Über die Autorin

Katrin Weidemann
ist seit 2014 CEO der Kindernothilfe. Mit ihren Reportagen und Blog-Beiträgen gibt sie persönliche Einblicke in ihre Arbeit.
Der Bahnhof Kamalapur ist Endstation für viele Züge in Bangladesch. Als zentraler Verkehrsknotenpunkt ist er Zielort für Züge aus allen Himmelsrichtungen. Sie transportieren täglich tausende von Menschen in die Hauptstadt Dhaka, in ihren überfüllten Abteilen, und wenn da kein Platz mehr ist, auch auf dem Dach. Auf dem Bahnhof Kamalapur steigen die Passagiere alle aus. Manche steigen um. Und manche bleiben einfach dort. Der Bahnhof Kamalapur ist manchmal auch für Menschen Endstation. So war es bei Prantik.
Prantik lebte auf dem Bahnhof Kamalapur, bis er sieben war. Ob er jemals ein anderes Zuhause hatte, weiß er nicht. Alles, woran er sich erinnern kann, ist ein Leben am Zentralbahnhof. Dort verbrachte er seine Tage mit der Suche nach Essbarem, bot sich Händlern als Zeitungsverkäufer und Reisenden als Kofferträger an. Dort verbrachte er seine Nächte auf einem Pappkarton, am Rand eines Bahnsteigs eng an die anderen Straßenkinder gerückt. Die Gruppe, sie half ihm gegen die Kälte der Nacht. Und sie war ein wichtiger Schutz gegen die Gefahren, die einem kleinen Jungen am Bahnhof drohen können, von Rattenbissen bis hin zu Entführung und Missbrauch. Der Bahnhof von Dhaka war Prantiks Zuhause, solange er denken kann.
Dass er tatsächlich eine Familie hat, eine Mutter, Geschwister, das erfuhr Prantik erst viel später.







