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Gewalt in der Familie
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Häusliche Gewalt: So können Fachkräfte Betroffene erkennen 

Interview: Friederike Bach Bilder: Kindernothilfe

Das Aufwachsen mit Häuslicher Gewalt und Partnerschaftsgewalt kann Kinder traumatisieren. Kindernothilfe-Trainerin Christin M. Pontius erklärt im Interview, welche Formen von Häuslicher Gewalt es gibt, warum es nicht immer um körperliche Gewalt geht, und warum es so wichtig ist, dass pädagogische Fachkräfte sich zum Thema Häusliche Gewalt fortbilden.

Welche Formen von häuslicher Gewalt gibt es? Muss die Gewalt immer körperlich sein?

Nein, Häusliche Gewalt und Partnerschaftsgewalt nehmen viele Formen an und gehen nicht immer mit körperlicher Gewalt einher. Häufiger geht es um Kontrolle. Sie wird ausgeübt durch psychische und verbale Gewalt, aber auch durch soziale Gewalt. Dabei geht es oft um die Kontrolle von sozialen Kontakten und die Isolation der betroffenen Person von ihrem Umfeld. Auch finanzielle Gewalt spielt eine Rolle, also die Kontrolle über Konten und Ausgaben. Einige Betroffene erleben sexualisierte und reproduktive Gewalt. Dabei geht es zum Beispiel um die Verweigerung von Verhütung oder sogar den Zwang, abzutreiben. Grundsätzlich erleben von Partnerschaftsgewalt betroffene Frauen häufig, dass sie in stereotype Rollenmuster gepresst werden. Typisch ist eine Gewaltspirale.

Was ist damit gemeint?

Während Gewalt und Kontrolle anfangs als Sorge und Eifersucht gerahmt werden und noch als Ausdruck von Liebe missverstanden werden können, nehmen Häufigkeit und Intensität von Gewalt im Laufe der Zeit zu. Körperliche Gewalt wird dann wahrscheinlicher und häufiger. Die Gewalt spitzt sich zu, wie eine Spirale. Es kann dabei auch "ruhige" Phasen geben, in denen die Angst und die angespannte Stimmung jedoch bleiben.

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Christin-Maria Pontius
Die Kindernothilfe-Trainerin Christin M. Pontius schult pädagogische Fachkräfte zum Thema Häusliche Gewalt (Quelle: Kindernothilfe)
Christin-Maria Pontius
Die Kindernothilfe-Trainerin Christin M. Pontius schult pädagogische Fachkräfte zum Thema Häusliche Gewalt (Quelle: Kindernothilfe)

Welche Auswirkungen hat es auf Kinder, wenn sie Partnerschaftsgewalt in ihrer Familie erleben?

Die ständige Stimmung von Angst und Kontrolle zuhause wird von den Kindern und Jugendlichen feinsinnig wahrgenommen. Sie haben häufig ein gutes Gespür für die Laune Erwachsener und sie sorgen sich um ihr betroffenes Elternteil. Diese Kinder sind viel häufiger als andere Kinder auch selbst von verschiedenen Formen von Gewalt im Elternhaus betroffen, durch die Eltern oder auch Geschwister. Hinzu kommen die langfristigen Folgen für ihre Entwicklung: Das Aufwachsen mit Partnerschaftsgewalt kann traumatisieren und die soziale, kognitive und gesundheitliche Entwicklung der Kinder und Jugendlichen stark beeinflussen. Diese Jugendlichen üben später mit einer höheren Wahrscheinlichkeit selbst Gewalt – auch in Beziehungen – aus und sie sind eher davon betroffen. Sie übernehmen häufiger geschlechtsstereotype Rollenbilder.

Auf welche Warnsignale können pädagogische Fachkräfte achten, um zu erkennen, ob es in der Familie eines Kindes Häusliche Gewalt gibt?

Wie bei allen Gewaltformen sind die Symptome, die betroffene Kinder und Jugendliche zeigen, zumeist allgemeine Belastungsreaktionen. Das bedeutet, sie können auf Gewalt in der Familie oder gegen das Kind hindeuten, aber auch auf andere belastende Lebensereignisse. Beobachten Fachkräfte, dass Kinder oder Jugendliche sich plötzlich sehr verändern, plötzlich besonders müde sind, aggressiv oder sich sehr zurückziehen, dann ist das immer ein Grund sich zu sorgen und mit den Kindern und Jugendlichen ins Gespräch zu gehen.

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Fachkräfte sollten sich zum Thema Partnerschaftsgewalt fortbilden 

Wie macht man das am besten? Und wie direkt sollte man den Verdacht auf Gewalt ansprechen?

Fachkräfte sollten zunächst den vermutlich betroffenen Minderjährigen ein allgemeines Gesprächsangebot machen, bei Bedarf immer wieder. Sie dürfen nicht bedrängt werden, sondern ermutigt. Ganz wichtig ist: Kommt es zu einem Gespräch über Gewalterfahrungen, in dem das Kind um Inobhutnahme bittet, so muss diese sofort mit dem zuständigen Jugendamt organisiert werden.

Wo können Fachkräfte sich vor einem Gespräch zum Thema Häusliche Gewalt beraten lassen?

Das geht zum Beispiel bei Beratungsstellen zu Häuslicher Gewalt, aber auch bei Erziehungs- oder Fachberatungsstellen, auch beim zuständigen Jugendamt. Eine erste Orientierung liefert bei Bedarf auch das Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen". In den Schulungen der Kindernothilfe lernen Fachkräfte außerdem, ihre Handlungssicherheit im Umgang mit betroffenen Kindern und Jugendlichen zu stärken.

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Fotoshooting TH Köln

Häusliche Gewalt und Kinderschutz

In dieser Schulung lernen Fachkräfte, wie sie betroffene Kinder erkennen und unterstützen können.
Was sollten Fachkräfte auf keinen Fall tun, wenn sie in einer Familie häusliche Gewalt oder Partnerschaftsgewalt vermuten?

Übereilt reagieren und die Eltern konfrontieren. Die Konfrontation eines gewalttätigen Elternteils mit dem Verdacht, ohne vorher für den Schutz des betroffenen Kindes gesorgt zu haben und dem betroffenen Elternteil Hilfe angeboten zu haben, ist gefährlich. Deshalb: Kinderschutz braucht immer mehrere Personen. Jede Fachkraft sollte sich intern, im eigenen Team, und extern Unterstützung und Beratung holen, um jeweils für den Einzelfall die richtigen Schritte zu gehen.

Warum ist es so wichtig, dass Fachkräfte sich zum Thema häusliche Gewalt fortbilden?

2023 ermittelte die Polizei in Deutschland wegen 167.865 Fällen Häuslicher Gewalt. Man geht davon aus, dass in der Hälfte der Fälle Kinder im Haushalt lebten. Viele Fälle bleiben unbekannt und ohne Anzeige – aus Angst, Scham oder Abhängigkeit. Häusliche Gewalt betrifft also viele Kinder und gleichzeitig wissen diese darüber meist nichts. Präventionsprojekte stärken Kinder, klären sie auf über sexualisierte Gewalt, digitale Gewalt, Mobbing – aber nur wenige klären Kinder über Häusliche Gewalt und entsprechende Hilfsmöglichkeiten auf. Fachkräfte, die die Dynamiken von Häuslicher Gewalt kennen, können mit den Kindern und Jugendlichen darüber sprechen und damit Hilfe ermöglichen.
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