Über die Autorin

Katrin Weidemann
ist seit 2014 CEO der Kindernothilfe. Mit ihren Reportagen und Blog-Beiträgen gibt sie persönliche Einblicke in ihre Arbeit.


Es gibt Märchen, die kennt jeder. Das von Simba, dem Löwen, gehört nicht dazu. Das hat sich Gabi Molsen, Sprecherin des Kindernothilfe-Arbeitskreises in Lachendorf, für unsere Unterstützer vom Arbeitskreis Wolfsburg extra zum digitalen Weltkindertag in Wolfsburg ausgedacht. Darin kommt auch das Kinderrecht auf Bildung vor. Das ist aber leider keine Selbstverständlichkeit, denn immer noch können Abermillionen Kindern nicht zur Schule gehen. Die Corona-Pandemie macht alles nur noch schlimmer. Umso mehr müssen wir dafür kämpfen, dass Bildung für die betroffenen Kinder kein Märchen bleibt.
Als Kind liebte ich Märchen. Tausendmal gehört, kannte ich jede der Geschichten aus meinem dicken Märchenbuch beinah auswendig. In Gedanken flüsterte ich mit, wenn mein Großvater vorlas, und korrigierte ihn empört, wenn er auch nur ein einziges Wort veränderte oder gar ausließ. Die Figuren, von denen er erzählte, sah ich leibhaftig vor mir, bekam Gänsehaut, wenn sie in Gefahr schwebten und fieberte mit, wenn es um ihre Rettung ging.

Der Hinweis auf gleichberechtigte, frei zugängliche Bildung, den das Märchen in seine Geschichte verwebt, hat einen aktuellen Hintergrund. Waren schon vor Ausbruch der globalen Covid-19-Pandemie knapp 260 Millionen Kinder weltweit von Bildung ausgeschlossen, gehen aktuelle Schätzungen der Vereinten Nationen davon aus, dass im nächsten Jahr voraussichtlich knapp 24 Millionen Kinder und Jugendliche zusätzlich wegen der Folgen der Corona-Pandemie die Schule dauerhaft abbrechen werden. Ein großer Anteil davon sind Mädchen. Konkret bedeutet das: Knapp 24 Millionen Jungen und Mädchen verlieren ihre Entwicklungschancen.
Zum Weltkindertag habe ich mich deshalb an Bundesminister Gerd Müller gewendet mit der Frage: Was können wir unternehmen, um diese Bildungsabbrüche bestmöglich zu verhindern?
Die Zeit drängt. Denn mehr als sechs Monate nach dem Beginn der Lockdowns ist laut UNESCO noch immer knapp die Hälfte der weltweit fast 900 Millionen Schülerinnen und Schüler von Schulschließungen betroffen (Stand: 16. September 2020). Besonders dramatisch ist: Je länger die Schulschließungen andauern, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder und Jugendliche nicht mehr zur Schule zurückkehren – das haben wir aus der Ebola-Krise und aus anderen Krisen gelernt.
Dabei ist die Gefahr des permanenten Schulabbruchs besonders für marginalisierte Kinder und Kinder aus armen Haushalten sehr hoch. Mädchen sind dabei einem nochmal deutlich höheren Risiko ausgesetzt: Für sie steigt die Gefahr von frühen, ungeplanten Schwangerschaften und Frühverheiratung sowie (insbesondere sexualisierter) Gewalt.

