Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

WAZ-Weihnachtsspendenaktion
Mehr anzeigen

Nach der Flucht: Wie sie Kindern helfen, die Gewalt erlebten

Text: Hubert Wolf, Fotos: Jürgen Schübelin

Auf der Flucht nach Lesbos erleben Kinder Gewalt. Manchen wächst ein Schutzschild, mehr sind traumatisiert. „Unzählige persönliche Katastrophen.“

 Es gibt Gründe, die Mutter zu hassen, und einer kann sein, auf Lesbos zu sein. In einem Lager voll latenter Gewalt. Ohne Freunde, ohne Schule, ohne Ausgang. Und mit sehr ungewissen Aussichten. Warum nur sind wir hier? „Die Mutter hat uns hierher gebracht.“

Grigoris Kavarnos hört solche Sätze, kennt solche Kinder. Sie machen ihre Mütter dafür verantwortlich, am äußersten Rand Europas zunächst wieder im Elend zu sitzen. Andere wiederum reagieren genau umgekehrt, geben sich selbst die Schuld, dass die Mama so leben muss. „Dass sie ihr nicht helfen können.“

 

Manche Kinder sind „wahre Weltmeister der Widerstandskraft“

Der 53-jährige Kavarnos ist der stellvertretende Leiter des psychologisch-medizinischen Unterstützungsprogramms, das die Hilfsorganisation „Lesvos Solidarity (Lesol)“ für Flüchtlingskinder aufgezogen hat. Sonst macht es ja keiner. Nicht für die Kinder von Kara Tepe, dem Lager. „Kara Tepe“, das heißt: „Schwarzer Hügel.“

Und so landen bei Kavarnos und seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen viele dieser traumatisierten Mädchen und Jungen. Das Elend in der Heimat haben sie erlebt, die Flucht und die Überfahrt, jetzt die Ungewissheit und die Umstände. Und wie verarbeiten sie das? Manche Kinder, erzählt Kavarnos, seien „wahre Weltmeister der Resilienz“, der Widerstandskraft: „Sie bauen sich einen Schutzschild auf, um den Stress und die Ängste nicht an sich herankommen zu lassen.“ Aber Weltmeister können immer nur wenige sein.

„Sie haben gelernt: Wer am stärksten zuschlägt, hat etwas davon“

Lesols therapeutische Arbeit mit den traumatisierten Kindern gehört zu dem Projekt, für das wir Sie um Spenden bitten, liebe Leser und Leserinnen. In der diesjährigen Weihnachtsspendenaktion von WAZ und Kindernothilfe geht es um Hilfe für geflüchtete Mütter und Kinder, die auf der griechischen Insel vor der türkischen Küste gelandet sind. Ihnen wird mit Ihrem Geld ein großes, schützendes Haus in der Stadt gebaut, und sie finden die Möglichkeit, eine Gesprächstherapie aufzusuchen.

Wenn nötig. Grigoris Kavarnos schätzt, dass etwa ein Drittel der Kinder „schwere psychische und psychiatrische Probleme hat“. Die Grundlage ist fast immer: die Gewalterfahrungen unterwegs und im Lager. „Sie haben gelernt: Wer am stärksten zuschlägt, hat etwas davon. Das läuft auf unzählige persönliche Katastrophen hinaus.“

Mehr anzeigen
Grigoris Kavernos, Psychologe, Spezialist für die Trauma-Arbeit mit Geflüchteten, Folter-Opfern und Opfern sexueller Gewalt. Leiter des Psychologinnen- und Psychologen-Teams des Partners "Lesvos Solidarity". Hat zuvor an mehreren anderen Brennpunkten mit Geflüchteten gearbeitet, vor allem an der Grenze zwischen Griechenland und Nord-Mazedonien. Das von ihm betreute Programm von "Lesbos Solidarity" begleitet derzeit 18 Familien (sprich alleinerziehende Mütter und ihre Kinder) in fünf Wohngemeinschaften, die in über die Stadt verteilten shelters von LeSol untergebracht sind.
Der Psychologe Grigoris Kavarnos hat täglich mit Kindern zu tun, die Gewalt durchlitten haben. (Quelle: Jürgen Schübelin/Kindernothilfe)
Grigoris Kavernos, Psychologe, Spezialist für die Trauma-Arbeit mit Geflüchteten, Folter-Opfern und Opfern sexueller Gewalt. Leiter des Psychologinnen- und Psychologen-Teams des Partners "Lesvos Solidarity". Hat zuvor an mehreren anderen Brennpunkten mit Geflüchteten gearbeitet, vor allem an der Grenze zwischen Griechenland und Nord-Mazedonien. Das von ihm betreute Programm von "Lesbos Solidarity" begleitet derzeit 18 Familien (sprich alleinerziehende Mütter und ihre Kinder) in fünf Wohngemeinschaften, die in über die Stadt verteilten shelters von LeSol untergebracht sind.
Der Psychologe Grigoris Kavarnos hat täglich mit Kindern zu tun, die Gewalt durchlitten haben. (Quelle: Jürgen Schübelin/Kindernothilfe)

Der Flüchtling Khan fand als Helfer einen neuen Lebenssinn

Einer, der wohl die Kurve kriegt, das ist Khan. Als junger Mann kam er aus Afghanistan nach Lesbos, verlor seinen Bruder an das Mittelmeer, beschreibt die Selbstmordgedanken, die er damals hatte. Doch nach vielen Wendungen hat sich sein Leben zuletzt ins Positive gedreht: Khan hat inzwischen einen Aufenthaltstitel, vor allem aber hat er eine sinnvolle, helfende Tätigkeit bei Lesol. „Das erste Mal habe ich wieder gefühlt, das jemand mich wertschätzt.“

Der heute 24-Jährige hilft Neuankömmlingen bei der ersten Orientierung, „wenn sie bei uns durch die Tür kommen“, so beschreibt er das. Vor allem aber übersetzt Khan aus Farsi, der Sprache der Heimat, ins Englische und Griechische. Oft auch bei den Therapien, wo es Wochen und Monate dauern kann, ein Kind für ein Gespräch zu öffnen. Wie anders als mit Mutters Sprache? So hat Khan nach Jahren der Verzweiflung seinen Platz auf Lesbos gefunden: „Ich bin wieder glücklich, habe Freunde, mein Leben hat wieder einen Sinn.“

Außerhalb des Lagers finden die Kinder schnell Anschluss und Freunde

300 bis 500 Mädchen und Jungen sitzen in Kara Tepe, es ist ein ständiger Strom, neue kommen nach, andere können weiter, beziehen vielleicht mit der Hilfe Lesols eine kleine Wohnung in der Inselhauptstadt Mytilini. „Wenn man den Kindern ermöglicht, aus dem Lager herauszukommen, einen Schul-Alltag zu erleben, und wenn ihre Mütter oder Familien ebenfalls nicht mehr im Lager sind, dann setzt ganz schnell ein Heilungsprozesse ein“, sagt Kavarnos, der Psychologe.

Die Glücklichen. Auch sie kennt er. Sie lernen natürlich viel schneller Griechisch als die Erwachsenen. Sie schließen Freundschaften. Sie kennen sich in diesem kleinteiligen, verwinkelten Stadtlabyrinth namens Mytilini auch viel schneller aus als der Vater oder die Mutter. „Sie können ihren Eltern helfen, sich zurechtzufinden. Daraus erwächst Selbstbewusstsein. Sie ziehen ihre Mütter mit.“ Kein Grund mehr, zu hassen.

Mehr anzeigen

Über den Autor

WAZ Reporter Hubert Wolf
Hubert Wolf
Hubert Wolf ist seit 1989 Journalist bei der WAZ und war mit der Kindernothilfe bereits in Brasilien, Malawi, Indien, Guatemala, Bangladesch und auf den Philippinen.

Helfen Sie geflüchteten Frauen und ihren Kindern auf Lesbos

Mit Ihrer einmaligen Spende im Rahmen der WAZ-Weihnachtsaktion 2021 unterstützen Sie unseren Einsatz für die Geflüchteten in Griechenland.

- oder -

Persönliche Angaben
Zur steuerlichen Absetzbarkeit Ihrer Spende können Sie eine Spendenbescheinigung anfordern. Für Zuwendungen bis 300 Euro genügt ein Kontoauszug zur Vorlage beim Finanzamt.
Zahlungsart
Datenschutz und Newsletter
Kindernothilfe-Newsletter abonnieren
Im Anschluss erhalten Sie eine E-Mail, mit der Sie Ihre Anmeldung noch einmal bestätigen müssen. Sie können sich jederzeit wieder abmelden oder Ihre Präferenzen ändern.
Datenschutz

Das könnte Sie auch interessieren

Den Lagern auf Lesbos entkommen

In diesem Jahr wollen WAZ und Kindernothilfe den Flüchtlingskindern auf Lesbos helfen. Lesen Sie, wie Abdulah und der kleine Lord dem Lager entkamen.
Mehr erfahren

Warum die Fischer nicht alle Flüchtlinge retten konnten

Die Fischer von Lesbos versuchten, die Boots-Flüchtlinge zu retten, die Organisation Lesol fängt die Menschen auf. So können auch Sie helfen.

Mehr erfahren

Leben statt Lager: Wo Frauen und Kinder geschützt sind

Für Flüchtlinge aus Lesbos sollen alte Wohnungen hergerichtet werden, wo sie Schutz und Anschluss finden. WAZ-Leser können helfen.
Mehr erfahren