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Gewinner des "Story on Stage"-Preis Michael Höft bei der Kindernothilfe-Medienpreisverleihung 2025 (Quelle: Reto Klar)

Die bittere Geschichte hinter unserer Schockolade

„Wegschauen darf keine Option sein“, sagt Michael Höft. Mit seinem Beitrag „Die Wahrheit hinter dem Schokohasen – Kinderarbeit in der Kakaoindustrie?“ wurde er 2025 mit dem „Story on Stage“-Preis beim Kindernothilfe-Medienpreis ausgezeichnet. Im Interview berichtet er, welchen Herausforderungen er bei der Recherche und Produktion begegnete – und warum ihm die Aufklärung über die Schattenseiten der Globalisierung besonders am Herzen liegt.

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Was hat Sie persönlich dazu bewegt, sich mit diesem Thema zu beschäftigen und es öffentlich zu machen?

Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit den Schattenseiten der Globalisierung, mit jenen Punkten, an denen unsere schönen Konsumprodukte eine bittere Geschichte erzählen. In Indien habe ich über versklavte Mädchen in der Textilindustrie gedreht, in Bangladesch und China über die Ausbeutung junger Menschen in Fabriken, die unsere Kleidung, unsere Elektronik, unsere Alltagsgegenstände herstellen. Wer einmal dort war, wer Betroffene gesehen und begleitet hat, kommt von diesem Thema nicht mehr los.

Für mich war es deshalb fast zwangsläufig, irgendwann auch beim Thema Schokolade zu landen. Kakao ist eines der wichtigsten Agrarprodukte der Welt und zugleich eines der anfälligsten für Missbrauch, gerade in Westafrika. Vor einiger Zeit bin ich auf eine Studie der Universität Chicago gestoßen. Sie zeigte, dass trotz aller Selbstverpflichtungen und PR-Versprechen der großen Schokoladenhersteller die Zahl der arbeitenden Kinder in Côte d'Ivoire und Ghana nicht gesunken, sondern sogar gestiegen ist. Das hat mich schockiert und ehrlich gesagt auch wütend gemacht.

Denn wir feiern Schokolade bei uns als Genussmittel, als Geschenk, als etwas Unschuldiges. Gleichzeitig arbeiten hunderttausende Kinder unter sklavereiähnlichen Bedingungen dafür. Diese Diskrepanz auszuhalten, gelingt nur, solange man nichts über die Herkunft weiß. Ich finde: Wegschauen darf keine Option sein. Deshalb wollte ich diesen Film machen.

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Welche Schwierigkeiten und Herausforderungen hatten Sie während der Recherche und bei der Produktion?

Jedes Land hat seine eigenen Herausforderungen, aber die Elfenbeinküste war in vielerlei Hinsicht besonders anspruchsvoll. Die Infrastruktur ist oft schlecht, und viele Regionen sind nur schwer erreichbar. Dazu kommt, dass Plantagenbesitzer verständlicherweise kein großes Interesse daran haben, wenn plötzlich ein Fernsehteam auftaucht. Auch für lokale Behörden ist das Thema heikel, niemand möchte, dass der Ruf des Landes beschädigt wird.

Ohne unsere lokalen Journalisten hätten wir diese Türen nicht aufbekommen. Sie kannten die Wege, die Menschen, die Machtstrukturen und sie kannten auch die Risiken. Es gab Orte, an denen man uns deutlich spüren ließ, dass wir unerwünscht sind. Und Situationen, in denen wir sehr vorsichtig sein mussten. Der Druck auf die Kinder, mit uns zu reden, ist enorm. Die größte Herausforderung war aber emotionaler Natur: die Balance zwischen journalistischer Distanz und menschlicher Nähe. Wenn man sieht, unter welchen Umständen diese Kinder leben und arbeiten, merkt man, wie brüchig jede professionelle Distanz werden kann.

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Zwei Jungen arbeiten auf einer Kakaoplantage (Quelle: WDR)
Bildausschnitt aus der WDR-Reportage: Zwei Jungen arbeiten auf einer Kakaoplantage (Quelle: WDR)
Zwei Jungen arbeiten auf einer Kakaoplantage (Quelle: WDR)
Bildausschnitt aus der WDR-Reportage: Zwei Jungen arbeiten auf einer Kakaoplantage (Quelle: WDR)

Gab es eine Begegnung während der Dreharbeiten, die Sie besonders berührt oder geprägt hat?

Ja, absolut. Vor allem die drei Jungen, die im Film eine zentrale Rolle spielen, haben mich sehr berührt. Sie wurden aus ihren Familien herausgerissen und arbeiten seit Jahren auf den Kakaoplantagen. Sie leben in einem Verschlag ohne Strom, ohne Wasser, ohne Schulbildung. Sie bekommen kaum Geld, kaum Essen. Was sie essen, müssen sie sich selbst anbauen. Und wenn sie Fleisch haben wollen, gehen sie Ratten jagen. Das ist ihre Realität, Tag für Tag. Als Vater von zwei Kindern hat mich diese Begegnung tief getroffen. Man stellt sich unweigerlich vor, wie es wäre, wenn es die eigenen Kinder wären, die so etwas durchmachen müssten. Diese Vorstellung lässt einen nicht mehr los. Und man begreift: Für diese Kinder ist das kein Ausnahmezustand, keine vorübergehende Krise, es ist ihr festgeschriebenes Leben. Diese Jungs begleiten mich seit dem Dreh. Man kann sie gedanklich nicht einfach zurücklassen.
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Was erhoffen Sie sich durch die Veröffentlichung des Films? Und welche Rückmeldungen haben Sie bisher bekommen?

Ich gehe nicht mit dem Anspruch an einen Film heran, die Welt zu verändern. Das wäre vermessen. Aber ich glaube an Wissen als Voraussetzung für Veränderung. Viele Menschen in Deutschland essen jeden Tag Schokolade, ohne zu wissen, wie sie entsteht. Ich möchte, dass sie eine informierte Entscheidung treffen können. Wenn am Ende eines Films jemand sagt: "Ich kann jetzt nicht mehr behaupten, ich hätte davon nichts gewusst", dann habe ich mein Ziel erreicht.

Die Rückmeldungen waren überwältigend. Es gab unzählige Zuschriften von Zuschauerinnen und Zuschauern, die erschüttert waren und unbedingt helfen wollten. Viele fragten, wie sie Schokolade bewusster kaufen können oder welche Initiativen man unterstützen sollte. Andere schrieben, dass sie zum ersten Mal darüber nachgedacht haben, was hinter diesem Produkt steckt.

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Wird sich dadurch etwas verändern?

Das weiß ich nicht. Aber ich hoffe es sehr. Und ich glaube, Aufklärung ist ein Anfang. Die Kinder auf den Plantagen haben keine Stimme, also müssen wir ihnen eine geben.
 
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