Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Christel Riemann-Hanewinckel: Abschied aus dem Verwaltungsrat

Nach ihrem Ausscheiden aus dem Deutschen Bundestag wurde Christel Riemann-Hanewinckel an die Spitze des höchsten Aufsichtsgremiums der Kindernothilfe gewählt. 16 Jahre lang war sie Mitglied im Verwaltungsrat, davon zwölf Jahre lang als seine 1. Vorsitzende. Viele wichtige Entscheidungen fielen in ihre Amtszeit. Jetzt scheidet die 75-Jährige aus Altersgründen aus. Kindernothilfe-Redakteurin Gunhild Aiyub hat mit ihr gesprochen.

Christel Riemann-Hanewinckel: Buchhändlerin, Pfarrerin, stellvertretende Superintendentin, SPD-Politikerin, Mitglied im Deutschen Bundestag von 1990 bis 2009, u. a. in der Verfassungskommission, Parlamentarische Staatssekretärin für Familie, Senioren, Frauen, Jugend, zuletzt Mitglied im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe und im Entwicklungspolitischen Ausschuss des Bundestages. Dass Chancen gerecht verteilt werden, Menschenrechte allen gelten, war ihr immer ein wichtiges Anliegen: querbeet durch die Generationen, Geschlechter, Nationen. 2009 kandidierte sie nicht mehr für den Bundestag. Das Ausscheiden aus dem Berufsleben war für die engagierte Politikerin kein Grund, die Füße hochzulegen. Sie war bereits Mitglied im Kindernothilfe-Verwaltungsrat (VR), denn auch dort geht es um Menschenrechte und gerechte Chancen. 2009 wurde sie zur 1. Vorsitzenden gewählt.

Frau Riemann-Hanewinckel, wie sind Sie zur Kindernothilfe gekommen?

Anfang der 90er Jahre besuchte ich eine Veranstaltung bei uns in Halle/Saale. Der Bericht des ugandischen Bischofs Festo Kivengere über die Arbeit der Kindernothilfe in seinem Land hat mich so beeindruckt, dass ich mich seitdem für mehrere Patenkinder engagiere. Ich war im Bundestag Vorsitzende des Ausschusses für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Die Kindernothilfe-Kinderrechtsexpertin Barbara Dünnweller war damals meine wichtigste Fachfrau und Unterstützerin, als es darum ging, dass die Bundesregierung ihre Vorbehalte gegen die Ratifizierung der UN-Kinderrechtekonvention zurücknahm. 2010 war es endlich soweit: Die Kinderrechte gelten seitdem für alle Mädchen und Jungen in Deutschland. Wir haben dann intensiv weiter zusammengearbeitet, z. B. beim Individualbeschwerdeverfahren für Kinder, dessen Mitinitiatorin Barbara Dünnweller war. Dadurch können junge Menschen jetzt auch bei den Vereinten Nationen ihr Recht einfordern. Durch diese Zusammenarbeit hatte ich also schon längere Zeit eine enge Verbindung zur Kindernothilfe.

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"Nichtregierungsorganisationen sind notwendige Partnerinnen der Politik"

Sie haben sich 2006 für den VR aufstellen lassen und wurden nach Ihrer Wahl Mitglied im Auslandsausschuss. Was wollten Sie dort bewirken?
Ich wollte lernen und die Erfahrungen und Forderungen einer so wichtigen Nichtregierungsorganisation in politisches Handeln umsetzen. Die Zusammenarbeit mit Barbara Dünnweller, die Gespräche mit Dr. Jürgen Thiesbonenkamp, dem damaligen Kindernothilfe-Direktor, das Engagement und die Forderungen des Vereins für Kinder- und Menschenrechte haben meine politische Arbeit beeinflusst. Nichtregierungsorganisationen sind notwendige Partnerinnen der Politik. Sie sind in einem demokratischen Staat diejenigen, die mit ihren Erfahrungen Entwicklung und Demokratie mitgestalten und oft genug den ersten Anstoß geben.

Sie haben Entscheidungen und Veränderungen der Kindernothilfe miterlebt. Welche waren für Sie besonders wichtig?

Der VR bewilligte während meiner Amtszeit etliche wichtige Neuerungen. So gibt es beispielsweise seit 2008 eine Ombudsperson gegen Korruption und seit 2016 eine weitere für Kinderschutz. Ich möchte nur einige weitere aufzählen:

2008 entwickelte die Kindernothilfe ihren Kinderrechtsansatz, der die Grundlage aller Projekte in unseren Partnerländern ist. Kinder gelten jetzt als eigenständige Persönlichkeiten und Träger von Menschenrechten. Sie haben einen Anspruch auf Bildung und Ausbildung, Gesundheit, Geschlechtergerechtigkeit, faire Verteilung von Ressourcen.

2017 entstand die neue Arbeitseinheit Training & Consulting. Auch das war ein Meilenstein in der Arbeit. Zum ersten Mal setzte sich die Kindernothilfe aktiv für den Schutz von Mädchen und Jungen in Deutschland ein. Eine Arbeit, die Kinder stark macht, Erwachsene bildet und Gewalt, vor allem sexualisierte Gewalt, eindämmt. Die Inanspruchnahme der Trainings durch Sportvereine, Schulen, Jugendämter und andere Organisationen steigert die Bekanntheit der Kindernothilfe bei neuen Zielgruppen. Die Aufnahme der Projektarbeit in Myanmar im selben Jahr habe ich sehr begrüßt. Ich war 2008 dort, Hilfe jeder Art ist bitter nötig, vor allem auch das Erleben von Demokratie und Menschenrechten.
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Selbsthilfegruppe in Äthiopien (Quelle: Jakob Studnar)
Eine Frauenselbsthilfegruppe in Äthiopien (Quelle: Jakob Studnar)
Selbsthilfegruppe in Äthiopien (Quelle: Jakob Studnar)
Eine Frauenselbsthilfegruppe in Äthiopien (Quelle: Jakob Studnar)
Während meiner Zeit im VR wuchs die Kindernothilfe zu einer europäischen Organisation heran: Sie hat Verbundpartner in Österreich, der Schweiz und in Luxemburg. Der nächste Schritt ist nun die Kindernothilfe international.

Aber auch solche Erlebnisse fielen in meine Amtszeit: Beim 50-jährigen Jubiläum der Kindernothilfe 2009 war ich dabei, als Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Duisburger Mercatorhalle zu Recht unser Engagement für die Kinderrechte würdigte. 2018 lud Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Kindernothilfe ins Schloss Bellevue ein, um dort ihre Medienpreisverleihung zu feiern. Vom Staatsoberhaupt eingeladen zu sein, Achtung und Aufmerksamkeit zu erfahren, auf der Bühne zu hocken, mit ihm zu erzählen und zu lachen, das war für die Mädchen und Jungen der Kinderjury ein gelungener „Staatsempfang“!
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Unzählige Erfahrungen von vertrauensvoller Zusammenarbeit

Was wird Ihnen von den 16 Jahren vor allem in Erinnerung bleiben?

16 Jahre Engagement gemeinsam mit allen VR-Mitgliedern, den Mitarbeitenden und Vorständen der Kindernothilfe in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg: Das sind unzählige Erfahrungen von vertrauensvoller Zusammenarbeit, Suchen und Finden von Umstrukturierungen und neuen Wegen. Ideen konnten wachsen und damit neue Arbeitsfelder. Konfliktlösungen wurden möglich durch Unterstützung von Expertinnen und Experten sowie dem Willen, gemeinsam Wege zu finden. Ich bin froh und dankbar für das erlebte Vertrauen, das Können, Wissen, den Humor der VR-Mitglieder und aller, die für und mit der Kindernothilfe arbeiten!

Aber es gab auch traurige Momente, Menschen, von denen wir uns verabschieden mussten:

Von Nikolaus Immer, dem stellv. Vorsitzenden des Verwaltungsrates! Ich denke gerne zurück an das verlässliche und fröhliche Miteinander. Er hatte mir damals gemeinsam mit Dr. Preuss Mut gemacht hat, mich der Wahl zur VR-Vorsitzenden zu stellen.

Von unserem Duisburger „Ortspfarrer“ Dietrich Köhler-Miggel, langjähriges VR-Mitglied, der uns sowohl seine humorvollen Andachten als auch immer wieder die Gemeinderäume und Kirche zur Verfügung stellte. Er ist in seinem Abschlussgottesdienst, zum Ende seiner Dienstzeit, verstorben.

Von Rolf Heringer, Finanzvorstand der Kindernothilfe, er kannte sie wie kein anderer, denn er hat Jahrzehnte in und für die Kindernothilfe gearbeitet! Mit seinem Humor hat er uns manche Mühe leichter gemacht hat, auch während seines Ruhestands.


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Wie geht es für Sie jetzt weiter?

Ich werde der Kindernothilfe gemeinsam mit meinem Mann als Mitglieder im Verein verbunden bleiben. Wir werden in Schulklassen und Kirchengemeinden für die Kindernothilfe unterwegs sein. Ich bin neugierig, wie die Arbeit weitergeht!

Ich freue mich sehr, dass der VR Helga Siemens-Weibring zur Vorsitzenden gewählt hat. Wir kennen uns seit langer Zeit aus der intensiven Zusammenarbeit mit der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Familie!

Ich bedanke mich für das langjährige Vertrauen und die engagierte Zusammenarbeit mit den Mitarbeitenden und Vorständen der Kindernothilfe in Deutschland, Österreich, Schweiz und Luxemburg! Wir hatten gemeinsam wichtige Aufgaben zu bewältigen und haben das immer geschafft! Danke!
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