Tamers Weg zur Inklusion
Text: Laura Puma
Tamer ist erst 13 Jahre alt – und hat schon große Hürden gemeistert. Bereits im Alter von zwei Jahren haben Ärzte und Ärztinnen bei ihr eine körperliche Behinderung festgestellt, die ihr das Laufen erschwert. Sie lebt in Äthiopien, einem Land, in dem geeignete Behandlungen, Therapien und alltägliche Unterstützung alles andere als selbstverständlich sind. Dank unseres Partners RAPID (Rapid Action for Participatory Inclusive Development) und eines neu entstandenen Netzwerks, das sich für Kinder mit Behinderungen einsetzt, geht es ihr besser.
Armut, mangelnde Gesundheitsversorgung und fehlende Barrierefreiheit drängen in Äthiopien viele Kinder mit Behinderungen an den Rand der Gesellschaft. „Es gibt hier keine ausgebauten Straßen, und das macht es mir sehr schwer, zur Schule zu kommen“, erzählt Tamer und beschreibt damit, wie selbst alltägliche Wege für sie zur Herausforderung werden. Der Alltag, das Gehen, das Lernen – all das ist in ihrem Leben kompliziert. Doch nicht nur die mangelnde Infrastruktur erschwert den Schulbesuch: Auch der Unterricht selbst ist kaum auf die Bedürfnisse von Mädchen und Jungen mit Behinderungen ausgelegt.
Die Folge ist gravierend – viele von ihnen werden vom Unterricht ausgeschlossen und erhalten dadurch keine gleichberechtigte Bildung. Ihre Chancen auf eine selbstbestimmte und unabhängige Zukunft bleiben so von Anfang an stark eingeschränkt. Was Tamer Kraft gibt, ist ihre Mutter Equar. Eine starke Frau, die ihre Tochter nicht nur begleitet, sondern unermüdlich für ihre Rechte kämpft. „Ich tue alles, damit Tamer Zugang zu medizinischer Hilfe und Bildung bekommt. Und ich ermutige andere Mütter, das Gleiche zu tun“, sagt sie.
Ein Wendepunkt war die Unterstützung durch unsere Partnerorganisation RAPID. Dank regelmäßiger Physiotherapie in einem nahegelegenen Gesundheitszentrum hat sich Tamers Gang deutlich verbessert. „Ich laufe jetzt besser als früher. Ja, ich hatte eine Operation – aber es war die Physiotherapie, die mir wirklich geholfen hat“, sagt sie. Die Behandlungen haben ihr nicht nur mehr Bewegung, sondern auch mehr Selbstvertrauen geschenkt.


Gemeinsam stark: Das Netzwerk für Inklusion
Aus dem gemeinsamen Engagement unserer Partnerorganisationen unter der Leitung der „Praxisgemeinschaft zum Schutz von Kindern mit Behinderungen“, zu deren 14 Mitgliedern auch RAPID gehört, wuchs 2021 ein starkes Netzwerk, das sich langfristig für die Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern mit Behinderungen und die langfristige Sicherung einer inklusiven Zukunft in Äthiopien einsetzt. Unterstützt wird das Netzwerk vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Denn eines wurde deutlich: Gemeinsam sind sie stärker. Ziel des Netzwerks ist es, ein inklusives System aufzubauen, das Kindern wie Tamer echte Teilhabe ermöglicht: in der Schule, im Gesundheitswesen und im gesellschaftlichen Leben.
RAPID spielt dabei eine zentrale Rolle. Aktuell unterstützt die Organisation 114 Kinder mit Behinderungen, indem sie ihnen in Zusammenarbeit mit acht Gesundheitszentren Zugang zu medizinischer, psychologischer und sozialer Therapie ermöglicht. „Die therapeutische Hilfe unterstützt viele Kindern dabei, selbstständig zu laufen, zu sitzen – und vor allem zur Schule zu gehen“, erklärt Nebyat Gezahegn von RAPID.
Tamer weiß, wie wertvoll diese Arbeit ist: „Ich danke RAPID. Sie haben nicht nur meine Physiotherapie möglich gemacht, sondern uns auch geholfen, eine eigene Gemeinschaft für Kinder mit Behinderungen zu gründen.“
Gehört werden – endlich
Am 6. Dezember 2024, nach dem Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen am 3. Dezember, standen erstmals die Kinder selbst im Mittelpunkt. Die Arbeitsgemeinschaft organisierte eine Podiumsdiskussion, bei der betroffene Kinder und Jugendliche sprachen. Sie erzählten von ihrem Alltag, ihren Träumen und Forderungen. Zum ersten Mal hörte das Publikum nicht nur zu – es hörte wirklich hin.
Eine Gruppe von Jugendlichen hatte sich zuvor mit Hilfe von RAPID zusammengeschlossen, um ihre Interessen eigenständig zu vertreten. Doch eine formelle Vereinsgründung war ihnen verwehrt – weil sie minderjährig sind. Die 17-jährige Hayat richtete sich mit klaren Worten an die Politik: „Obwohl wir uns organisiert haben, um für unsere Rechte zu kämpfen, konnten wir keinen Verein gründen, weil wir unter 18 sind. Deshalb, liebe Regierungsvertreter: Bitte überdenken Sie Ihre Entscheidung und lassen Sie unseren Verein offiziell registrieren.“
Was die Kinder und Jugendlichen fordern, ist nicht mehr als selbstverständlich: mitbestimmen, respektiert werden, ernst genommen werden. Oder wie Tamer es ausdrückt: „Bitte achten Sie auf Ihre Sprache, wenn Sie über uns sprechen. Vermeiden Sie Begriffe, die uns negativ definieren – das verletzt unsere Psyche. Versprechen Sie uns, dass Sie mit uns sprechen wie mit jedem anderen Kind, und unsere Besonderheiten als etwas Positives sehen.“






