Kindernothilfe. Gemeinsam wirken.

Guatemala: Aufwachsen im Schatten der Maras

Text: Katharina Nickoleit, Fotos: Christian Nusch

Für viele Jugendliche ohne ein gutes Zuhause sind in Mittelamerika Maras, kriminelle Jugendbanden, die Ersatzfamilie. Wer hier Mitglied wird, erlebt selten seinen 25. Geburtstag. Der Kindernothilfepartner CONACMI holt Mädchen und Jungen von der Straße, bevor es die Maras tun.

Der neue Sportplatz von Santa Faz, einem Armenviertel von Guatemala-Stadt, ist noch gar nicht offiziell eröffnet, aber die Mara war schon da. „18 oder der Tod“ hat eines der Mitglieder der berüchtigten Mara Dieciocho an die Wand geschmiert und damit für alle Anwohnerinnen und Anwohner sichtbar eine Botschaft hinterlassen. „Wir sind hier und beherrschen das Viertel.“

Die Mara Dieciocho (Jugendband Achtzehn) hat ihren Namen von der 18. Straße im Stadtteil Rampart von Los Angeles. Wie die übrigen der gewalttätigen Gangs entstand sie in den USA, nachdem wegen der Bürgerkriege in Nicaragua, El Salvador und Guatemala in den 80er und frühen 90er Jahren viele Migrantinnen und Migranten ins Land kamen. Manche von ihnen fanden kein Auskommen und schlossen sich in kriminellen Banden zusammen. Die US-Behörden schieben die Mareros, die Mitglieder, konsequent in ihre Heimat ab, wo sie sich neu organisieren und die Bevölkerung in den Großstädten Mittelamerikas terrorisieren. Sie finanzieren sich mit Drogenhandel, Entführung und Prostitution und haben die Städte in Territorien aufgeteilt, um die sie blutige Kriege führen. Inzwischen sind die Rückkehrenden aus den USA nur noch eine Minderheit, die meisten Mitlieder werden schon in jungen Jahren in den Elendsvierteln rekrutiert.

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Jugendliche aus dem Projekt mit Projektleiter Boris (Quelle: Christian Nusch)
Jugendliche aus dem Projekt mit Projektleiter Boris (Quelle: Christian Nusch)
Jugendliche aus dem Projekt mit Projektleiter Boris (Quelle: Christian Nusch)
Jugendliche aus dem Projekt mit Projektleiter Boris (Quelle: Christian Nusch)

"Fünf Minuten später waren alle anderen tot"

Einer von ihnen war Noa. Er war zwölf, als es zu Hause immer häufiger Streit gab und sich seine Eltern schließlich trennten. Die Stimmung daheim war schlecht, deshalb hing er nach der Schule immer häufiger draußen auf der Plaza herum und probierte Drogen. Die bekam er im Austausch für kleine Botengänge, und ehe Noa so richtig wusste, was passierte, war er Teil der Gang, die seine zerbrechende Familie ersetzte. Mit gerade einmal 15 hatte er im Revier eine feste Aufgabe: Schutzgelderpressung. „Ich holte bei den Geschäftsleuten im Viertel die wöchentlichen Beiträge ab und drohte ihnen damit, dass sie umgebracht werden, wenn sie nicht bezahlen“, erzählt er, den Blick auf den Boden gerichtet.

Heute schämt er sich zutiefst dafür, doch tatsächlich ist dies in den sogenannten „Roten Zonen“, den gefährlichsten Vierteln von Guatemala Stadt, ein ganz normaler Werdegang. In manchen Barrios sind mehr als die Hälfte aller Jugendlichen Maramitglieder. „Eines Tages kam es zum Krieg mit einer benachbarten Gang. Ich saß mit den anderen in unserem Quartier, als mir ein Freund eine Nachricht aufs Handy schickte und mich warnte, dass eine verfeindete Gang auf dem Weg zu uns sei. Also verschwand ich und sah noch aus einem Versteck, wie sie kamen. Fünf Minuten später waren alle anderen tot.“

Boris Galaván, Projektleiter des Kindernothilfe-Partners CONACMI, kennt viele solcher Geschichten. „Als wir in Santa Faz unser Jugendzentrum eröffneten, gab es jede Woche einen toten Jugendlichen im Viertel“, erzählt er. „Kaum ein Maramitglied wird älter als 25.“ Inzwischen sind solche Todesfälle selten geworden, denn CONACMI bietet den Kindern einen geschützten Ort, an dem sie die Zeit nach der Schule verbringen können. Hier haben die Rekrutierer der Mara keinen Zugriff, stattdessen gibt es eine Psychologin, die zuhört und Sozialarbeiter, die bei den Hausaufgaben helfen.

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Boris Galaván, Projektleiter des Kindernothilfe-Partners CONACMI (Quelle: Christian Nusch)
Boris Galaván, Projektleiter des Kindernothilfe-Partners CONACMI (Quelle: Christian Nusch)
Boris Galaván, Projektleiter des Kindernothilfe-Partners CONACMI (Quelle: Christian Nusch)
Boris Galaván, Projektleiter des Kindernothilfe-Partners CONACMI (Quelle: Christian Nusch)

Das Jugendzentrum rettet Kinder vor den Maras

Dank des Zentrums dürfte Javier das, was Noa passierte, erspart bleiben. Der Junge ist dreizehn und weint schon, bevor er überhaupt zu erzählen beginnt. Beide Eltern sind tot, er lebt bei seiner Tante. „Ich fühle mich völlig verlassen“, meint er, als er sich wieder gefasst hat. Ohne ein echtes Zuhause verbrachte er viel Zeit auf der Straße. Wie immer in solchen Fällen streckten die Maras schnell ihre Finger nach ihm aus und versuchten, Javier zu rekrutieren. Doch es gab einen Ausweg für ihn. Boris wurde auf ihn aufmerksam und holte den Jungen ins Jugendzentrum. Seit zwei Jahren ist Javier jeden Tag so lange hier, bis das Zentrum schließt. „Hier ist ein sicherer Ort für mich.“ Gäbe es ihn nicht, so hätte Javier längst Mitglied einer Mara werden müssen, da ist er sich sicher.

Boris legt stolz den Arm um den Jungen. „Jeder muss sich entscheiden, was er mit seinem Leben machen will. Aber dafür braucht es Optionen. Mit dem Jugendzentrum haben die Kinder eine Wahl. Und Javier entscheidet sich mit jedem Tag, an dem er hierherkommt, für die richtige Seite.“ Projektleiter Boris Galaván weiß, wovon er spricht. Er wuchs selber in einem ähnlichen Viertel auf. Als er 14 war, entschied er für sich, ab sofort nur noch mit den Jungs, die Fußball spielten, anstatt mit der Gruppe, die Drogen nahm, abzuhängen. „Alle, die Drogen nahmen, sind heute tot, erschossen in Bandenkriegen.“

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Javier mit seiner Tante (Quelle: Christian Nusch)
Seit zwei Jahren geht Javier – hier mit seiner Tante – ins Jugendzentrum (Quelle: Christian Nusch)
Javier mit seiner Tante (Quelle: Christian Nusch)
Seit zwei Jahren geht Javier – hier mit seiner Tante – ins Jugendzentrum (Quelle: Christian Nusch)

Noas Fluchtgeschichten – wie das Drehbuch zu einem Thriller


Dass Noa an jenem Tag als Einziger seiner Gang überlebte, ließ für die Mara nur einen Schluss zu – er musste ein Verräter sein. Um der sicheren Rache zu entgehen, hatte Noa nur eine Chance: die Flucht nach Norden. Dreimal brach er auf, wurde aufgegriffen und zurückgeschickt. Wenn er von seinen Reisen durch Mexiko erzählt, klingt es wie das Drehbuch für einen Thriller. Der Junge wurde von der Polizei ausgeraubt, von einem der Kartelle entführt und wochenlang eingesperrt. Statt für sie als Drogenkurier zu arbeiten, floh er nachts mit anderen, die Wachen schossen ihnen hinterher, ein Freund wurde erwischt. Aber Noa schaffte es, irgendwie.

Wieder zu Hause gab es eine letzte Möglichkeit: bei seiner Großmutter in einem anderen Viertel zu wohnen. Doch in Santa Faz war es so wie überall, hier wartete schon die Mara 18 auf neue Mitglieder. Aber mit dem Jugendzentrum von CONACMI gibt es endlich eine Alternative: Hier bekommt der inzwischen 20-Jährige Hilfe, um seinen Schulabschluss nachzumachen, sobald er den in der Tasche hat, will er nebenbei als Motorradtaxifahrer arbeiten und in der Hauptsache Architektur studieren. Vor allem aber findet Noa hier Freunde, die nichts mit den Maras zu tun haben. „Das Zentrum hilft mir, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Wenn ich nicht jeden Tag hierherkommen könnte, wäre ich wieder in den Fängen der Mara gelandet.“
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Über die Autorin

Katharina Nickoleit interviewt ein Mädchen in einem kenianischen Schutzhaus (Quelle: Christian Nusch)
Katharina Nickoleit ist freie Journalistin und berichtet oft gemeinsam mit ihrem Mann Christian Nusch aus unseren Projekten.

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