Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Kindheit zwischen Müllbergen und Hoffnung

Text: Christiane Dase, Fotos: Christiane Dase und Lennart Zech

Die Armut in Indonesien ist extrem. Um das Überleben ihrer Familien zu sichern, müssen viele Kinder arbeiten – oft unter ausbeuterischen und gefährlichen Bedingungen. Unsere Partnerorganisation PKPA unterstützt Mädchen und Jungen auf der Insel Sumatra dabei, durch Bildung der Armutsspirale zu entkommen, und sie leistet in der Corona-Krise auch Soforthilfe für Familien.

Der beißende Gestank ist allgegenwärtig. In Flipflops klettern die Mädchen zwischen fauligen Essensresten, eingedrückten Coladosen, Plastikmüll und zerrissenen Kleidungsstücken umher. Kilometerlang breitet sich der stinkende Müllteppich über das Flussufer aus, dazwischen wachsen Palmen und Bananenpflanzen gen Himmel. Das Wasser unten am Fluss ist eine graugrüne, trübe Brühe. Alles, was sich aus dem Unrat noch zum Verkauf eignet, stopfen die Kinder in Beutel und Säcke: Glasflaschen, Metall, selbst Pappkartons. Aluminiumdosen lassen sich besonders gut verkaufen. 11.000 Indonesische Rupiah verdienen die Müllsammler an einem Kilo Dosen – umgerechnet etwas mehr als 60 Cents. Schon vor Corona war das hart verdientes Geld. 
Ein Mädchen stopft Recyclingmüll in einen Sack (Quelle: Christiane Dase)
Ein Mädchen sammelt am Flussufer Recyclingmüll (Quelle: Christiane Dase)

Wegen der Anweisung der Regierung, zu Hause zu bleiben, haben viele Firmen ihren Betrieb heruntergefahren. Deshalb nimmt den Kindern heute kaum ein Käufer den Müll zum Recyceln ab. Und wenn, dann bekommen sie noch weniger dafür. Doch Kinder wie Jesi sammeln trotzdem weiter – sie brauchen jeden Cent. Die 13-Jährige lebt mit fünf Geschwistern und ihrem Vater in einem Dorf etwas außerhalb von Medan, der chaotischen Hauptstadt der indonesischen Insel Sumatra. Sieben Menschen in einer kleinen Hütte mit zwei Zimmern. Monoton surrend verteilt ein Ventilator heiße Luft in dem stickigen Wohnraum. Ein zerschlissener Teppich bedeckt den fleckigen Betonboden. Neben dem alten Röhrenfernseher steht ein Kühlschrank an der Wand – sonst nichts. Aber wenn abends alle da sind, ist das Haus rappelvoll. 

März 2020 – ein Rückblick

Jesi lehnt im Türrahmen und spielt mit einer mageren Katze. Für unser Gespräch macht sie eine kurze Pause von der Arbeit. Denn seit die Mutter die Familie verlassen hat, müssen Jesi und ihre Geschwister Geld verdienen. Ihr Vater hat zwei Jobs. Doch was er als Masseur und Tuk-Tuk-Fahrer einnimmt, reicht nicht zum Überleben. „Wir müssen hier alle unseren Beitrag leisten“, sagt die 13-Jährige. „Meine Schwester verkauft an der Straße Snacks. Und ich sammele und wasche Müll, dann verkauft ihn unser Nachbar.“

30.000 Rupiah – weniger als zwei Euro – bekommt Jesi für fünf Stunden Arbeit. Das Geld gibt sie ihrer Schwester. „Sie kauft davon Essen oder bezahlt den Schulbus“, sagt Jesi. Vormittags besucht das Mädchen die achte Klasse der Junior Highschool. Jesi geht gerne zur Schule und träumt davon, Ärztin zu werden. Doch zum Lernen hat sie wenig Zeit: „Ich muss jeden Tag nach der Schule arbeiten, auch an den Wochenenden. Manchmal bin ich zu müde dafür. Aber wir brauchen das Geld!“

Ein Mädchen in Schuluniform sitzt im Hauseingang (Quelle: Christiane Dase)
Wenn Jesi aus der Schule kommt, muss sie arbeiten (Quelle Christiane Dase)

Wenn Kinder unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften

Indonesien ist eines der kinderreichsten Länder der Welt. Wie Brasilien, Indien oder China gilt es als Schwellenland. Doch nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lebt fast die Hälfte der Bevölkerung des südostasiatischen Landes, das aus mehr als 13.000 Inseln besteht, unterhalb der Armutsgrenze. Nur knapp 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen besuchen eine weiterführende Schule – viele brechen vorher ab, weil sie ihre Eltern finanziell unterstützen und arbeiten müssen.

Indonesien hat sich in verschiedenen nationalen und internationalen Abkommen und Vereinbarungen zum Kampf gegen ausbeuterische Kinderarbeit verpflichtet. Doch die Realität sieht oft anders aus: Rund vier Millionen Kinder und Jugendliche unter 17 Jahren arbeiten, davon fast zwei Millionen unter ausbeuterischen Bedingungen: in der Industrie, in Restaurants und in Steinbrüchen, als Verkäufer auf der Straße oder auf Fischerbooten.

Jesi schneidet Aludeckel von Plastikbechern (Quelle Lennart Zech)
Jesi muss die Aludeckel von den Bechern schneiden (Quelle: Lennart Zech)

Jesis Beispiel ist eine Erfolgsgeschichte für den Kindernothilfe-Partner 

Unterstützung bekommen Kinder wie Jesi und ihre Familien auf der Insel Sumatra von unserer indonesischen Partnerorganisation Pusat Kajian dan Perlindungan Anak (PKPA, Zentrum für Kinderstudien und Kinderschutz). Projektmitarbeitende besuchen das Mädchen regelmäßig, um es bei Sorgen oder Schwierigkeiten zu beraten – und sicherzustellen, dass es in die Schule gehen kann. „Mit unserer Arbeit erreichen wir derzeit rund 250 Kinder und Jugendliche zwischen fünf und 18 Jahren aus ärmsten Familien in Medan. Die meisten von ihnen müssen arbeiten“, sagt Keumala Dewi, Geschäftsführerin von PKPA. „Wir ermutigen und unterstützen Kinder dabei, trotzdem morgens in die Schule zu gehen, und sensibilisieren Eltern für die Bedeutung von Bildung. Denn ohne Schulbildung haben sie kaum eine Chance, ihre Lebenssituation langfristig zu verändern.“


Jesis Beispiel ist eine Erfolgsgeschichte für den Einsatz von PKPA für arbeitende Kinder. Nicht allen gelingt es wie der 13-Jährigen, Schule und Arbeit zu vereinbaren. „Wenn sie einmal Geld verdienen, wollen viele Mädchen und Jungen nicht mehr zur Schule gehen. Andere haben gar keine Wahl. Sie müssen den ganzen Tag arbeiten“, erklärt Camelia Nasution, Koordinatorin des Children Creativity Centers, einer Anlaufstelle für arbeitende Kinder von PKPA in Medan. Denn Zeit ist Geld. Viele waschen für ein paar Rupiah Busse in Busbahnhöfen, andere sind als Sänger auf den Straßen der Millionenstadt unterwegs oder verkaufen zwischen hupenden und drängelnden Autos und Motorrollern Zigaretten, Süßigkeiten und Wasser an die Fahrer.

Eine Projektmitarbeiterin, Camelia Nasution (Quelle: Christiane Dase)

Camelia Nasution vom Children Creativity Center

"Wir können die Kinder nicht dazu zwingen, in die Schule zu gehen. Wir sind froh, wenn sie herkommen, um mit uns sprechen. So können wir sie über Gefahren bei der Arbeit auf der Straße aufklären und besser davor schützen." 

Eko schlägt sich für ein paar Rupiah als Straßensänger durch


Der 15-jährige Eko treibt sich bei unserem Besuch im März den ganzen Tag mit seiner Gitarre und Freunden auf Medans vollgestopften Hauptstraßen herum. An geöffneten Auto- und Busfenstern singen sie mit traurigem Blick herzzerreißende Lieder für die Insassen. Immer in der Hoffnung, dass ihnen jemand ein paar Rupiah-Scheine zusteckt. Ekos Freunde kaufen davon Süßigkeiten oder geben ihr Geld im Internetcafé aus; der 15-Jährige bringt seinen gesamten Tageslohn am Abend nach Hause. Ekos Vater ist Müllsammler, seine Mutter arbeitet nicht. „Tief in meinem Herzen wünsche ich mir, wieder in die Schule gehen zu können. Aber ich habe keine Zeit dafür, weil ich Geld verdienen muss. Und ich schäme mich, weil meine Schulfreunde inzwischen viel schlauer sind als ich und sich über mich lustig machen“, gesteht Eko.
„Wir können die Kinder und Jugendlichen nur ermutigen, aber nicht dazu zwingen, in die Schule zu gehen. Wir sind froh, wenn sie herkommen, um mit uns über ihre Situation zu sprechen. So können wir sie über Gefahren bei der Arbeit auf der Straße aufklären und besser davor schützen“, sagt Camelia Nasution von PKPAs Children Creativity Center. Eko kam früher oft nach der Arbeit auf der Straße zum Fußballspielen mit seinen Freunden hierher. „Wenn ich Fußball spiele, vergesse ich meine Sorgen“, erzählt er. Andere Kinder machen zusammen Musik, basteln mit den Mitarbeitenden im Zentrum oder spielen Gesellschaftsspiele.
Zwei Mädchen sitzen auf einem großen Sessel (Quelle: Christiane Dase)
In der Anlaufstelle von PKPA können Kinder spielen und sich auch mal zurückziehen - seit der Corona-Pandemie ist sie aber nur nur noch in Notfällen geöffnet (Quelle: Christiane Dase)

Corona hat katastrophale Folgen – gerade für die Ärmsten

Doch seit dem Ausbruch von Covid-19 ist die Anlaufstelle geschlossen. Für die Mitarbeitenden des Kindernothilfepartners ist die Corona-Krise eine Herausforderung. „Wir arbeiten in Schichten und wechseln uns im Homeoffice und Büro ab, um eine Ansteckung untereinander zu vermeiden“, betont PKPA-Geschäftsführerin Keumala Dewi. „Einmal pro Woche besuchen wir die Kinder und ihre Familien jetzt zu Hause, um sicherzugehen, dass es ihnen gut geht.“ Die Pandemie hat die Lebenssituation für ärmste Familien in ganz Indonesien noch verschlechtert: Wer schon vorher von der Hand in den Mund lebte, kämpft jetzt ums Überleben.

Die Corona-Krise trifft die Familien, mit denen PKPA in Medan zusammenarbeitet, hart: „Viele Eltern habe ihre Arbeit verloren. Die meisten müssen täglich hart für ihr Einkommen schuften, was ihre Situation noch schwieriger macht“, erklärt Keumala Dewi. „Das ist auch der Grund dafür, warum viele Eltern die Anweisungen der Regierung, zu Hause zu bleiben, nicht befolgen und auch ihre Kinder zum Arbeiten auf die Straße schicken.“

Ein Junge mit einem Bauchladen geht über eine Straße (Quelle: Christiane Dase)
Bejo arbeitet als Straßenverkäuder. Seit der Corona-Pandemie laufen die Geschäfte schlecht. (Quelle: Christiane Dase)

Mit seinem Bauchladen steht der Junge normalerweise in der drückenden Mittagshitze auf der Hauptstraße. Der zwölfjährige Bejo und seine drei Geschwister verkaufen gemeinsam mit ihrer Mutter Wasser und Zigaretten an die Minibusfahrer an einer vollgestopften Kreuzung mitten in Medan. Schatten gibt es hier den ganzen Tag nicht. „Nach der Schule müssen wir auf der Straße mithelfen“, erzählt Bejo bei unserem Besuch. Das war vor Corona. Seit der Pandemie laufen die Geschäfte schlecht. Weil weniger Menschen Bus fahren, verkaufen Bejo und seine Familie auch weniger. Schon früher war das Geld knapp. Zwischen 50.000 und 80.000 Rupiah - gerade einmal drei bis fünf Euro – kamen an einem Tag zusammen. „Wenn wir Schulbücher kaufen müssen, gibt es weniger zu essen“, sagt Bejo.

Soforthilfe sichert derzeit das Überleben vieler Familien

Damit Kinder Zeit zum Lernen haben und nicht den ganzen Tag auf Medans Straßen schuften müssen, um das Überleben ihrer Familien zu sichern, leistet PKPA in der Krise Soforthilfemaßnahmen: Regelmäßig verteilen Mitarbeitende Grundnahrungsmittel wie Reis, Öl, Zucker und Eier sowie Hygiene-Pakete mit Seifen und Mundnasenschutz. „Wir informieren außerdem über die Gefahren des Corona-Virus und erklären den Familien, dass sie sich regelmäßig die Hände waschen, eine Maske tragen und Sicherheitsabstand halten müssen, wenn sie das Haus verlassen“, betont Keumala Dewi. Außerdem haben Projektmitarbeitende Lernspiele und ein Handbuch für Kinder entwickelt, die über Covid-19, die Folgen und wie sich Kinder und ihre Familien vor dem Virus schützen können, aufklären.

Ein Mädchen liegt auf dem Bett und macht Hausaufgaben (Quelle: Christiane Dase)
Wegen geschlossener Schulen müssen viele Kinder nun zu Hause lernen - falls sie die Möglichkeit dazu haben (Quelle: Christiane Dase)
Weil viele Schulen wegen Corona noch immer geschlossen sind, brauchen Kinder wie Bejo und Jesi Handyguthaben, um am Online-Unterricht teilzunehmen. „Die meisten Familien haben kein Geld dafür und finden auch keinen öffentlichen Internetzugang in der Stadt“, schildert Keumala Dewi die für viele Schüler schwierige Lernsituation. Nach Gesprächen mit der Regierung stelle diese jetzt kostenlos Onlinedatenvolumen zur Verfügung, damit auch in der aus armen Familien die Chance haben, weiter zu lernen und den Anschluss nicht zu verlieren.

Auch Jesi lernt momentan von zu Hause aus. Sie vermisst ihre Schulfreunde, trotzdem schafft es die 13-Jährige, der Situation etwas Positives abzugewinnen: „Vor Covid-19 konnte ich nur spät abends meine Hausaufgaben machen. Weil ich jetzt etwas weniger arbeite und mir den Schulwegmit dem Bus spare, habe ich mehr Zeit, und ich verbringe sie sinnvoll: mit Lernen.“

Über die Autorin

Portraitfoto von Christiane Dase (Quelle: Ludwig Grunewald)
Christiane Dase ist seit 2019 Redakteurin bei der Kindernothilfe und berichtet in verschiedenen Reportagen aus unseren Projekten.
  

Die Arbeit von PKPA

1996 in Medan gegründet, setzt sich der Kindernothilfepartner für die Beteiligung von Kindern und Frauen, Demokratie, Pluralismus und Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern in den Provinzen Nordsumatra und Aceh ein. Mit ihrer Arbeit will die Organisation langfristig gesellschaftliche Veränderungen für das Wohlergehen von (arbeitenden) Kindern sowie die Umsetzung von Kinderrechten wie Schutz vor Gewalt und Ausbeutung, auf Bildung und Gesundheit erwirken. Dafür betreibt PKPA unter anderem Advocacy-Arbeit auf politischer Ebene, nicht-formale Bildung, vermittelt jugendliche Schulabbrecher in Berufsausbildungen, klärt über Kinderrechte auf und schult Mädchen und Jungen darin, ihre Meinung vor Erwachsenen zu vertreten, unterstützt aber auch Opfer von Missbrauch und Gewalt.

Kinderarbeit und Corona

Die Corona-Krise hat katastrophale Folgen für die Lebenssituation arbeitender Kinder weltweit: Lockdowns in vielen Ländern schützen zwar vor einer Infektion mit dem Virus, für ärmste Familien bedeuten sie aber Arbeitslosigkeit und massive Einkommensverluste. Um Geld zu verdienen und das Überleben der Familie zu sichern, sind gerade Kinder, die früher leichte Arbeit verrichtet haben, jetzt oftmals gezwungen, schwere und gefährliche Jobs zu übernehmen. Umso mehr sind sie auf staatliche und humanitäre Hilfe angewiesen, die aber vielfach nicht ausreicht.

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