Likoko lacht nicht mehr oft
Text: Ute Schwarzwald Bilder: Jakob Studnar
Bujumbura. Likoko trägt ein Röckchen im Leo-Look und einen pinkfarbenen Kapuzenpulli, dazu durchsichtige Perlen in den Zöpfen, die rund um ihren Kopf fliegen, wenn sie lacht, tanzt und fröhlich ist. Aber Likoko lacht nicht oft. Denn sie war daheim, als es passierte. Im Februar dieses Jahres, in Ikoma, im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Das Mädchen musste mit ansehen, wie Soldaten ins Haus drangen, wie sie ihrer Mutter Gewalt antaten, wie sie ihren Vater verprügelten und aus dem Haus schleppten. Und wie Likokos großer Bruder den fremden Männern folgte, um dem Vater zu helfen. "Das war das letzte Mal, dass ich Mbemba gesehen habe, danach nie wieder. Er ist verschwunden", berichtet Likoko weinend, neun Monate später in einem Flüchtlingscamp im burundischen Rutana.
Die Familie suchte vergebens nach dem Jungen. Von Nachbarn habe sie später erfahren, erzählt Likokos Mama, dass Mbemba tot sei. Ihr Mann sei nach dem Überfall zu ihr zurückgekehrt, "aber in sehr schlechter Verfassung, nicht mehr derselbe wie früher", sagt sie. Er sei nun ein "Krüppel", versehrt, an Körper wie Seele, auch an diesem Tag wieder im Hospital. "Aber Likoko", beteuert Sifa Mwamini unter Tränen ein ums andere Mal, "Likoko geschah nichts. Sie war nur dabei, als es geschah." Likoko ist fünf.
Wenige Tage nach dem Überfall, sobald der Vater wieder halbwegs gehen konnte, floh die Familie mit den vier überlebenden Kindern aus Ikoma über den Rusizi ins Nachbarland Burundi: aus einem der größten Länder Afrikas in eines der kleinsten und ärmsten des Kontinents. Im Musenyi-Camp, einem Flüchtlingslager der Vereinten Nationen treffen wir die Mwaminis. Denn die 20. Weihnachts-Spendenaktion von WAZ und Kindernothilfe (KNH) führt uns in diesem Jahr nach Burundi: in dieses wunderschöne und so gebeutelte Land.


Es fehlt an so vielem: an Stiften wie Regenwassertanks
Sie, liebe Leserinnen und Leser, haben in den vergangenen Jahren erstaunliche Summen zusammengetragen für Kinder in Not in aller Welt – Geld, das sehr viel Gutes bewirkte. In diesem Jahr bitten wir Sie um Spenden für die kleinen Kongolesen im Musenyi-Camp, um Unterstützung für Likoko und ihre Freunde Banza und Mboyo, für Jugendliche wie Kasongo, Bahati und Kiala, die Sie in den nächsten Wochen kennenlernen werden. Sie und gut 1000 andere Minderjährige werden dort betreut von Help Channel Burundi (HCB), der KNH-Partnerorganisation vor Ort.
Aber nicht nur den kongolesischen Flüchtlingen in Burundi soll ihr Geld zugutekommen. Sondern auch den burundischen Kindern. Kindern, deren Familien ebenfalls ums Überleben kämpfen; die von dem wenigen leben müssen, das ihr Land hergibt. Weil der Boden seit langem schon ausgelaugt ist, der Regen in diesem Jahr wieder so spät kam und der Klimawandel all das noch viel schlimmer macht. Über einen weiteren Partner vor Ort, Réseau Burundi 2000 plus (RBU), unterstützt die Kindernothilfe auch diese Familien mit verschiedenen sozialen, psychologischen und landwirtschaftlichen Projekten sowie Ernährungsberatung.
Burundi ist mit knapp 28.000 Quadratkilometern Fläche kleiner als das deutsche Bundesland Brandenburg. Aber der Binnenstaat am Tanganyikasee im Osten Afrikas ist mit 14 Millionen Einwohnern zugleich eines der am dichtesten besiedelten Länder Afrikas. Und eines der ärmsten der Welt: 87 Prozent der Menschen leben von weniger als zwei Dollar am Tag. Zwei Drittel bis drei Viertel der Bevölkerung gelten als unter- oder mangelernährt.
Es ging Burundi nie gut. Aber im Herbst 2025 geht es der früheren belgischen Kolonie schlechter denn je. Das Land, unabhängig seit 1962, leidet noch immer unter politischen Spannungen zwischen den Hutu, die 85 Prozent der Bevölkerung ausmachen und den Tutsi (14 Prozent). Und es steckt tief in einer Wirtschaftskrise. Es fehlt an allem, an Wasser, Lebensmitteln, Treibstoff, Devisen, Medikamenten... Corona und der Krieg in der Ukraine haben die Inflation zusätzlich in die Höhe geschraubt.


Welthungerhilfe: Situation in Burundi ist sehr ernst
Seit Februar, seit sich trotz aller Friedensbemühungen der nicht enden wollende Bürgerkrieg in der Demokratischen Republik Kongo (DRK) zunehmend in den Osten des Landes verlagert, seit dem Vormarsch der berüchtigten M23-Miliz in die Provinz Nord-Kivu, die an Burundis westlichste Provinz Cibitoke grenzt, strömen zudem täglich Hunderte kongolesische Flüchtlinge nach Burundi: das kleine, arme Nachbarland der DRK. Burundi mag die Menschen in Not nicht abweisen. Nicht nur, aber vor allem weil es die Not kennt.
Die Welthungerhilfe nennt die Situation in Burundi "sehr ernst", Jahr für Jahr sterben 40.000 Kinder an den Folgen chronischer Unterernährung. Der kleine Noah, den wir auf unserer Reise durch Burundi in Nzove Hill in der Provinz Gwisabe treffen, hatte Glück: Seine Mutter Lea brachte ihn in ein Gesundheitszentrum, das RBU in dem Dorf finanziert. Hier werden Babys und Kleinkinder vermessen und gewogen, Mütter geschult und stark untergewichtige Kinder in ärztliche Behandlung vermittelt. Hier gibt es an diesem Tag sogar Essen: Kartoffeln mit Spinat, Bohnen – und ein wenig Fisch, welch ein Glück! Noahs Mutter zeigt uns stolz das Maßband, das sich um den dürren Arm ihres acht Monate alten Sohnes schmiegt: Es zeigt fast schon "gelb" an, nicht "rot". Ihr Baby ist krank, ja, aber sein Gesundheitszustand nicht mehr alarmierend. "Ich wusste nicht viel über gesunde Ernährung und Familienplanung", erzählt Lea. "Ich wusste nicht, wie wichtig das ist." Im Zentrum erfährt sie viel darüber, auch wie sie mit dem Wenigen, das sie hat, mehr erreichen kann. Fünf Tage lang schon besucht die dreifache Mutter den Kurs eines "Parent Lumière", eines von RBU speziell ausgebildeten Dorfbewohners.


Sie werden lesen, wie dankbar die Menschen dort für Unterstützung sind. Aber Sie werden auch erfahren, wie stark die Menschen sind, die wir in Burundi treffen. Ob sie nun dort geboren oder dorthin geflohen sind. Wie groß ihre Hoffnung auf ein besseres Leben ist, vor allem für ihre Kinder. Likokos Mama etwa, die im Gespräch mit uns die Tränen gar nicht mehr stoppen kann. Sie hat uns sicherlich nicht alles erzählt, was ihr und ihren Kindern angetan wurde. Sifa Mwamini sagt nur: "Wir haben harte Zeiten hinter uns, und vor uns auch." Aber ihr Jüngstes, das Baby, das im Musenyi-Camp geboren wurde – dem hat sie den Namen "Happy" gegeben.
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