"Das Risiko für Vernachlässigung und Missbrauch steigt"
Text: Ludwig Grunewald Bilder: Jakob Studnar, Kindernothilfe-Partner
Ernestine Uwamwezi ist Landeskoordinatorin der Kindernothilfe in Burundi und Managerin für unsere Partner vor Ort. Sie spricht über die Situation für Kinder und ihre Rechte und inwiefern die hohe Zahl der geflüchteten Menschen das Land weiter herausfordert.
Viele Menschen flüchten aus Ländern wie dem Kongo nach Burundi. Inwiefern ist das eine Herausforderung für das Land?
Burundi ist ein armes Land. Es gibt kaum öffentliche Dienstleistungen wie Schulen oder Krankenhäuser. Die hohe Zahl an Geflüchteten belastet die ohnehin schon knappen Ressourcen wiedie Gesundheitsversorgung, Bildung, Lebensmittelhilfe und Sicherheit stark. Vor allem verletzliche Kinder und ihre Rechte zuschützen wird schwieriger. Ohne ausreichende Hilfe von außensteigt die Gefahr, dass sie vernachlässigt, missbraucht, ausge-beutet oder früh verheiratet werden. Das macht es schwer, dieguten Veränderungen im Land aufrechtzuerhalten.
Was bedeutet das für die Arbeit in den Projekten?
Die Herausforderungen durch die hohe Zahl der Geflüchteten zeigen, wie wichtig es ist, die Resilienz der Menschen zu stärken und nah mit den Menschen in den Gemeinschaften zu arbeiten, die Kinderschutz und den Kampf gegen Armut in den Mittelpunkt stellen. Die Projekte helfen Familien dabei, ihre Lebensgrundlage zu verbessern. Das passiert zum Beispiel durch Selbsthilfegruppen, Jugendgruppen und Ausbildungen. So geht es den Familien besser, und die Kinder sind sicherer. Sie können zur Schule gehen und genug zu essen bekommen, auch wenn es schwierig ist. Wenn es eine Notlage gibt, wie zum Beispielkürzlich bei einem Cholera-Ausbruch in einem Flüchtlingscamp, helfen die Projekte schnell mit Nothilfe. So werden die Familien nicht noch mehr belastet.


Abgesehen von der akuten Situation der Geflüchteten: Wie ist die aktuelle Lage für Kinder und ihre Rechte in Burundi?
Die Regierung hat in den vergangenen Jahren versucht, die Situation zu verbessern. Zum Beispiel können mehr Kinder zur Schule gehen, es gibt Krankenversicherungen für schwangere Frauen und für Kinder unter fünf Jahren sowie Kinderschutzkomitees, also Gruppen, die sich für die Rechte junger Menschen einsetzen und darauf achten, dass diese nicht verletzt werden. Aber all diese Maßnahmen helfen nur begrenzt, weil es an ausreichen der Finanzierung und Umsetzung mangelt. Es gibt zum Beispiel nur wenige Trainings für die Schutzkomitees und kaum Möglichkeiten, ihre Arbeit zu überprüfen. Es ist auch schwierig, Kinderrechtsverletzungen nachzuverfolgen – besonders Korruption erschwert die Situation. Trotz der guten Absichten sind Kinderund ihre Rechte in Burundi noch immer in Gefahr.
Was sind die Hauptziele der Projekte?
Wir unterstützen Selbsthilfegruppen, die Frauen wirtschaftlich, sozial und politisch stärken. Dazu helfen wir Kindern und ihren Familien mit Lebensmitteln – speziell mit Ernährung für Kinder. Durch unsere Projekte verbessern wir Hygienemaßnahmen, fördern Gewaltprävention und schaffen Bildungsmöglichkeiten. Außerdem stärken wir lokale Kinderschutzkomitees und führen Richtlinien ein, um Kinderrechtsverletzungen vorzubeugen und darauf reagieren zu können. In Kinderrechteclubs zeigen wir jungen Menschen, dass sie Rechte haben und stärken ihr Bewusstsein für diese. Wir schulen auch Eltern, Lehrkräfte und Gemeinden, damit sie die Rechte der Kinder besser schützen können.


Was hat sich durch die Projektarbeit verbessert?
Wir sehen viele positive Veränderungen durch unsere Arbeit. Zum Beispiel gibt es an Schulen reichhaltigeres Essen und Hygienebedingungen – etwa durch den Anbau von Gemüse und den Bau von Wasserauffanganlagen. Familien, die durch unsere Arbeit unterstützt werden, geht es finanziell besser. Dadurch verbessern sich natürlich die Lebensbedingungen, und so können zum Beispiel mehr Kinder zur Schule gehen. In den Gemeinden, in denen wir tätig sind, ist das Bewusstsein für Kinderrechte sowie die verschiedenen Missbrauchsformen erheblich gestiegen. Eltern, Lehrkräfte und lokale Führungspersonen haben Schulungen bekommen, um sich stärker für Kinderrechte einzusetzen. Ein weiterer Erfolg der Projektarbeit ist, dass viele Kinder, die zuvor nicht offiziell gemeldet waren, durch unsere Arbeit mit den zuständigen Behörden nun offiziell registriert sind und Anspruch auf staatliche Leistungen haben.
Was sind Ihre Hoffnungen für die Zukunft?
Für die Zukunft hoffe ich, dass wir mit unseren Partnern weiterhin die Gemeinschaften erreichen, in denen Kinderrechtsverletzungen am häufigsten vorkommen. Kinder sollen sicher, mit Würde und ohne Gewalt aufwachsen. Und sie sollen die Chance haben, ihr volles Potenzial zu entfalten. Um das zu erreichen, müssen wir weiter für Rechte sensibilisieren, uns engagieren und die Kinderschutzstrukturen ausbauen. Es ist auch wichtig, die burundische Regierung zu motivieren, Kinderrechte noch stärker zu priorisieren und effektive Strategien zum Schutz und Wohl der jungen Menschen zu entwickeln.




