Über die Autorin

Katrin Weidemann
ist seit 2014 CEO der Kindernothilfe. Mit ihren Reportagen und Blog-Beiträgen gibt sie persönliche Einblicke in ihre Arbeit.
„Angst essen Seele auf – wie gefährdet ist unsere Demokratie?“: Das Thema der Kanzelrede von Bundestagspräsident Norbert Lammert am vergangenen Sonntag in der Duisburger Salvatorkirche war brandaktuell. Sein Fazit: Die aktuellen Herausforderungen können wir nur gemeinsam lösen – und nicht durch den „Rückzug in nationale Schrebergärten“.
Seine Rede vor der Bundesversammlung bei der Wahl des Bundespräsidenten hatte erst kürzlich viele Menschen in Deutschland beeindruckt. Nur wenige Tage später höre ich den protokollarisch zweiten Mann im Staat jetzt mitten in Duisburg. Als Kanzelredner spricht Bundestagspräsident Professor Dr. Norbert Lammert in der Salvatorkirche über Demokratie.
Die Kirche ist schon weit vor Beginn des Gottesdienstes überfüllt. „Es ist wie Heiligabend“ freut sich Superintendent Armin Schneider bei seiner Begrüßung, „obwohl nicht das Christkind zu Gast ist.“ Der prominente Gast zitiert dennoch, als er später auf die Kanzel tritt, als Erstes Worte aus der biblischen Weihnachtsgeschichte. „Fürchtet euch nicht“, ruft er mir und den gut 700 Gottesdienstbesuchern den Satz der Engel von den Feldern Bethlehems zu. Und dann wird er deutlich.
Es seien reale Bedrängungen, die viele Menschen aktuell beängstigen: Terrorismus, Migration, Rechtspopulismus, die politisch instabiler gewordene Lage in Europa und der Welt. Ausführlich schildert er die Ängste und Unsicherheiten, die in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung vorherrschen. 70 Prozent der Deutschen, höre ich, würden die Möglichkeit einkalkulieren, Opfer eines Terroranschlags zu werden. Jeder siebte fühle sich bedroht.
Gleichzeitig – und hier staune ich – machten sich aber 94 Prozent der Bürger keinerlei Sorge um ihren Arbeitsplatz und seien mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen Situation sehr zufrieden. Nur jeder zehnte Deutsche erwarte eine Verschlechterung seiner Situation, aber jeder vierte eine Verbesserung.
Es klingt wie ein Widerspruch: Auch wenn die meisten ihre ganz persönliche Situation ausgesprochen positiv sehen, trübe sich das Bild sofort ein, wenn der Blick auf die allgemeine Entwicklung in Deutschland, in Europa oder der Welt gehe.

