Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

„Ich wünsche mir, dass wir Kindern noch besser zuhören“

Lea Kulakow arbeitet seit 2017 bei der Kindernothilfe. Sie ist Teil des Advocacy-Teams, zuständig für die Themen Kinderarbeit, Teilhabe und Kinderrechte, sowie Projektmanagerin für die Dialogue Works Kampagne. Im Gespräch mit Carina Röhr berichtet sie von ihrer Arbeit.

Frau Kulakow, wie sind Sie zur Kindernothilfe gekommen?


Ich bin – wie viele andere – durch ein Praktikum hier gelandet. Kurz nach diesen zweieinhalb Monaten im Referat für Bildung und Öffentlichkeitsarbeit ist eine Stelle als Elternzeitvertretung im Bereich Ehrenamt frei geworden, und ich habe mich darauf beworben. Inzwischen bin ich seit sechs Jahren hier und habe in verschiedenen Bereichen gearbeitet. Für Kindernothilfe-Verhältnisse ist das noch gar nicht so lange, viele meiner Kolleginnen und Kollegen sind schon um einiges länger hier – für mich persönlich ist das aber schon eine beachtliche Zahl, auch weil es mir eigentlich gar nicht so lange vorkommt.

Wie sah denn Ihr Leben vor der Kindernothilfe aus?

Ich habe ganz klassisch ein Bachelor- und ein Masterstudium gemacht. Im Bachelor habe ich Journalistik studiert mit dem Schwerpunkt Politikwissenschaft. Damals bin ich dann für ein halbes Jahr nach Mexiko gegangen und das hat mir so gut gefallen, dass ich im Master Lateinamerikastudien in Berlin studiert habe. Das Pflichtpraktikum habe ich bei der Kindernothilfe absolviert.

Bei der Kindernothilfe haben Sie die Kampagne Dialogue Works gestartet. Was genau setzen Sie innerhalb dieser Kampagne um?

Der Artikel 12 der UN Kinderrechtskonvention besagt, dass alle Kinder ein Recht haben, bei Themen, die sie selbst betreffen, mitzusprechen. Wir wollen mit Dialogue Works vor allem die Rechte von arbeitenden Kindern stärken. Das hat einen langen Hintergrund, denn arbeitende Kinder fordern dieses Mitspracherecht schon seit Jahrzehnten ein.

2013 hat eine Kollegin in Brasilien die Globale Konferenz zur Kinderarbeit besucht, die von der International Labour Organisation (ILO) organisiert wird. Auf dieser Konferenz war allerdings kein einziges arbeitendes Kind anwesend. Daraus ist dann die Idee zu Dialogue Works entstanden, wobei es zunächst ein Vorgängerprojekt gab, das Time to Talk hieß. Weil es so tolle Ergebnisse hervorgebracht hat, haben wir und terre des hommes dann mit Dialogue Works ein Nachfolgeprojekt auf den Weg gebracht. Seitdem sind Kinderkomitees in 15 Ländern entstanden, die vor allem versuchen, Entscheidungstragende mit ihren Ideen zu erreichen. Aus Deutschland versuchen wir, diese Arbeit auf eine globale Ebene zu heben. So haben wir z. B. im Januar das Global Gathering in Ruanda organisiert, wo 60 Kinder aus diesem Projekt ein neues Forderungspapier erarbeitet haben. Dieses Papier nutzen wir jetzt, um auf den verschiedenen Ebenen weiterhin Advocacy-Arbeit zu machen.
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Global Gathering 2023 in Ruanda: Gruppenfoto der Teilnehmenden (Quelle: Martin Bondzio)
Global Gathering in Ruanda 2023: Gruppenfoto der Teilnehmenden (Quelle: Martin Bondzio)
Global Gathering 2023 in Ruanda: Gruppenfoto der Teilnehmenden (Quelle: Martin Bondzio)
Global Gathering in Ruanda 2023: Gruppenfoto der Teilnehmenden (Quelle: Martin Bondzio)

Das Global Gathering in Ruanda war etwas ganz Besonderes

Waren Sie selbst beim Global Gathering anwesend? Was ist Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben?

Ja, das war etwas sehr Besonderes. Für die teilnehmenden Kinder war es ihre erste Reise überhaupt. Wir haben viele von ihnen jetzt bei einem Zoommeeting gefragt, wie es ihnen nach der Konferenz ergangen ist. Ein Mädchen aus Bangladesch hat z. B. erzählt, dass 30 Leute bei ihm zu Hause waren, als es zurückgekommen ist. Aus dem Dorf war noch nie jemand in ein anderes Land gereist – alle waren gespannt, was das Mädchen berichten würde.

Wir haben auch auf der Konferenz gemerkt, dass die Kinder sehr beeindruckt waren. Die Reise selbst war schon sehr aufregend, und dann haben sie in Ruanda arbeitende Mädchen und Jungen aus 15 Ländern getroffen, die in der gleichen Situation sind wie sie selbst. Schon nach einem halben Tag haben sie sich ausgetauscht, als würden sie sich ihr Leben lang kennen – es war sehr bewegend, das miterleben zu dürfen.

Wie kommunizieren Sie mit den Kindern?


Das ist tatsächlich immer eine Herausforderung. Viele Kinder können Englisch, da gerade in afrikanischen Ländern Englisch ja oft auch Schul- oder Amtssprache ist. Aber für die anderen Kinder müssen dann die Erwachsenen dolmetschen.

Es gibt aber auch andere Herausforderungen: In Kenia hatten die Kinder bei unserem Zoomcall zum Beispiel ein Handy und haben sich von zu Hause zugeschaltet. Die Mädchen und Jungen in Äthiopien konnten aber gar nicht teilnehmen, weil sie in ihrem Ort weder Internet noch Handys haben und außerdem sehr weit von unserer Partnerorganisation entfernt wohnen. Für sie ist es immer ein sehr großer Aufwand, überhaupt zu den Treffen zu kommen, weil sie abgeholt werden und teilweise drei bis vier Stunden durch das Land fahren müssen. Es ist dann einfach schwer, Kontakt zu halten, wenn es keine digitale Infrastruktur gibt. Deshalb war es jetzt auch so außergewöhnlich, diese Kinder in Ruanda zu treffen.

Und wie werden die Kinder, die zu diesen Konferenzen kommen, ausgewählt?

Bei unserem Projekt arbeiten wir jeweils mit lokalen Partnerorganisationen zusammen. Meistens sind das Kinder, mit denen diese schon in Kontakt sind – zum Beispiel durch ein anderes Projekt. Die Partner gehen oft in die Schulen oder Dorfgemeinden, berichten dort von Dialogue Works und fragen die Mädchen und Jungen selbst, wer von ihnen Interesse hätte, dabei mitzumachen. Meistens melden sich viel zu viele, sodass ausgewählt werden muss, wer mitmachen darf. Die Kinderkomitees bestehen ja jetzt schon seit drei bis vier Jahren, und für das Global Gathering haben sie selbst entscheiden, wer das Komitee dort repräsentieren soll. Wir mischen uns da gar nicht ein.

Die Eltern müssen aber natürlich einverstanden sein, und am Ende müssen auch die Papiere stimmen. Es gab auch Kinder, die keinen Pass bekommen konnten, weil nicht einmal ihre Eltern Ausweise besaßen. Aus unseren Kinderkomitees in Indien durfte leider kein einziges Kind nach Ruanda reisen, weil die Behörden zu lange gebraucht haben. Das war für die Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Ländern, die die Mädchen und Jungen begleitet haben, sehr schwierig. In Ländern wie den Philippinen oder Indonesien gibt es zum Beispiel viel Kinderhandel und Prostitution, sodass an den Grenzen sehr streng darauf geachtet wird, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Die Kinder brauchten viele verschiedene Dokumente mit Unterschriften und amtlichen Beglaubigungen. So blieben am Ende gar nicht mehr viele übrig, die überhaupt reisen konnten.

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Lea Kulakow (Kindernothilfe) bei einem Workshop des Global Gatherings in Ruanda (Quelle: Jakob Studnar)
Lea Kulakow bei einem Workshop des Global Gatherings 2023 in Ruanda (Quelle: Jakob Studnar)
Lea Kulakow (Kindernothilfe) bei einem Workshop des Global Gatherings in Ruanda (Quelle: Jakob Studnar)
Lea Kulakow bei einem Workshop des Global Gatherings 2023 in Ruanda (Quelle: Jakob Studnar)

Soll diese Konferenz nun regelmäßig stattfinden?

Bei Dialogue Works ist es so, dass wir einen Antrag für vier Jahre schreiben und dann Geld für gewisse Aktivitäten beantragen. Wir haben das zunächst nur für eine Periode getan, sodass das Projekt jetzt im nächsten Jahr ausläuft. Wir wissen noch nicht, wie es weitergeht. Natürlich wünschen wir uns aber, dass wir noch mal eine solche Konferenz abhalten können; es war einfach ein sehr einschneidendes Erlebnis für die Kinder, aber ehrlich gesagt auch für uns als Erwachsene. Die gesamte Energie auf diesem Event war einfach unglaublich.

"Dadurch lerne ich unglaublich viel für die Arbeit, aber auch für mich persönlich"


Was gefällt Ihnen am meisten an Ihrer Arbeit?

Bei Dialogue Works haben wir das Glück – oder die Herausforderung –, in 15 Ländern gleichzeitig tätig zu sein und so viele verschiedene Eindrücke zu bekommen. Dadurch lerne ich unglaublich viel für die Arbeit, aber auch für mich persönlich. Außerdem arbeiten wir jetzt teilweise über einige Jahre mit denselben Kindern. Zu sehen, wie sie sich weiterentwickeln und was dieses Projekt für sie verändert, motiviert mit sehr.

Worauf freuen Sie sich in diesem Jahr besonders?


Ein Highlight war das Global Gathering im Januar. Jetzt wollen wir daraus etwas Nachhaltiges machen, indem wir die Forderungen der Kinder verbreiten.

Im April findet z. B. der African Children Summit in Kenia statt. Er wird von Kindern selbst geleitet – Erwachsene dürfen nur zuschauen. Zehn Kinder, die das Forderungspapier in Ruanda mitentwickelt haben, können dieses nun auf der Konferenz vorstellen. Das ist definitiv ein nächstes Highlight! Ich hoffe außerdem, dass ich dort Ideen sammeln kann, wie wir unsere nächste Konferenz noch partizipativer gestalten können. Auf diese Weise wollen wir aus unserem Projekt ein Netzwerk machen, das auch über den Projektzeitraum hinweg bestehen kann.

Was wünschen Sie der Kindernothilfe für die nächsten Jahre?


Eigentlich wünsche ich ihr, dass es so weitergeht, denn die Arbeit der Kindernothilfe hat sich in den letzten 60 Jahren sehr bewährt. Wenn man mit unseren Partnern spricht, bekommt man immer tolles Feedback. Das finde ich das Wichtige: dass wir darauf hören, was die Kolleginnen und Kollegen in den Projekten, was die Menschen vor Ort und vor allem, was die Kinder sagen, was ihre dringendsten Probleme sind. Ich wünsche mir, dass die Kindernothilfe in Zukunft den Kindern noch besser zuhört und – das ist ja auch mein Job – ihr Mitspracherecht weiterhin fördert.

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