Über die Autorin

Katrin Weidemann
ist seit 2014 CEO der Kindernothilfe. Mit ihren Reportagen und Blog-Beiträgen gibt sie persönliche Einblicke in ihre Arbeit.






Lina erwartet uns am Eingang zu einem winzigen Hinterhof. Die alleinerziehende Mutter von vier Kindern engagiert sich in einem „urban gardening“-Projekt – eine effektive Möglichkeit zur gesunden Ernährung in der Großstadt. Jetzt nimmt sie uns mit in ihr Zuhause in das dritte „Stockwerk“ eines schmalen Patchworkhauses. Ganz unten im Erdgeschoss wohnt ihre Vermieterin. Sie bekam vor Jahren das Grundstück von der Kommune zur Verfügung gestellt und hat dort eine Zweiraum-Hütte errichtet. Auf die hat sie im Lauf der Zeit immer weitere Räume aufgestockt, ein kühner Mix aus Pressspanplatten, Bambusrohren und Canvasplanen. Für die Bewohner von Haustürmen wie diesem gilt: „Je höher, desto ärmer“.
Schwitzend tasten wir uns durch das Halbdunkel. Den ersten Stock erreichen wir noch über ein paar gemauerte Stufen, danach geht es nur noch über steile Stiegen und schmale Bambusleitern weiter. Das Zimmer von Lina und ihren Kindern misst circa 15 Quadratmeter. In einer Ecke des niedrigen Verschlags toben zwei Jungs auf einer Matratze und verstecken sich lachend unter einer Decke, als wir schnaufend durch die Dachluke einsteigen. Weil der Regen die Straßen der Stadt überflutet hat, wurde die Schule für zwei Tage abgesagt, deshalb sind der Acht- und der Zehnjährige heute daheim. Dass sie überhaupt zur Schule gehen können, verdanken sie einem Grundschul-Stipendium unserer Partnerorganisation. Ihren Lebensunterhalt verdient Lina durch den Verkauf von Keksen, die im Projekt en gros eingekauft und dann an mobilen Straßenständen weiterverkauft werden.


Vor zwei Jahren kam sie erstmals in Kontakt mit den Community Workern. „Seitdem hat sich vieles in meinem Leben verändert.“ erzählt sie. „Ich verdiene eigenes Geld, mit dem ich planen kann. Meine Jungs sind gesund und gehen zur Schule. Und – das ist besonders wichtig – wir passen in der Community aufeinander auf“. Der Gemeindevorstand, bei dem wir uns kurz vorstellen, wird das später bestätigen. Das Aufeinander-Achten in der Nachbarschaft hat deutlich zugenommen, das erkennt auch die Stadtverwaltung. So unterstützt die Kommune das Projekt mit großer Bereitschaft.
Bevor wir wieder die steilen Stiegen aus Linas Zuhause runterklettern, werfe ich noch einen Blick auf ihre Besitztümer – und entdecke Erstaunliches. Zwischen den sorgfältig an eine Bretterwand gehängten Küchenutensilien und den bunten T-Shirts, die an einem Seil vor dem Fenster baumeln, steht auf einem schmalen Regalbrett ein kleines Aquarium mit Goldfischen. Die schwimmen munter herum, augenscheinlich werden sie auch gefüttert. Es hat etwas Rührendes, in dieser schlichten Behausung, in der sich nur das Allernötigste für fünf Personen befindet, die Fürsorge für Haustiere zu erleben. Ja, in dieser Community wird aufeinander geachtet, besonders auf die Kleinen.

