Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Das Antikorruptionsteam der Kindernothilfe

Seit 2019 gibt es in der Kindernothilfe-Geschäftsstelle ein Antikorruptionsteam. Redakteurin Gunhild Aiyub sprach mit den zuständigen Mitarbeitern David Kowertz und Juan Fagiani sowie mit Guido Oßwald, dem Leiter unserer Finanzabteilung, über Aufgaben und Maßnahmen.

Herr Oßwald, die Kindernothilfe ist ja auch schon vor 2019 gegen Korruption vorgegangen. Warum jetzt ein eigenes Team? Haben die Vorfälle zugenommen?

In der Tat wurden auch in der Vergangenheit Verdachtsfälle von Korruption geprüft und Korruption geahndet. 2008 haben wir aufgrund unserer Erfahrungen Richtlinien in einem Anti-Korruptionskodex festgelegt, der fortlaufend weiterentwickelt wurde. Die Verdachtsfälle und die Herausforderungen, die eine Nachverfolgung mit sich bringen, werden aber immer komplexer. Deshalb haben wir 2019 eine umfassende Integritäts- und Antikorruptions-Policy und ein zuständiges Team aufgestellt. Dabei geht es nicht nur um ein professionelles Fallmanagement und Überprüfung der Sachverhalte, sondern auch um den Schutz der Hinweisgebenden sowie um eine Entlastung der Personen, denen ein Verdachtsfall gemeldet wird.

Die Zahl der Meldungen ist bisher nicht gestiegen. Wir gehen aber davon aus, dass die von uns angestrebte Sensibilisierung für Korruptionsprävention und -bekämpfung sowie Hinweisgeberschutz und Aufbau von Hinweisgebersystemen dazu führen kann, dass sie steigt. 

Das Team stellt sich vor

Programme Manager im Referat Asien

David Kowertz (42) 

Ich komme ursprünglich aus der Humanitären Hilfe und habe unter anderem in Pakistan gearbeitet. Seit damals interessieren mich verstärkt Fragen nach einer längerfristigen Entwicklung. Zur Kindernothilfe kam ich 2009, zunächst als Programme Manager für Pakistan, Afghanistan, Sri Lanka und Bangladesch. Seit Anfang 2020 bin zusammen mit einem Kollegen zuständig für das Programm in Indien.

Über die Jahre bin ich immer wieder mit Korruption, vor allem aber mit Korruptionsrisiken in Berührung gekommen. Korruption schadet ja nicht nur unmittelbar unserer Arbeit, wenn zum Beispiel Gelder veruntreut werden. Sie sät auch Misstrauen und untergräbt damit langfristig die Grundlagen der Zusammenarbeit mit unseren Partnern. Das Thema ist immens wichtig. Als wir entschieden haben, ein Antikorruptionsteam aufzubauen, war für mich schnell klar, dass ich mitmachen wollte.

Porträt von David Kowertz (Quelle: Ralf Krämer)

Project Controller im Referat Controlling und Finanzen

Juan Fagiani (34)

Ich bin Diplom-Wirtschaftswissenschaftler (Universidad Nacional del Sur, Argentinien) und Politikwissenschaftler (M.A. Universität Osnabrück) und arbeite seit 2016 als Project Controller bei der Kindernothilfe. Dabei gibt es immer wieder Berührungspunkte mit Korruptionsvorwürfen gegen Projekte und Partnerorganisationen im Ausland.

Ich finde diese Thematik sehr interessant, weil sie verschiedene Aspekte der Entwicklungszusammenarbeit umfasst. Deswegen möchte ich mich weiter mit diesem Thema beschäftigen.

Porträt Juan Fagiani

An wen wendet man sich bei einem Korruptionsverdacht?

Herr Kowertz, wer einen Korruptionsverdacht hat – in der Inlands- oder Auslandsarbeit –, kann sich an eine Ombudsperson wenden. Wie wird man Ombudsperson? Und welche Aufgaben sind damit verbunden? Kann man sich auch an das Team wenden?

Die Ombudsperson wird durch unseren Verwaltungsrat bestellt. Sie sollte nach Möglichkeit Berufsgeheimnisträger, also zum Beispiel Rechtsanwalt, sein, und hat drei zentrale Aufgaben:

  • Sie bearbeitet die an sie herangetragenen Meldungen,
  • sie wahrt die Anonymität der Hinweisgeber und schützt sie dadurch,
  • sie spricht Empfehlungen aus, wenn sie Möglichkeiten sieht, Korruptionsrisiken zu reduzieren.

Wir haben bewusst zwei formale Kontaktmöglichkeiten für Hinweisgeber geschaffen: die externe Ombudsperson und das interne Antikorruptionsteam. Mir ist aber wichtig zu betonen, dass man sich mit einem Korruptionsverdacht an jeden Mitarbeitenden der Kindernothilfe wenden kann. Für Hinweisgeber ist Vertrauen ganz entscheidend. Sie können deshalb selbst entscheiden, mit wem sie sprechen möchten. Ombudsperson oder Antikorruptionsteam unterstützen dann die Bearbeitung der gemeldeten Fälle.


Die Kindernothilfe-Ombudsperson               Rechtsanwalt Stephan Konrad                Mauerstraße 8, 33602 Bielefeld ombudsperson.kindernothilfe@gmail.com

Sie warten ja nicht ab, ob irgendwann Beschwerden bei der Ombudsperson eingehen, sondern überprüfen die Arbeit auch selbst. Wie?

Auf unterschiedliche Art und Weise. Zu unserem Alltagsgeschäft gehört zum Beispiel das Monitoring der Arbeit unserer Partner, also die kontinuierliche, systematische Beobachtung und Erfassung des Programmfortschritts. Wir besuchen die Projekte und bemühen uns, die Perspektive der Kinder und ihrer Familien zu verstehen. Das ist nicht nur für den programmatischen Erfolg der Projekte entscheidend, sondern auch wichtig für das Erkennen von Korruptionsrisiken.

Natürlich findet auch mindestens einmal jährlich eine Finanzprüfung statt. Die Prüfungsberichte zeigen unseren Partnern und uns dabei auch Bereiche auf, in denen wir uns im Sinne einer Korruptionsprävention weiterentwickeln können.

Schließlich pflegen wir mit unseren Partnern auch einen fortlaufenden Dialog über unsere gemeinsamen Lernerfahrungen, zum Beispiel nach Evaluierungen. Dieser konstruktive Dialog ist eine wichtige Grundlage für Vertrauen und die Basis, auf der Hinweisgeber sich an uns wenden.

Was passiert, wenn jemand einen Korruptionsverdacht meldet?

Herr Fagiani, 2019 wurden sechs Verdachtsfälle gemeldet. Wie sind Sie vorgegangen, und was ist das Ergebnis?

Wenn uns ein Fall gemeldet wird, stellen wir als erstes ein Fallmanagement-Team zusammen. Die Zusammensetzung regelt unsere Integritäts- und Antikorruptions-Policy. Das Team bestimmt, welche Maßnahmen ergriffen werden, wann ausreichend Informationen zur Aufklärung eines Falles gesammelt wurden und wann die Prüfung eingestellt wird. Unser Antikorruptionsteam koordiniert das Fallmanagement und dokumentiert es. Wir unterstützen es auch fachlich, sorgen dafür, dass es nach unseren Standards abläuft und bringen Lernerfahrungen aus früheren Fällen sowie den Blick auf den aktuellen Fachstandard der Korruptionsbekämpfung mit ein.

Von den sechs gemeldeten Fällen 2019 wurde einer klar bestätigt: Der veruntreute Betrag musste zurückerstattet werden, die Zusammenarbeit mit dem Partner wurde beendet. Bei drei Fällen konnte kein Missbrauch von Geldern bzw. Macht für den privaten Vorteil bzw. zum Vorteil der Organisation festgestellt werden.

Bei den restlichen zwei Fällen konnte zwar keine eindeutige Korruption nachgewiesen werden, Korruptionsrisiken durch systemische Schwächen und Laissez-faire-Führung aber schon. Hier greift nicht mehr das Fallmanagement im engeren Sinne, sondern wir stehen in einem breiteren Entwicklungsdialog mit den betroffenen Partnern.

Nach der Beendigung eines Falles machen wir eine Auswertung und gewinnen dadurch neue Erkenntnisse. Diese Lessons learnt werden bei der Analyse zukünftiger Verdachtsfälle verwendet oder tragen allgemein zu einem besseren Verständnis eines Risikomanagements bei – das heißt, wir lernen daraus, welche Risikofaktoren zu einem erhöhten Korruptionsrisiko führen und dementsprechend minimiert werden müssen.

Korruption erkennen und vorbeugen

Wie stellen Sie sicher, dass die Mitarbeitenden in den Projekten und Partnerorganisationen Korruption erkennen und vor allem auch vorbeugen können?

  • Erstens fördern wir eine Sensibilisierung für das Thema – z. B. durch Workshops. Das Konzept dazu haben wir mit Anti-Korruptions-Expertin Dr. Marie-Carin von Gumppenberg erarbeitet. Ende 2019 haben wir in Afrika damit angefangen. Im Moment verhindert die Corona-Pandemie die Durchführung in anderen Regionen.
  • Zweitens machen wir die Meldekanäle der Kindernothilfe - das Antikorruptionsteam und die Ombudsperson – weiter bekannt. Jeder Mitarbeitende einer Partnerorganisation kann uns kontaktieren und Korruptionshandlungen von Kollegen oder Vorgesetzen melden.
  • Drittens erwarten wir von jedem Partner eine Antikorruptions-Policy. Sie kann auch in Form eines Verhaltenskodex erfolgen. Dies ist ein erster Indikator, der die Initiative des Partners in der Korruptionsbekämpfung zeigt.
  • Viertens unterstützen wir unsere Partner dabei, ihre internen Kontrollsysteme ständig zu verbessern. Gute Checks und Balances-Systeme verringern den Spielraum potenziell korrupten Verhaltens.

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