Dass sie für andere Vorbild ist, das war nicht immer so. Früher, berichtet Nasib, dachten die Menschen oft, sie sei blind und stumm. Wenn sie beispielsweise auf dem Markt etwas kaufen wollte, aber nicht wusste, was es kostet. "Ich wusste nie, ob mir jemand zu viel Geld abnimmt. Ich konnte die Preise ja nicht lesen. Und ob das Wechselgeld stimmte, konnte ich auch nicht erkennen. Jetzt ist das anders. Ich habe Augen und ich habe einen Mund. Und ich kann lesen und schreiben und mit den Leuten handeln!"
Nasib wirbt im Camp erfolgreich für ein Leben ohne FGM
Und Nasib tut noch mehr: sie ist aktives Mitglied einer Anti- FGM-Gruppe. FGM, diese drei Buchstaben stehen für die Qual der grausamen Genitalverstümmelung, unter der fast 98 Prozent aller Frauen in Somaliland leiden: "Female Genital Mutilation" (FGM). Mit den Frauen aus ihrem Alphabetisierungskurs konnte sie damals erstmals Worte finden für das Leid, das viele von ihnen durch diese archaische Tradition erlitten haben. Mittlerweile macht Nasib Hausbesuche und organisiert selbst Informationsveranstaltungen zu dem Thema. Viele Frauen im Camp sind sich mit ihr bereits einig: Ihren Töchtern und Enkelinnen soll dieses Schicksal künftig erspart bleiben. Dass ein Großteil der Ehemänner ihre Frauen in dieser Absicht unterstützen, liegt auch am örtlichen Imam. Er bestätigte ihnen, dass die weibliche Genitalverstümmelung keinerlei Wurzel im Koran hat, sondern dort im Gegenteil die körperliche Unversehrtheit des Menschen, der "in schönster Gestaltung geschaffen" sei, betont wird.