechte respektiert werden, kümmern sich die Mitarbeiter des Kindernothilfepartners CASM. Als Einzige.

Alles, was Berta und ihre zwei Söhne in ihrer kleinen baufälligen Hütte an Gegenständen haben, stammt vom Müll. Das vor Dreck starrende Sofa, die zerfledderten Decken, die verbeulten Töpfe. „Der Staat hat uns vergessen“, meint Berta. „Wir sind für ihn genauso Abfall wie das, was wir sammeln, um zu überleben.“ Wie alle Bewohnerinnen und Bewohner der Bordos, Armenvierteln am Flussufer, steht die Familie auf der untersten Stufe der honduranischen Gesellschaft. Die meisten kamen auf der Suche nach Arbeit vom Land in die zweitgrößte Stadt von Honduras. Aber ihr Traum von einem besseren Leben endet hier in den Hütten am Rande des stinkenden Flusses, der San Pedro Sula als Abwasserkanal dient. In der Regenzeit tritt er regelmäßig über die Ufer und überschwemmt alles. „Es fehlt hier an allem. Es gibt hier kein Trinkwasser, keine Abwasserentsorgung, keine Schule.“

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Berta mit ihren Söhnen Roberto und Derian (Quelle: Christian Nusch)
Berta mit ihren Söhnen Roberto und Derian (Quelle: Christian Nusch)
Berta mit ihren Söhnen Roberto und Derian (Quelle: Christian Nusch)
Berta mit ihren Söhnen Roberto und Derian (Quelle: Christian Nusch)
Was Berta nicht erwähnt, ist, wie gefährlich das Leben in den Bordos ist. Obwohl dies eines der dringendsten Probleme ist, ist das Thema tabu. „Bitte sprecht die Themen Gewalt, Kriminalität und Maras nicht an“, meint Kenia Valladares, die Psychologin des Kindernothilfe-Partners CASM, bei der Vorbesprechung. „Es könnte sein, dass ihr der Mutter eines Gangmitglieds gegenübersitzt oder dass man euch für verdeckte Ermittler hält.“ Täten wir es doch, so würde das die Arbeit der Sozialarbeiterinnen und -arbeiter um Jahre zurückwerfen und sie persönlich in Gefahr bringen, wenn sie das nächste Mal in den Slum kommen.
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Aussichtspunkt auf San Pedro Sula: An einem Pfeiler prangt ein Schild, das Waffen verbietet (Quelle: Christian Nusch)
"Das Mitbringen von Schusswaffen ist verboten" – Warnschild in einem Park in der Hauptstadt Tegucigalpa  (Quelle: Christian Nusch)
Aussichtspunkt auf San Pedro Sula: An einem Pfeiler prangt ein Schild, das Waffen verbietet (Quelle: Christian Nusch)
"Das Mitbringen von Schusswaffen ist verboten" – Warnschild in einem Park in der Hauptstadt Tegucigalpa  (Quelle: Christian Nusch)

Täglich 41 Morde in San Pedro Sula 

Doch es reicht auch, sich die bekannten Zahlen vor Augen zu führen. San Pedro Sula ist eine der gefährlichsten Städte der Welt. Auf 100.000 Einwohner kamen 2020 rund 41 Morde jeden Tag – Jahre vorher waren es noch 170 gewesen. Unter den Opfern sind fast täglich auch Kinder und Jugendliche. Die Morde gehen zum größten Teil auf das Konto der Jugendbanden, die in Drogenhandel und Schutzgelderpressung verwickelt sind und sich gegenseitig bekriegen. Wie lebt man in einer solchen Stadt? „Man darf einfach nie zur falschen Zeit am falschen Ort sein“, sagt Kenia.

Doch samstagsmorgens um zehn, eine Uhrzeit, die die Mitarbeiter von CASM sorgfältig und mit Bedacht ausgewählt haben, wirkt der Slum der Müllsammelnden nicht besonders bedrohlich. Von irgendwo tönt Musik, und Kinder klettern auf den Ballen aus Pappe und Bündeln mit Plastikflaschen herum. Bevor CASM damit begann, sich um die Kinder in den Bordos zu kümmern, war dies ihre einzige Beschäftigung. Während ihre Eltern unterwegs waren, um Geld zu verdienen, waren sie den ganzen Tag sich selbst überlassen.
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San Pedro Sula: Kinder toben auf großen Müllsäcken herum (Quelle: Christian Nusch)
Bevor der Kindernothilfepartner seine Arbeit aufnahm, war das Toben auf Müllsäcken der einzige Spaß für die Kinder (Quelle: Christian Nusch)
San Pedro Sula: Kinder toben auf großen Müllsäcken herum (Quelle: Christian Nusch)
Bevor der Kindernothilfepartner seine Arbeit aufnahm, war das Toben auf Müllsäcken der einzige Spaß für die Kinder (Quelle: Christian Nusch)

„Die Kinder verachten mich, weil ich aus einem Slum komme“

Eigentlich gilt in Honduras die Schulpflicht, aber die Kinder aus den verrufenen Bordos sind in den angrenzenden Vierteln nicht gerne gesehen. Außerdem wird streng darauf bestanden, dass alle die vorgeschriebene Schuluniform tragen, und die zu kaufen, können sich die Menschen aus dem Slum nicht leisten. Erst seit sich CASM um die Schulkleidung kümmerte und bei den Schulen Druck machte, die Kinder aufzunehmen, werden sie zugelassen.

Aber Roberto geht nicht besonders gerne hin. „Die anderen Kinder verachten mich, weil ich aus dem Slum komme.“ Lieber besucht er das kleine Zentrum für Kinder und Jugendliche, das CASM hier betreibt. Berta ist unendlich froh, dass es das gibt. „Dort haben die Kinder einen Platz, an dem sie etwas Schönes erleben können, wo man freundlich ist.“ Sie bricht ab, überlegt, wie sie das Thema Gewalt und Kriminalität anschneiden soll, ohne zu viel zu sagen, und meint dann: „Und sie lernen dort, wie man gut zusammenlebt.“
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Belsi (Mitte) will mit Carla erneut versuchen, in die USA zu gelangen (Quelle: Christian Nusch)
Belsi (Mitte) wird es wieder versuchen, mit ihrer Tochter in die USA zu gelangen (Quelle: Christian Nusch)
Belsi (Mitte) will mit Carla erneut versuchen, in die USA zu gelangen (Quelle: Christian Nusch)
Belsi (Mitte) wird es wieder versuchen, mit ihrer Tochter in die USA zu gelangen (Quelle: Christian Nusch)

Belsi wird sich wieder auf den gefährlichen Weg machen

CASM ist die einzige Organisation, die sich hier um irgendetwas kümmert“, sagt auch Belsi. „Die Einzigen, die uns helfen, wenn es mal wieder eine Überschwemmung gibt oder die es überhaupt interessiert, wie es uns geht.“ Trotzdem will sie weg, so weit und so schnell wie möglich. Erst vor ein paar Monaten machte sie sich mit ihrer acht Jahre alten Tochter Carla auf den Weg, schaffte es bis zur Grenze, wurde aufgegriffen und abgeschoben. Seither lebt sie bei ihrer Mutter. Felicita war froh und traurig zugleich, als die beiden plötzlich wieder vor der Tür standen. Froh, weil sie Tochter und Enkelin wiederhatte, traurig, weil sie auf ihre alten Tage darauf angewiesen ist, dass ihr jemand Geld schickt. Schon deshalb hat Belsi kaum eine andere Wahl, als es wieder zu versuchen. Auch wenn der Weg für eine alleinstehende Frau mit einer minderjährigen Tochter besonders hart und gefährlich ist.

Berta hat die Hoffnung, im Norden ein besseres Leben zu finden, schon aufgegeben. Vor zwei Jahren unternahm sie einen verzweifelten Versuch, der Armut und der Gewalt ihres alkoholkranken Mannes zu entfliehen, und macht sich auf den Weg in die USA. „Ich nahm meine Söhne und schloss mich einer Karawane von Migranten an. Aber wir wurden schon in Mexiko aufhalten und abgeschoben. Die Reise ist teuer und gefährlich. Noch mal versuche ich es nicht. Wir müssen es irgendwie schaffen, hier ein Auskommen zu finden.“
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Pferd Chapito ist Robertos Freund

Berta lieh sich Geld, kaufte ein Pferdchen und einen Wagen und ist seither Kleinstunternehmerin. Jeden Tag machen sich ihre Söhne nach der Schule auf, um den Müll von San Pedro Sula einzusammeln, zu sortieren und an Recycler zu verkaufen. Obwohl Roberto mit seinen zwölf Jahren seither täglich vier bis sechs Stunden arbeitet, war diese Investition ein Glücksfall für den Jungen. Chapito, wie das magere Pferdchen heißt, ist für ihn ein wichtiger Bezugspunkt. „Wir arbeiten zusammen und wir sind Freunde“, meint er, während er liebevoll das Fell bürstet. Bevor er das Pferdchen vor den Wagen spannt, legt er noch einmal seine Wange an den warmen, weichen Hals des Tieres, das geduldig stillsteht. Dann springt er auf den Karren und verschwindet im Straßengewirr einer der gefährlichsten Städte der Welt.
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Über die Autorin

Journalistin Katharina Nickoleit mit Sohn Tim bei einer Kinderrechtsgruppe in Malawi (Quelle: Christian Nusch)
Katharina Nickoleit
Die freie Journalistin berichtet gemeinsam mit ihrem Mann, dem Fotografen Christian Nusch, aus vielen unserer Projekte in aller Welt.

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