"Wir werden noch gehört, wir sind nicht vergessen"
Text: Kari Egeling Bilder: Kindernothilfe-Partner
Christine Idems (Manager Humanitäre Hilfe) und Silvia Beyer (Programmkoordinatorin) von der Kindernothilfe waren in Afghanistan und haben mit den Menschen vor Ort gesprochen. Sie erzählen von der Zusammenarbeit mit den afghanischen Partnern, über die Rechte von Kindern und Frauen und darüber, warum es gerade jetzt wichtig ist, im Land präsent zu bleiben.
Wie habt ihr eure Zeit in Afghanistan und die Zusammenarbeit mit den Partnern vor Ort erlebt?
Silvia Beyer: Wir sind in einer sehr angespannten Zeit gereist - nach einem Blackout, vor dem Hintergrund politischer Spannungen und schweren Erdbeben. Entsprechend wussten wir bei unserer Ankunft nicht genau, was uns erwarten würde. Trotz allgegenwärtiger Sicherheitskontrollen gab es aber keinerlei Zwischenfälle und wir wurden überall sehr höflich empfangen. Wir haben uns bewusst Zeit für Gespräche mit den Menschen und unseren Partnern genommen, statt Termine nur abzuarbeiten.
Für was setzen sich die Partner und die Projekte vor Ort ein?
Silvia Beyer: Die Projekte fördern die Integration von Kindern mit Hörbehinderung in den regulären Schulunterricht, Grundbildung sowie Kinderschutz. Dabei gibt es Angebote für Kinder, Eltern und Lehrerinnen. Ein weiteres Projekt dämmt Frühverheiratungen und ausbeuterische Kinderarbeit ein. Ergänzend leisten wir humanitäre Hilfe, etwa nach Naturkatastrophen oder im Rahmen der Winterhilfe für Rückkehrende aus Pakistan und dem Iran. Der Bedarf ist enorm. Neben Nothilfe und Schutz fördern wir auch Aktivitäten, mit denen die Zielgruppen mehr Möglichkeiten an die Hand bekommen, zukünftig ihre Existenz und die ihrer Familien besser zu sichern.


Welche Herausforderungen haben die Partner bei ihrer Umsetzung und ihrer Arbeit vor Ort?
Silvia Beyer: Afghanistan steht vor multiplen Krisen: Den Folgen des Klimawandels (Dürren im Sommer, Stürme und Erdrutsche im Winter), Konflikte mit Nachbarländern. Gleichzeitig ist die Finanzierung von Entwicklungs- und Humanitären Projekten stark eingeschränkt und Neuanträge werden kaum bewilligt. Projekte müssen zunächst von Ministerien genehmigt werden – ein Prozess, der Monate dauern kann. Zudem müssen die Partnerflexibel und kreativ auf neue Regelungen reagieren. Umso wichtiger ist der kontinuierliche Austausch mit den Partnern.
Christine Idems: Dabei stellt sich auch immer die Frage, ob man sich zurückziehen oder die Menschen weiterhin unterstützen soll. Solange die Hilfe wirklich bei den Betroffenen ankommt und nicht in Taliban-Strukturen versickert, ist sie für uns vertretbar. Auch deshalb, weil viele internationale Organisationen das Land verlassen haben. Dennoch bleibt es eine schwierige Abwägung.
Wie steht es mittlerweile um die Rechte von Kindern und vor allem auch von Mädchen und Frauen in Afghanistan?
Christine Idems: Eine öffentliche Debatte, bei der Rechte als solche benannt werden, ist derzeit faktisch nicht möglich. Unsere Partner dürfen Begriffe wie "Kinderrechte" oder "Menschenrechte" weder in Anträgen noch in Projekttiteln verwenden, da dies unmittelbar zu Problemen oder Ablehnung führen kann.
Die Sittenpolizei kann mehr oder weniger willkürlich Menschen verhaften. Für Frauen kann es bereits ausreichen, kein Kopftuch zu tragen oder wenn ein Teil des Knöchels sichtbar ist. Zudem müssen Frauen ab einer bestimmten Wegstrecke von einem männlichen Familienangehörigen begleitet werden.
Mädchen dürfen nur bis zur sechsten Klasse zur Schule gehen, danach endet ihre schulische Bildung. Für junge Frauen, die bereits eine Bildungs- oder Berufsperspektive entwickelt hatten, ist es extrem belastend, diese nicht weiterverfolgen zu können. Ihre Zukunftsperspektiven müssen vollständig neu ausgerichtet werden und dürfen sich ausschließlich im familiären Rahmen bewegen. Einige wenige versuchen, über Onlinekurse weiter zu lernen, doch das ist schwierig und für die Mehrheit keine realistische Option.


Silvia Beyer: Für uns war es irritierend, so freundlich empfangen zu werden, während ein Großteil der afghanischen Frauen aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen ist.
Christine Idems: Einerseits ist Gastfreundschaft ein zentrales Prinzip im Paschtunwali, also im traditionellen Ehrenkodex. Gäste werden respektvoll behandelt, unabhängig vom Geschlecht. Dieses Bild von Solidarität und Miteinander wird hierzulande kaum gezeigt. Andererseits hing unsere besondere Behandlung auch mit unserer Rolle zusammen: Wir vertreten eine Organisation, die finanzielle Mittel ins Land bringt und die Partner bei der sozialen Stabilisierung unterstützt – und damit auch für lokale Entscheider wichtig ist. Für uns als Frauen war es außerdem von Vorteil, besser und direkt mit Frauen in Kontakt zu treten als das für männliche Kollegen der Fall gewesen wäre.
Mit welchem Eindruck und Gefühl habt ihr Afghanistan am Ende verlassen?
Silvia Beyer: Dass es richtig war, gereist zu sein. Dass es gut ist, dass wir in Afghanistan engagiert sind, da wir sehr gute Partner haben. Vor allem ist es ein Land, in dem die Menschen Unterstützung verdienen. Auch für die Partner vor Ort ist es sehr wichtig, dass wir weiterhin da sind. Es gibt ihnen unglaublich viel Kraft. Sie wissen: Wir werden noch gehört, wir sind nicht vergessen. Die Entscheidung der Bundesregierung, Programme wie das Bundesaufnahmeprogramm einzustellen, sind für uns unverantwortlich.
Hinweis der Redaktion: Das Interview wurde im Februar 2026 geführt.



