Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Brasilien: In ihren Fotos zeigen Kinder ihren Blick auf die Welt

Text:  Katharina Nickoleit, Fotos: Christian Nusch

Kinder und Jugendliche sind in den Favelas von Rio de Janeiro ständig mit Gewalt konfrontiert. Im Projekt unseres Partners Promundo lernen sie, sich durch das Medium Fotografie damit auseinanderzusetzen, die soziale Ungleichheit zu thematisieren und durch die Fotos ihre Sichte der Dinge zu zeigen.

„Guck mal ernst in die Kamera“, meint Hasa zu ihrer kleinen Schwester, die sie heute zum Fotoworkshop mitgebracht hat. Gleich neben Hasa steht Millena mit ihrer Kamera und übt, den Zweig eines Busches unscharf in den Vordergrund zu nehmen. Zwischendurch unterbricht sie, um mit einem Papierdrachen Model für einen anderen Teilnehmer zu stehen. Eigentlich sollte der Workshop in der Favela Guararapes stattfinden, aber der von allen respektierte Anführer des Armenviertels hat heute keine Zeit. Wenn er nicht in der Nähe ist, können die Jugendlichen nicht mit den teuren Kameras in den Gassen arbeiten, sie würden zu schnell überfallen werden. Deshalb weichen die Mitarbeitenden von Promundo mit ihrem Fotoworkshop mal wieder in die Garage und den winzigen Garten einer befreundeten Bildungseinrichtung für Erwachsene aus.

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Der Kindernothilfepartner Promundo muss ständig improvisieren. Das eigentlich für jeden Samstag geplante Fußballspiel findet auf einem Platz direkt neben einer Polizeistation statt. „Das klingt nach Sicherheit, macht aber alles nur schwierig, weil es ständig Schießereien gibt“, erklärt Thais Alvarenga, Sozialarbeiterin bei Promundo. „Wir rufen deshalb immer kurz vorher an und fragen, ob die Kids kommen können oder ob das Spiel wieder ausfallen muss.“ Auch tief drinnen in den schmalen Gassen der Elendsviertel gehört Gewalt zum Alltag. Fast im Wochenrhythmus ist die Polizei dort im Einsatz, um Razzien gegen Drogenbanden oder Autoschieber durchzuführen. Es ist Teil einer Initiative der brasilianischen Bundesregierung, die massiv grassierende Kriminalität zumindest einzudämmen. Fast immer sind dabei Schusswaffen im Spiel, die ohne großes Zögern eingesetzt werden. Alle paar Wochen ist in den Zeitungen davon zu lesen, dass hier drei Menschen erschossen und dort ein Kind von einem Querschläger getroffen wurden. Innerhalb von fünf Jahren wurden mehr als 30 Kinder bei solchen Polizeioperationen getötet.
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Verhaltensregel bei Schießereien: sich auf den Boden legen und ruhig bleiben

„Schon als ich ganz klein war, hat mir mein Vater beigebracht, auf jeden Fall Ruhe zu bewahren. Bloß nicht weglaufen oder hektische Bewegungen, denn die Polizei schießt auf alle, die sich bewegen und womöglich eine Waffe ziehen könnten“, erklärt die elf Jahre alte Millena das richtige Verhalten bei Polizeieinsätzen. „Wenn in meiner Nähe geschossen wird, lege ich mich deshalb einfach auf den Boden, das zeigt allen, dass ich unbeteiligt bin, und ich gerate auch nicht so leicht aus Versehen in die Schusslinie.“ Sie erzählen das so ruhig und entspannt, als sei es völlig normal, mit solcher Gewalt aufzuwachsen. „Wenn es eine Schießerei gibt, gehen wir alle in einen kleinen fensterlosen Raum in der Mitte des Hauses, denn dort können uns keine quer treibenden Kugeln erwischen“, ist die Strategie, die die Familie der 14-jährigen Hasa entwickelt hat. „Wir nehmen uns dann alle gegenseitig in den Arm und halten uns so lange fest, bis es vorbei ist. Wir versuchen, ruhig zu bleiben, weil wir auch kleine Kinder dabeihaben, die wir nicht in Panik versetzten wollen.“
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Kindern eine Stimme geben – mit Theater, Musik, Malerei und Fotografie

Der Großteil der Bevölkerung lehnt dieses massive Vorgehen der Polizei nicht ab, sondern unterstützt es. In Rio gewinnt nur derjenige Wahlen, der hartes Durchgreifen gegen die Kriminellen verspricht. „Kollateralschäden“ im Krieg gegen die Kriminalität müssten hingenommen werden, heißt es. Meistens sind die Opfer schwarz. Promundo gehört zu den Wenigen, die die oft als rassistisch beschriebene Polizeigewalt kritisieren. Die Organisation will auch Kindern und Jugendlichen eine Stimme verleihen und nutzt dafür vor allem die Kunst. Theater und Musik, Malerei – und Fotografie. „Wenn wir hier einen Kurs über Menschenrechte anbieten würde, käme niemand. Also betonen wir die Fotografie als möglichen Beruf und nutzen diese künstlerische Form, um uns mit den Themen auseinanderzusetzen, auf die es uns eigentlich ankommt“, meint Thais Alvarenga, die den Workshop als Ausbildung für Fotografie und digitale Fotobearbeitung beworben hat. „Die Fotografie ist für uns ein Medium, das den Jugendlichen Gehör verschafft und ihnen hilft, in der eigenen, schwierigen Lebenssituation gesehen zu werden.“
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Das Konzept geht auf. Alle 40 Kinder und Jugendliche, die verteilt auf zwei Kurse an dem Workshop teilnehmen, meldeten sich an, weil sie in der Fotografie eine Zukunft sehen. Spätestens seit dem Film „City of God“, in dem ein Junge aus einer Favela Pressefotograf wird, ist das ein populärer Beruf. Für jeden Teilnehmenden steht eine Kamera zur Verfügung, finanziert mit Mitteln der Kindernothilfe. Jeder Kurs trifft sich einmal in der Woche. Es geht um Perspektiven und Bildbearbeitung, um Licht und Archivierung. Und um die Motivsuche zu den Themenkomplexen wie Gewalt, Rassismus, soziale Gerechtigkeit oder Gleichberechtigung. „Die Fotografie hilft mir, diese Themen zu verstehen, weil ich plötzlich mit ganz anderen Augen draufschaue. Wenn ich darüber nachdenke, wie ich bestimmte Themen umsetzten soll, wird mir manches klar“, gibt Hasa zu. „Ich habe zum Beispiel ein Foto von mir, meiner Schwester, meine Mutter und meiner Oma gemacht. Wir leben als Familie zusammen. Die Vaterfigur existiert nicht. In diesem Bild thematisiere ich das Kinderrecht, mit beiden Elternteilen aufzuwachsen.“
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Hasa hat ihre Schwester, Mutter und Oma fotografiert (Quelle: Hasa/Promundo)
Hasa hat ihre Schwester, Mutter und Oma fotografiert (Quelle: Hasa/Promundo)
Hasa hat ihre Schwester, Mutter und Oma fotografiert (Quelle: Hasa/Promundo)
Hasa hat ihre Schwester, Mutter und Oma fotografiert (Quelle: Hasa/Promundo)

In dem Workshop geht es um mehr als um Fotografie

Millena, die Fotojournalistin werden möchte, hat sich fotografisch mit dem Thema Gleichberechtigung beschäftigt. „Ich habe meine Mutter und meine Großmutter als starke Frauen porträtiert, die etwas zu sagen haben und eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielen“, sagt sie und zeigt stolz ihre Bilder. Dass es bei dem Workshop längst nicht nur um Fotografie, sondern auch viel um gesellschaftspolitische Inhalte geht, findet sie gut. „Ich finde diese Themen sehr interessant. Es gibt sonst keinen Ort, an dem ich etwas darüber erfahre und mich darüber austauschen kann.“
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Ein Foto von Renan Emanuel, das in der Ausstellung gezeigt werden könnte (Quelle: Renan Emanuel)
Ein Foto, das Renan Emanuel im Fotoworkshop geschossen hat
Ein Foto von Renan Emanuel, das in der Ausstellung gezeigt werden könnte (Quelle: Renan Emanuel)
Ein Foto, das Renan Emanuel im Fotoworkshop geschossen hat
Auch die berufsbildende Seite des Projektes kommt zum Tragen: Die Bilder der Kinder und Jugendlichen sind so gut, dass sie in einer großen Ausstellung in einer bekannten Galerie präsentiert wurden. Das hilft ihnen, Kundinnen und Kunden zu gewinnen. Vor allem aber können sie die Welt, in der sie leben, zeigen und damit ihre Stimme gegen Gewalt und Ungerechtigkeit erheben.
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Über die Autorin

Katharina Nickoleit in einem Projekt in Moldau (Quelle: Christian Jung)
Katharina Nickoleit
ist freie Journalistin und berichtet mit ihrem Mann, dem Fotografen Christian Nusch, seit vielen Jahren aus unseren Projekten in aller Welt.

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