Wer in Kenia in Armut lebt und durch das Raster des Gesundheitssystems fällt, kann ein Leben lang unter Krankheiten und körperlichen Fehlstellungen leiden, die bei flächendeckender Gesundheitsversorgung nie zum Problem werden würden. Lesen Sie hier die Geschichten von Imani und Bakari, die dank des Kindernothilfe-Partners APDK eine zweite Chance bekamen.
„Chapatiiii!!!“ schallt es aus 15 Kindermündern durch den Gymnastikraum der Klinik des Kindernothilfe-Partners APDK in der kenianischen Küstenmetropole Mombasa. „Chapati“ ist nicht nur der Name eines in Kenia besonders beliebten Fladenbrotes, sondern auch das ostafrikanische Gegenstück zum hiesigen „Spaghettiiii!“, wenn es darum geht, möglichst breit in eine Kamera zu grinsen. Besonders sticht die Reibeisenstimme des kleinen Asani aus dem „Chapati-Chor“ hervor, der sichtlich Gefallen am Fotoapparat gefunden hat. Die Mädchen und Jungen toben wild umher und werfen sich auf die dicken Turnmatten oder drehen Eine mobile Klinik für Mombasa unzählige Runden auf der kleinen Übungstreppe. Auch hier gibt Asani sein Bestes und zeigt stolz, wie fit er ist. Dass die Kinder überhaupt (wieder) herumturnen können, ist der Verdienst der Mitarbeitenden von APDK, der Association for the Physically Disabled of Kenya, oder zu Deutsch: Verband für körperlich behinderte Menschen in Kenia. Ziel der Organisation ist es, Kindern und Eltern ohne medizinische Versorgung effektiv und unkompliziert zu helfen.
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Asani macht Laufübungen im Therapiezentrum des Kindernothilfe-Partners APDK (Quelle: Ludwig Grunewald)
Asani macht Laufübungen im Therapiezentrum des Kindernothilfe-Partners APDK (Quelle: Ludwig Grunewald)
Erlösende Behandlung nach 15 Jahren
APDK ist seit 2004 Partner der Kindernothilfe. Allein seit 2023 wurden 5280 Kinder unterstützt und begleitet. Eins von ihnen ist Imani. Das aufgeweckte Mädchen wohnt mit seiner Familie 25 Kilometer außerhalb von Mombasa in ärmlichen Verhältnissen. Sie haben eine kleine Hütte mit zwei Zimmern in einer Siedlung entlang einer Schnellstraße. Das heute 16-jährige Mädchen lebte 15 Jahre lang mit einem Klumpfuß und musste während seiner gesamten Kindheit am eigenen Leib erfahren, wie eng Armut und Behinderung miteinander verknüpft sind: „Mir ging es sehr schlecht. Ich hatte das Gefühl, dass ich nicht wie andere Kinder auf diese Welt gekommen bin“, erzählt Imani. „Wenn ich mit anderen Kindern gespielt habe, dachten einige, dass ich sie anstecken würde. Die einen wussten, dass es nicht so ist. Andere haben mich ausgelacht oder sind vor mir weggerannt.“ Traurig. Vor allem vor dem Hintergrund, dass all dies hätte vermieden werden können. Denn bei frühzeitiger Behandlung kann ein Klumpfuß quasi spurlos an einem Kind vorbeigehen.
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Bewegung ohne Schmerzen: Imani mit ihrem Springseil (Quelle: Katharina Draub)
Bewegung ohne Schmerzen: Imani mit ihrem Springseil (Quelle: Katharina Draub)
Die Mitarbeitenden von APDK identifizierten Imani und vermittelten ihr die dringend notwendige Operation. Nun, ein Jahr später, kann sie richtig laufen und hat auch ein paar neue Hobbys für sich entdeckt: „Ich springe gerne Seilchen und spiele Tischtennis. Ich bin sehr glücklich. Wenn ich andere Kinder laufen sehe, kann ich auch mit ihnen gehen. Das macht mich sehr stolz“, erzählt sie. Seilspringen scheint auf den ersten Blick kein typisches Teenager-Hobby. Aber es gilt ja auch, ein großes Stück Kindheit nachzuholen.
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Barrieren in Gebäuden und Köpfen abbauen
Hänseleien, mangelndes Bewusstsein für Inklusion und zahlreiche Barrieren im Schulalltag erschweren Kindern mit körperlichen Beeinträchtigungen den Schulbesuch so sehr, dass manche Eltern ihre Kinder lieber zu Hause lassen. Diesen Gedanken hegte auch Christine, die Mutter des zehnjährigen Bakari. Dass etwas mit ihrem Sohn nicht stimmte, fiel ihr auf, als der Junge ein Jahr alt war: „Er konnte nicht einmal krabbeln, geschweige denn sich aufrichten, also beschloss ich, mich auf die Suche nach Hilfe zu machen. Ich habe es an so vielen Orten versucht, aber immer ohne Erfolg.“ Ohne Behandlung wurde sein Leben gleich in vielerlei Hinsicht zur Herausforderung: „Bevor Bakari operiert wurde, konnte er nicht einmal das Gleichgewicht halten“, erinnert sich die 36-Jährige. Selbst die kürzesten Wege musste sie ihren Sohn tragen und bei so gut wie allen Tätigkeiten unterstützen. Und auch in der Schule wurde es schwer für ihn: „Bakari kam manchmal nach Hause und sagte: ‚Mama, ich kann nicht mehr zur Schule gehen. Die Kinder lachen mich aus.‘ Das hat mich sehr getroffen.“ Christine machte sich auf die Suche nach einer neuen Schule. Ein beschwerlicher Weg, wie sich herausstellen sollte: Nur viele Vorstellungsgespräche und ein Umzug brachten Bakari schließlich das Glück, an der Smart Brains Academy zu landen. „Seine Schule ist die einzige Schule, die ihn sehr nett aufgenommen hat“, berichtet Christine dankbar.
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Glücklich, dass sie so viele Hürden mit ihrem Sohn genommen hat: Bakaris Mutter Christine (Quelle: Ludwig Grunewald)
Glücklich, dass sie so viele Hürden mit ihrem Sohn genommen hat: Bakaris Mutter Christine (Quelle: Ludwig Grunewald)
Mit verantwortlich dafür ist Deltas Mandu. Für den 42-jährigen Rektor von Bakaris neuer Grundschule war es selbstverständlich, dem Jungen die Chance auf einen Neuanfang zu geben:
„Stigmatisierung ist ein großes Monster, unter dem viele Menschen leiden. Als Schule glauben wir an Menschlichkeit. Wir haben nicht das Recht, Kinder mit Behinderungen in irgendeiner Weise abzustempeln.“
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Deltas Mandu an seiner Schule (Quelle: Ludwig Grunewald)
Deltas Mandu an seiner Schule (Quelle: Ludwig Grunewald)
Bakari kann nun Fahrrad fahren
Im Februar 2025 wurde Bakari an APDK vermittelt, wodurch dem Zehnjährigen nun endlich die dringend notwendige Behandlung zuteil wurde. „Mein Bein hat immer wehgetan, und ich konnte nicht einmal alleine zur Toilette gehen. Meine Mutter und meine Brüder mussten mir immer helfen.“ Ganz rund läuft er nach der Operation noch nicht. Und er muss orthopädische Schuhe tragen. Einen ersten Traum konnte er sich aber dennoch schon erfüllen: „Ich wollte Fahrrad fahren, aber ich wusste nicht, wie. Aber meine Freunde haben es mir beigebracht“, sagt Bakari stolz.
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Angenommen und angekommen: Bakari an seiner neuen Schule (Quelle: Katharina Draub)
Angenommen und angekommen: Bakari an seiner neuen Schule (Quelle: Katharina Draub)
Eine Klinik, die den Unterschied macht
Bakaris Behandlung schreitet weiter voran, und er macht fleißig seine Übungen mit Asani und den anderen Kindern in der Rehabilitationsklinik von APDK. Von dem einst traurigen Jungen aus den Erzählungen ist nichts mehr zu sehen. Er ist fröhlich, aktiv und albert herum. Genau so, wie es sein soll. Und auch, wenn es noch unzählige Fälle wie seinen gibt und der Weg für die Inklusion noch lang ist: Dieses Projekt macht einen Unterschied für Tausende Kinder. Tag für Tag.