Zum Inhalt springen

Ana steht links neben ihrer Oma. Beide schauen in die Kamera. (Foto: Jakob Studnar/Kindernothilfe)
Brasilien
Mehr anzeigen

Gegen Angst und Gewalt: Wenn Tiere Kindern eine Stimme geben

Text: Katharina Draub Bilder: Jakob Studnar; Kindernothilfe-Partner

Ob auf den Straßen oder hinter vermeintlich sicheren Mauern im eigenen Zuhause – Gewalt, Angst und Kriminalität gehören zum Alltag vieler Kinder und Jugendlicher in Brasilien. Der Kindernothilfe-Partner SERPAF gibt ihnen Halt und ermöglicht einen Weg in eine bessere Zukunft. Dabei helfen selbstgebastelte Tiere und Sorgenfresser.

Hinter hohen Mauern mit Stacheldraht und Glasscherben, die Kriminelle abschrecken sollen, lebt der zehnjährige Ricardo mit seinen Geschwistern und seiner Oma in einem kleinen Haus. Sie lachen gemeinsam, albern herum. „Unsere Oma kümmert sich gut um uns“, erzählen die Brüder. Ihre Oma lächelt stolz. „In der Welt, in der wir leben, ist es wichtig, dass Kinder mit Liebe, Wärme und Verständnis erzogen werden“, sagt sie und ergänzt gleichzeitig: „Überall auf der Welt gibt es so viel Gewalt.“

Gewalt gehört zum Alltag der Familie. Die Mutter der drei Geschwister ist drogenabhängig, gewalttätig und lebt auf der Straße. Für ihre Kinder kann sie nicht sorgen. „Sie ist nicht häufig hier, aber wenn, dann lasse ich es nicht zu, dass sie den Kindern gegenüber gewalttätig wird“, sagt Oma Cristina deutlich, die selbst jahrelang durch ihren Mann Gewalt erlebt hat. Über ihre Mama sprechen möchten die Kinder nicht. „Es ist ihnen unangenehm, dass ihre Mutter diese Probleme hat“, erklärt Cristina. „In der Schule werden sie deshalb auch oft ausgeschlossen und ausgelacht.“

Mehr anzeigen
Bei ihrer Oma sind Ricardo und sein Bruder glücklich. Oma Cristina hat ihren Arm um Ricardo gelegt. Sein Bruder steht neben ihm. Alle lachen zusammen. (Foto: Jabok Studnar/Kindernothilfe)
Ricardo (Mitte) lebt mit seinem Bruder bei dessen Oma Cristina. Bei ihr Zuhause gibt es keine Gewalt. (Quelle: Jakob Studnar)
Bei ihrer Oma sind Ricardo und sein Bruder glücklich. Oma Cristina hat ihren Arm um Ricardo gelegt. Sein Bruder steht neben ihm. Alle lachen zusammen. (Foto: Jabok Studnar/Kindernothilfe)
Ricardo (Mitte) lebt mit seinem Bruder bei dessen Oma Cristina. Bei ihr Zuhause gibt es keine Gewalt. (Quelle: Jakob Studnar)

„In vielen Gemeinschaften wird Gewalt als alltäglich und selbstverständlich wahrgenommen“

Adriane Branco Penna, Direktorin des Kindernothilfe-Partners SERPAF (Serviços de Promoção ao Menor e à Família), kennt Ricardo und seine Familie gut. „In vielen Gemeinschaften wird Gewalt als alltäglich und selbstverständlich wahrgenommen. Familien nutzen körperliche, verbale oder psychische Gewalt als Erziehungsmethoden“, erklärt sie. „Wir wollen dieses Verständnis aufbrechen, besonders innerhalb der Familien, in denen die Kinder leben. Deshalb arbeiten wir mit der kompletten Familie zusammen.“

Die Anfänge von SERPAF liegen mehr als 55 Jahre zurück. Zu Beginn sind die Mitarbeitenden noch aktiv in die brasilianischen Gemeinden rund um Sete Lagoas gefahren und haben die Menschen direkt angesprochen. Mittlerweile ist die Organisation bekannt und die Betroffenen kommen direkt zu ihr, wenn sie Hilfe benötigen. Im großen Zentrum mit Lernräumen, einer Küche sowie einem Spiel- und Sportplatz können die Mädchen und Jungen ihre Sorgen und Ängste kurzzeitig vergessen – und lernen, mit ihnen richtig umzugehen. „Es ist keine Schande, sehr wütend oder traurig zu sein. Wichtig ist, dass sie sich selbst besser kennenlernen, um ihre Gefühle regulieren, sich selbst kontrollieren und friedlicher mit anderen zusammenleben zu können“, erklärt Ariane Branco Penna.

Mehr anzeigen
Stacheldraht auf Mauern schützen die Menschen vor Kriminellen (Foto: Jakob Studnar)
Stacheldraht auf Mauern schützt die Menschen vor Kriminellen (Quelle: Jakob Studnar)
Stacheldraht auf Mauern schützen die Menschen vor Kriminellen (Foto: Jakob Studnar)
Stacheldraht auf Mauern schützt die Menschen vor Kriminellen (Quelle: Jakob Studnar)

Dafür haben die Mitarbeitenden verschiedene Methoden entwickelt. Atemübungen, Meditationstechniken oder kreative Bastelaktionen mit Recyclingmaterialien – zum Beispiel die „Geheimnisse des Waldes“. In einem Schuhkarton befinden sich vier gebastelte Tiere, die für eine bestimmte Reaktion auf schwierige Situationen stehen. „Im Workshop besprechen wir typische Beispiele, die die Kinder erleben. Eine Mutter kommt nach Hause, schimpft mit dem Kind und will es schlagen, weil es seine Hausaufgaben nicht gemacht hat“, erklärt die Direktorin.

Mit gebastelten Tieren Emotionen zeigen

Mithilfe der Tiere sollen die Kinder verschiedene Reaktionen darstellen und überlegen, wie sie ihre Gefühle regulieren können. Der Jaguar reagiert mit Wut, das Faultier zieht sich zurück und schweigt, die Schildkröte schützt sich in ihrem Panzer und reagiert nicht, und das Äffchen versucht ein Gespräch zu suchen. „Zuhause sollen sie sich mit der Schachtel an die unterschiedlichen Reaktionen erinnern. So lernen sie, innezuhalten, ihre Gefühle wahrzunehmen und bewusst zu entscheiden, wie sie auf schwierige Situationen reagieren möchten, anstatt gewaltsam zu handeln“, erklärt Adriane Branco Penna. Gleichzeitig helfen die Mitarbeitenden mit psychologischer Betreuung – sowohl den Kindern als auch den Eltern. Frauen bekommen zudem Unterstützung dabei, einen Job zu finden, und Kinder und Jugendliche, die unter Gewalt leiden, bekommen Hilfe in einem Schutzhaus von SERPAF.

Mehr anzeigen
Ricardo steckt einen Zettel mit seinen Ängsten in den gebastelten Sorgenfresser (Foto: Jakob Studnar für KNH)
Ricardo steckt einen Zettel, auf den er seine Ängste geschrieben hat, in seinen gebastelten Sorgenfresser (Quelle: Jakob Studnar)
Ricardo steckt einen Zettel mit seinen Ängsten in den gebastelten Sorgenfresser (Foto: Jakob Studnar für KNH)
Ricardo steckt einen Zettel, auf den er seine Ängste geschrieben hat, in seinen gebastelten Sorgenfresser (Quelle: Jakob Studnar)

Ein paar Straßen von Ricardo entfernt lebt die zwölfjährige Ana zusammen mit ihren Cousins, Cousinen, ihrer Mutter und ihrer Oma auf wenigen Quadratmetern. Das kleine Steinhaus ist aufgrund der hohen Mauern und Stacheldraht von außen nicht zu sehen – ein typisches Bild für brasilianische Straßen. Die Menschen schützen sich und ihr Hab und Gut so gut wie es geht. „Draußen ist es oft gefährlich“, sagt Ana. Draußen, dort lebt auch ihre Tante. Drogen und Gewalt sind auch hier schuld daran, dass sie nicht für ihre Familie sorgen kann. „Ich bin traurig, wenn sie zu Besuch kommt. Ich gehe ihr dann immer aus dem Weg, weil sie sehr böse Sachen sagt“, sagt Ana mit leiser Stimme.

Kleine Sorgenfresser für große Ängste

Viele der Frauen haben früher selbst Gewalt direkt erfahren oder miterlebt. „Sie hören oft, sie seien nicht gut genug. Sie werden geschlagen, haben keine Perspektive und gelangen auf den falschen Weg“, erklärt Adriane Branco Penna. Auch Ana geht oft zu SERPAF und erfährt durch Theaterprojekte, wie sie mit Gewaltsituationen umgehen kann. „Ich habe gelernt, wie wir Streit auch durch Gespräche lösen können. Gewalt ist nicht gut“, sagt sie.

Mehr anzeigen
Adriane Branco Penna, Direktorin von SERPAF, Kindernothilfer-Partner in Brasilien (Quelle: Annette Kuhn/Kindernothilfe)
Adriane Branco Penna, Direktorin des Kindernothilfe-Partners SERPAF (Quelle: Kindernothilfe)
Adriane Branco Penna, Direktorin von SERPAF, Kindernothilfer-Partner in Brasilien (Quelle: Annette Kuhn/Kindernothilfe)
Adriane Branco Penna, Direktorin des Kindernothilfe-Partners SERPAF (Quelle: Kindernothilfe)
Das weiß auch Ricardo. Und er hat durch die Arbeit von SERPAF gelernt, wie er mit seinen Ängsten umgehen kann. Ein sogenannter Sorgenfresser hilft ihm dabei – eine einfache Papierrolle mit einem aufgemalten Gesicht, durch die die Kinder ihre Gefühle zum Ausdruck bringen können. „Immer, wenn ich vor etwas Angst habe, schreibe ich das auf einen kleinen Zettel und stecke ihn vorne hinein“, erklärt der Zehnjährige. „Dunkelheit“ sei ein Beispiel für seine Ängste.

Seine Angst ist damit nicht verschwunden. Vielleicht wird sie ihn auch morgen noch begleiten. Doch sie bleibt nicht länger unausgesprochen. Und genau das haben Kinder wie Ricardo und Ana bei SERPAF gelernt: Es gibt Menschen, die ihnen zuhören, ihre Ängste ernst nehmen und ihnen zeigen, dass Wut, Trauer und Angst nicht in Gewalt münden müssen. Manchmal beginnt dieser Weg mit einem selbstgebastelten Tier oder einem Sorgenfresser, um nicht allein in der Dunkelheit zu bleiben.
Mehr anzeigen
Gegenlichtaufnahme eines Mädchens, das nur schemenhaft zu erkennen ist, vor blauem Himmel (Quelle: Projektpartner)

Brasilien: Schutz vor Gewalt

In unserem Projekt in Brasilien schützen wir Mädchen und Jungen vor Übergriffen und helfen Kinder, die Opfer von Gewalt sind.

Über die Autorin

Katharina Draub

Katharina Draub ist Redakteurin bei Kindernothilfe und verantwortlich für das Kindernothilfe-Magazin und den Jahresbericht.

Das könnte Sie auch interessieren

Ein Junge und ein Mädchen flüstern einem Jungen etwas ins Ohr - Guatemala. (Quelle: Jakob Studnar)

Kinderpatenschaft Lateinamerika

Übernehmen Sie eine Patenschaft für ein Kind in Lateinamerika, verändern Sie Leben. Das des Kindes, seiner Familie und des gesamten Umfelds.