Über die Autorin

Katrin Weidemann
ist seit 2014 CEO der Kindernothilfe. Mit ihren Reportagen und Blog-Beiträgen gibt sie persönliche Einblicke in ihre Arbeit.


Hunderttausende Rohingya leben in dem riesigen Lager für Geflüchtete bei Cox´s Bazar in Bangladesch. Die geordnete Wasser- und Sanitärversorgung ist eine tägliche Überlebensfrage, für die die Campbewohner in eigens gebildeten Wasserkomitees selbst die Verantwortung übernehmen. Durch das Corona-Virus sind die Hygieneregeln noch wichtiger geworden.
Sie hat uns Kindern immer wieder davon erzählt: von diesem ersten Haarewaschen nach langer Flucht. In einer unendlichen Odyssee war sie unterwegs gewesen. Ohne Hab und Gut, ohne eigentliches Ziel, auf der Suche nach Schutz vor gewaltsamen Übergriffen, auf der Suche nach Sicherheit vor Bomben und Tod. Und dann, mitten in einer kriegszerstörten Ruinenlandschaft, dieses Erleben: „Ich hatte nur ein Stück Seife zum Aufschäumen und das Wasser aus dem Eimer war kalt. Aber dieses erste Haarewaschen nach wochenlanger Flucht, sich wie ein neuer Mensch zu fühlen, das war himmlisch.“
Diese Erinnerung meiner Mutter war mir sehr nah, als ich im November das weltgrößte Flüchtlingslager Kutupalong Extension in Bangladesch besuchte. Die Rohingya-Frauen dort kamen meist schnell auf ihre Flucht aus Myanmar zu sprechen. Erzählten mit stockender Stimme vom Mord an ihrem Ehemann, dem Bruder, dem Nachbarn. Von Verfolgung und Vergewaltigung. Ihrem überstürzten Aufbruch aus dem brennenden Heimatdorf. Den Nächten im Dschungel und den Menschenkolonnen aus anderen Dörfern, die sie unterwegs trafen. Sie hatten auf Steinen im Straßengraben geschlafen, keinen Meter entfernt von vorbeidonnernden Lastwagen und mit nicht mehr als einer Plastiktüte, um ihre Kinder vor Dreck und Kälte zu schützen. So kamen sie nach Bangladesch.
Das war im Herbst 2017, als sie zu hunderttausenden zu Fuß über die Dschungelgrenze nach Bangladesch zogen und in den Hügeln um Cox´s Bazar Schutz und Zuflucht suchten. Was sie in dem sich schnell formierenden Lager am dringendsten brauchten? „Wasser!“


Es war damals eine unserer ersten Aktivitäten als Kindernothilfe, mit unserem Partner DSK in drei Camps des Lagers die Wasser- und Sanitärversorgung sicherzustellen: Brunnen bohren, Zapfstellen einfassen, Toiletten bauen und Sanitärräume errichten… Die Frauen, die Entbehrungen der Flucht noch im Nacken, waren maßgeblich an der Planung mit beteiligt: Wo sollen die Sanitärräume stehen? Sind die Waschräume für Männer und Frauen ausreichend voneinander getrennt? Wie sicher ist der Weg von den Schlafhütten zu den Toiletten – ist er auch nachts beleuchtet?
Die Toiletten und die Waschräume – sie waren auch das erste, was mir die Frauen im Lager bei meinem Besuch zeigten. Die Zapfsäulen, mit ihren sorgfältig geharkten Umfassungen. Die leuchtend grün gestrichenen Toilettenhäuschen mit dem dazugehörigen Wasserhahn samt sauberem Eimer. Die Abfalltonne mit Deckel, die jeweils zwischen den Toiletten steht, für Hygieneartikel. Und die Waschräume. Hierher kommen sie, um sich zu duschen – mit einem Stück aufgeschäumter Seife, und meist ist das Wasser kalt. Aber für sie ist es ein Ort, der etwas mit ihrer Würde macht.
Genauso wie die Water-User-Groups, die die Nutzung und Wartung der Wasser-Infrastruktur sicherstellen und so den langfristigen Nutzen der Wasserversorgung gewährleisten. Hier engagieren sich die Frauen für sich selbst, für ihre Kinder, für die Gemeinschaft. Ein Wasserkomitee vertritt jeweils 100 Familien. Sie haben ein lebhaftes Interesse daran, dass die Pumpe sauber läuft, die Wasserqualität regelmäßig getestet, die Zapfsäulen gereinigt werden. Für die Bedienung der Wasserpumpe wurde ein Jugendlicher ausgebildet. Zweimal täglich pumpt er 20.000 Liter von dem kostbaren Nass in den großen Wassertank.