Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Kein Kind verlässt ein Zuhause, in dem es sich wohlfühlt

Text:  Katharina Nickoleit, Fotos: Christian Nusch

Wenn zu Hause alles schiefläuft und es dort niemanden gibt, der sich um sie kümmert, suchen Kinder und Jugendliche oft ihr Glück auf der Straße. Missbrauch, Drogen und Kriminalität sind die fast unausweichlichen Folgen. In Malawi finden manche mithilfe eines Kindernothilfe-Partners zurück zu ihren Familien.

Lesestunde in der Bibliothek des Projekts Tikondane. Mit verteilten Rollen lesen die Betreuerin und eine Gruppe von Jungen und Mädchen gemeinsam eine Geschichte. Sie handelt von Kindern, die daheim nicht mithelfen und aufsässig sind sowie von Eltern, die schreien und schlagen. Als da Kapitel abgeschlossen ist, entspinnt sich eine Diskussion: Warum ist die Situation in der Geschichte so eskaliert? Was hätten alle Beteiligten besser machen können, damit es erst gar nicht so weit kommt? Die Kinder sind nachdenklich, jedes von ihnen kann sich in die Situation hineinversetzen. Denn sie alle haben solche Situationen mehr als einmal erlebt und sind deshalb schließlich von zu Hause weggelaufen.

Seit 1998 kümmert sich das „Tikondane Care for Children on and off the Streets“, wie das Projekt offiziell heißt, in den Straßen der malawischen Hauptstadt Lilongwe um Kinder, denen das Leben auf der Straße als der einzige Ausweg erscheint. Das Ziel: die Jungen und Mädchen wieder in die Gesellschaft zu integrieren. 600 Kinder betreut das Projekt, das die Missionary Sisters of Our Lady in Africa 1997 gegründet haben, jedes Jahr. Die Ältesten sind um die 16, die Jüngsten gerade einmal fünf Jahre alt. Um manche Schützlinge kümmert sich Tikondane viele Jahre lang – Reintegration ist eine Aufgabe, die viel Zeit und Geduld erfordert.

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Lesestunde in der Bibliothek von Tikondane (Quelle: Christian Nusch)
Lesestunde bei Tikondane (Quelle: Christian Nusch)
Lesestunde in der Bibliothek von Tikondane (Quelle: Christian Nusch)
Lesestunde bei Tikondane (Quelle: Christian Nusch)

Mädchen auf der Straße drohen Gruppenvergewaltigungen

„Unser erster Schritt ist die aufsuchende Sozialarbeit“, erläutert Cosmas Makala und erinnert sich daran, wie sie vor vier Jahren Susan und Marian fand, die damals elf und 14 Jahre alt waren. „Die Polizei alarmierte uns, als jemandem auffiel, dass sie vor Geschäften herumhingen, bettelten und nicht wussten, wohin“, erinnert sich die Sozialarbeiterin. Die Schwestern hatten Glück, dass sie schnell aufgegriffen wurden. „Mädchen, die auf der Straße leben, werden in aller Regeln nach kürzester Zeit Opfer von Gruppenvergewaltigungen. Deshalb setzten wir alles daran, sie umgehend davon zu überzeugen, zu uns ins Schutzzentrum zu kommen.“ Auch für die Jungs ist das Leben auf der Straße gefährlich. Um es erträglicher zu machen, nehmen sie Drogen und geraten schnell in kriminelle Strukturen.

Das Auffangzentrum ist der nächste Schritt zurück in die Gesellschaft. Es liegt am Rande einer Marktgegend, in der viele Kinder auf der Straße mit kleinen Jobs, dem Sammeln von Müll oder auch Diebstählen irgendwie überleben. Ein geschützter Ort mit sicheren Schlafplätzen, warmen Mahlzeiten und medizinischer Versorgung. Doch die Hauptaufgabe der Sozialarbeiterinnen und -arbeiter ist es, herauszufinden, warum die Kinder auf die Straße kamen. Dafür gibt es immer einen Grund, kein Kind verlässt ein Zuhause, in dem es sich wohlfühlt. „Es gibt viele Scheidungen, dann wissen die Kinder nicht, wo sie hingehören, besonders dann, wenn die Eltern neue Partner haben. Sie fühlen sich hin- und hergeschubst und haben das Gefühl, unerwünscht zu sein.“ Oft werden die Kinder auch in intakten Familien vernachlässigt. Weil beide Eltern den ganzen Tag arbeiten müssen, um das Überleben der Familie zu sichern, sind die Jungen und Mädchen den ganzen Tag sich selber überlassen.

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Straßenszene in einer malawischen Großstadt (Quelle: Imago)
Straßenszene einer Großstadt in Malawi (Quelle: Imago)
Straßenszene in einer malawischen Großstadt (Quelle: Imago)
Straßenszene einer Großstadt in Malawi (Quelle: Imago)

Sozialer Absturz: vom großen Haus in eine Armenhütte

Bei Marian und Susan war die Lage etwas anders. Ihr Vater hatte einen gut bezahlten Job im Management einer größeren Firma und konnte seiner Frau und den fünf Kindern ein gutes Leben bieten, in dem es an nichts fehlte. Doch als er bei einem Unfall starb, stand seine Familie ohne jede Absicherung da. Seine Frau Memory hatte zwar die Schule besucht, aber nie einen Schulabschluss oder eine Ausbildung gemacht. Den gewohnten Lebensstandard aufrechtzuerhalten, war ihr schlicht unmöglich.

Von einem Tag auf den anderen musste die Familie ihre Sachen packen und aus einem großen Haus in einer guten Gegend in eine Hütte im Slum ziehen. Während Memory in Depressionen versank, wollten ihre beiden ältesten Töchter nur eines: ihr altes Leben zurückhaben. „Wir mochten die neue Gegend nicht und wollten zu unseren Freunden zurück“, erinnert sich die heute 18-jährige Marian an den sonnigen Tag, an dem sie mit ihrer Schwester in ihr altes Viertel ging. „Wir dachten, es sei besser, dort auf der Straße als hier in einer Bruchbude zu leben.“ Wenn man sieht, wie sie wohnen, kann man die Mädchen verstehen. Die viel zu enge Hütte riecht muffig und ist düster, und es gibt weder Strom noch fließend Wasser. Um den Schimmel und den abblätternden Putz zu verdecken, sind die Wände mit Vorhängen aus Altkleidersammlungen verhängt.

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Projektmitarbeiterin mit Memory und Mariam (Quelle: Christian Nusch)
Projektmitarbeiterin Cosmas Makala besucht Memory und ihre Tochter Marian (Quelle: Christian Nusch)
Projektmitarbeiterin mit Memory und Mariam (Quelle: Christian Nusch)
Projektmitarbeiterin Cosmas Makala besucht Memory und ihre Tochter Marian (Quelle: Christian Nusch)
Was muss sich zu Hause ändern, damit die Kinder und Jugendlichen zu ihren Familien zurückkehren können? Diese Frage klären die Mitarbeitenden von Tikondane, während die Jungen und Mädchen bei ihnen im Auffangzentrum sind. „Wir konnten den tiefen sozialen Fall der Familie nicht rückgängig machen“, sagt Cosmas Makala. „Aber wir konnten ihnen helfen, mit der Veränderung zu leben. Sie mussten lernen, ihre neue Lebensrealität zu akzeptieren und das Beste daraus machen. Begreifen, dass ein Leben auf der Straße ihre Lage nicht verbessert, sondern sehr viel schlimmer macht.“
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Nicht schlagen und schreien, sondern zuhören und Verständnis haben

Als Cosmas Makala die Schwestern das erste Mal zu ihrer Mutter Memory zurückbrachte, war die einerseits unendlich froh, die beiden zu sehen. „Aber ich fühlte mich auch schlecht, denn ich wusste, dass die Mädchen nach ihrem alten Leben gesucht hatten, das ich ihnen nicht mehr bieten konnte“, erinnert sich die heute 40-Jährige. „Das hat mich sehr betroffen gemacht, denn ich kann an unserer Lage nichts ändern.“

Auch Memory brauchte Hilfe, um sich mit der neuen Lage zu arrangieren. Cosmas Makala: „Wir besuchten sie und sagten ihr, dass sie sich zusammenreißen und sich um ihre Kinder kümmern muss. Eine Sozialarbeiterin sprach mit ihr, half ihr, die eigene Depression zu überwinden, und erklärte ihr, was in ihren Töchtern vorgeht.“ Die befanden sich nicht nur in einer schwierigen Situation, sondern auch noch mitten in der Pubertät. Sie waren aufsässig und rebellisch, akzeptierten keine Autorität und hatten eine sehr niedrige Frustrationstoleranz.

Der Rat von Tikondane: nicht schlagen und schreien, sondern zuhören und Verständnis haben. Die Sozialarbeiter halfen Memory auch, eine wirtschaftliche Perspektive zu entwickeln. Für einen formellen Job reicht ihre Schulbildung nicht, aber sie verkauft nun Erdnüsse und Zuckerrohr an einem Straßenstand und kann damit die Kinder durchbringen. Weit entfernt vom früheren Lebensstil, aber es reicht zum Überleben.



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Wandbild im Tikondane-Projekt: Eine Mutter schlägt ihr Kind, und das ist verboten! (Quelle: Christian Nusch)
Wandbild im Tikondane-Projekt: Es ist verboten, sein Kind zu schlagen! (Quelle: Christian Nusch)
Wandbild im Tikondane-Projekt: Eine Mutter schlägt ihr Kind, und das ist verboten! (Quelle: Christian Nusch)
Wandbild im Tikondane-Projekt: Es ist verboten, sein Kind zu schlagen! (Quelle: Christian Nusch)

„Zum Elternsein gehört mehr, als Essen auf den Tisch zu bringen“

Die Arbeit mit den Eltern ist immer ein wichtiger Bestandteil der Integration; schließlich ist niemandem gedient, wenn die Kinder in dieselbe schwierige Situation zurückkehren, aus der sie auf die Straße geflohen sind. „Zum Elternsein gehört mehr, als Essen auf den Tisch zu stellen, man muss sich auch kümmern, gemeinsam Zeit verbringen, interessieren. Das ist vielen Eltern, die selbst täglich ums Überleben kämpfen, nicht klar“, beschreibt Cosmas Makala die Gespräche, die die Mitarbeitenden mit den Müttern und Vätern führen.

Vier Jahre dauerte es, bis die Familie wieder soweit zusammenfand, dass Tikondane seine Unterstützung langsam auslaufen lassen konnte. Ein mühsamer Prozess, der im Fall von Susan und Marian ungewöhnlich lange dauerte; meist gelingt es schneller, die Kinder wieder in ihren Familien zu integrieren. Doch Susan und Marian kehrten immer wieder auf die Straße zurück, wurden aufgegriffen und erneut in das Auffangzentrum gebracht. Bei Tikondane gibt es einen festen Tagesablauf, Regeln, an die sie sich halten mussten und Aufgaben, die zu übernehmen sind: Wäsche waschen, Küchendienste, Mitarbeit im Gemüsegarten. „Die Kinder lernen bei uns, Verantwortung für sich und die Gemeinschaft zu übernehmen. Das hilft ihnen dabei zu begreifen, dass das Leben auf der Straße schlecht für sie ist und sie ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen müssen.“


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Die Jugendlichen übernehmen bei Tikondane auch Arbeiten im Garten (Quelle: Christian Nusch)
Wer im Tikondane-Projekt unterkommt, muss auch lernen, Aufgaben im Garten zu übernehmen (Quelle; Christian Nusch)
Die Jugendlichen übernehmen bei Tikondane auch Arbeiten im Garten (Quelle: Christian Nusch)
Wer im Tikondane-Projekt unterkommt, muss auch lernen, Aufgaben im Garten zu übernehmen (Quelle; Christian Nusch)

 „Tikondane hat mich vor einem schlimmen Schicksal bewahrt“

Irgendwie sei plötzlich der Knoten geplatzt, meint Marian. „Wir haben gespürt, dass es Leute gibt, die sich wirklich dafür interessieren, wie es uns geht, die sich kümmern. Und dann haben wir angefangen, über die Zukunft zu sprechen, darüber, wie es weitergehen soll.“ Beide Schwestern haben jetzt klare Ziele. Marian möchte Agraringenieurin werden, Susan Ärztin. Tikondane half dabei, eine geeignete Schule zu finden, und beide gehen regelmäßig und mit großem Ehrgeiz hin, denn beiden ist klar, dass ein guter Abschluss ihr Ticket raus aus der Armut ist.
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Susan und Marian zu Hause beim Essenausteilen (Quelle: Christian Nusch)
Susan und Marian haben gekocht und teilen das Essen für ihre Familie aus (Quelle: Christian Nusch)
Susan und Marian zu Hause beim Essenausteilen (Quelle: Christian Nusch)
Susan und Marian haben gekocht und teilen das Essen für ihre Familie aus (Quelle: Christian Nusch)

Auch daheim läuft es jetzt viel besser. „Unsere Mutter hat sich sehr verändert. Sie kümmert sich mehr um uns, hat Geduld und schlägt uns nicht mehr“, meint Susan. Memory kann das Lob zurückgeben. „Die Kinder benehmen sich besser, helfen mit, sind kooperativer – alles ist einfacher geworden“, sagt sie und lächelt ihre Töchter an. Was wäre ohne Tikondane aus ihnen geworden?

Susan schüttelt sich kurz, fast so, als wolle sie einen bösen Gedanken loswerden. „Ohne die Hilfe wäre ich auf der Straße geblieben und …“, sie bricht ab, holt tief Luft und sagt: „Tikondane hat mich vor einem schlimmen Schicksal bewahrt.“

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Über die Autorin

Journalistin Katharina Nickoleit mit Sohn Tim bei einer Kinderrechtsgruppe in Malawi (Quelle: Christian Nusch)
Katharina Nickoleit
ist freie Journalistin und berichtet seit vielen Jahren mit ihrem Mann, dem Fotografen Christian Nusch, aus unseren Projekten in aller Welt.

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