Über die Autorin

Katrin Weidemann
ist seit 2014 CEO der Kindernothilfe. Mit ihren Reportagen und Blog-Beiträgen gibt sie persönliche Einblicke in ihre Arbeit.


Zehn Tage lang werde ich in dem Land, in dem die Kindernothilfe ihre ersten Patenschaften vermittelt hat, Projekte der Kindernothilfe besuchen. In den letzten fast 60 Jahren hat sich viel verändert in Indien – für die Menschen und für die Kindernothilfe.
Das Magazin im Flugzeug berichtet euphorisch von dem längsten „all-women crew flight“ der Gesellschaft. Am Weltfrauentag hatte ein reines Frauenteam – von der Fluglotsin über Pilotin und Co-Pilotin bis zu den Stewardessen – eine Maschine (von nur weiblichen Passagieren stand nichts in dem Artikel) um die halbe Welt geflogen. Ich bin überrascht: Anscheinend sind Frauen zwar als Kabinenpersonal etabliert, aber auf dem Rollfeld und im Cockpit selbst im Jahr 2017 noch eine Besonderheit und deshalb eine Meldung wert.
Von der selben Fluglinie hatte ich Anfang des Jahres gelesen, dass sie – nach einem extremen sexuellen Übergriff an Bord – spezielle Sitzplätze exklusiv für alleinreisende Frauen reservieren wolle. Ob ich auf solch einem Frauenplatz sitze? Auf jeden Fall ist mein Nachbarsitz frei (was auch an der nur zu drei Vierteln besetzten Maschine liegen kann). Acht Stunden lang genieße ich jetzt zwischen Frankfurt und Delhi – umsorgt von einem rein weiblichen Serviceteam – die etwas größere Bewegungsfreiheit. Zehn Tage lang werde ich in Indien Projekte der Kindernothilfe besuchen. Werde das Land kennenlernen, in das die Kindernothilfe 1959 ihre allerersten Patenschaften vermittelte. Für mich wird es der Besuch des zehnten Kindernothilfe-Projektlands.
Gemeinsam eröffnen wir unser neues Büro in Delhi
Als ich morgens um acht Uhr in Neu Delhi aus dem Flieger steige, bekomme ich eine Ahnung von den 42 Grad Celsius, die der Tag heute erreichen wird. „Mach schon mal den großen Kühlschrank an“, schreibt mit einem augenzwinkernden Smiley mein Vorstandskollege Jürgen Borchardt aus Duisburg, der mir in zwei Tagen nachreist. Ich gebe seine Bitte an die Aircondition im Hotel weiter, die vermutlich ihr Bestes gibt. Leider liegen ihre Stärken aber eher in der Akustik als in der Kühlung.
Heute steht die Begegnung mit dem Kindernothilfe-Team vor Ort auf dem Programm. Vor einem Jahr haben wir im Rahmen einer Umstrukturierung ein eigenes Büro in Indien eröffnet. Kurz vor meiner Abreise erreichte mich die Nachricht, dass die offizielle Registrierung des Büros jetzt tatsächlich genehmigt ist. Also gibt es bei unserer Ankunft in den nagelneuen Büroräumen erstmal eine kleine Einweihungsfeier: Ich darf feierlich das Band zum Konferenzraum durchtrennen, bitte um den Segen für alle, die hier Dienst tun und auch für diejenigen, denen unser Engagement und unser Einsatz gilt. Guna, unsere neue indische Länderkoordinatorin, liest das Bibelwort von dem Kind, das Jesus als Vorbild in die Mitte stellt (Mt.18,3: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder…“). Unser indischer Programmdirektor Amit teilt seine Interpretation dazu mit uns. Und dann gibt es – nach dem Dankgebet – tatsächlich eine indische Version von Schwarzwälder Kirschtorte (Ein Kollege scherzt, dass sie bei offiziellen Anlässen der evangelischen Kirche eine ähnlich wichtige Rolle spielt wie das Weihwasser bei katholischen Ritualen).
Die gegenseitige Vorstellung, Einführung in das Länderprogramm und Absprachen für die nächsten Tage füllen den ganzen Nachmittag. Manch persönliche Details erfahre ich dann beim abendlichen Spaziergang auf dem Qutb-Minar-Areal mit seinen beeindruckenden Überresten früher islamischer Baukunst. Jeder Stein atmet hier Geschichte. Und die Mitarbeiterinnen, mit denen ich unterwegs bin, erzählen aus ihren Lebensgeschichten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familienleben ist auch bei ihnen Thema, aber eines, das sie scheinbar gut für sich gelöst haben. Das ist in Indien nicht selbstverständlich. Laut Kelly Global Workforce Index geben indische Frauen häufig in der Mitte ihrer Laufbahn ihren Beruf auf wegen der Doppelbelastung. Denn sowohl Männer als auch Frauen sehen Familie und Haushalt vor allem als Frauensache an.

