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Mädchen aus Guatemala tanzen bei einer Demonstration (Quelle: James Rodríguez)
Wie eine neue Generation in Guatemala ihre Stimme erhebt
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"Kämpfen wie ein Mädchen"

Text: Sophie Rutter Bilder: Shanti Joan Tan und James Rodríguez

Gewalt gegen Mädchen ist in Guatemala an der Tagesordnung. Sie leben in ständiger Angst – vor dem, was hinter der nächsten Ecke, auf offener Straße oder sogar im vermeintlich sicheren Zuhause auf sie lauert. Sie sorgen sich nicht nur um sich selbst, sondern auch um ihre Mütter, Schwestern und Freundinnen. Besonders sexualisierte Gewalt ist nach wie vor ein weit verbreitetes und systemisches Problem. Dies nimmt der Kindernothilfe-Partner Asociación Coincidir entschlossen in Angriff. Er arbeitet in rund 60 Gemeinden, oft in gefährlichen und vom Staat vernachlässigten Regionen. Mit dem Ziel, den Mädchen ihre Rechte bewusst zu machen und sie zu stärken, zeigt die Organisation Wege auf, wie sie für sich selbst einstehen können.

Die 15-jährige Ana  ist Sprecherin der Mädchengruppe. Seit fünf Jahren besucht sie mit ihrem Bruder Miguel (11) und ihrer Schwester Ciera (8) die Angebote des Kindernothilfe-Partners Coincidir. "Ana fiel früh durch ihre Sprachfähigkeit auf, nahm aktiv an Workshops teil und lernte ihre Rechte kennen", erinnert sich Saul Interiano, Leiter von Coincidir. Ihr Einsatz wurde belohnt: Sie wurde zu politischen Diskussionen eingeladen und übernahm eine Führungsrolle. Neben ihrem Job als Verkäuferin engagiert sie sich ehrenamtlich bei der Organisation, weil sie dort später arbeiten möchte. "Hier wird meine Stimme gehört. Es ist wie ein zweites Zuhause.  Wir helfen uns gegenseitig, damit es Mädchen in Guatemala besser geht", sagt die Aktivistin. Sie erzählt von einer Schießerei in ihrer Gemeinde, bei der ein siebenjähriges Mädchen getötet wurde. Die Trauer war groß, und dieses Ereignis hat Ana noch entschlossener gemacht, sich für den Schutz von Mädchen einzusetzen. Solche Erlebnisse hinterlassen tiefe Narben und zeigen, wie dringend Schutz und Veränderung nötig sind.

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Ana mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Ciera (Quelle: James Rodríguez)
Ana (links) mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester Ciera
Ana mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Ciera (Quelle: James Rodríguez)
Ana (links) mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester Ciera

Guatemala zählt zu den ärmsten Ländern Lateinamerikas und hat eine der höchsten Mordraten weltweit. Über die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut, viele ohne Zugang zu Gesundheit oder Bildung. Gewalt und Kriminalität sind Alltag, Täter, häufig aus der Familie, bleiben meist ungestraft. "Mehr als ein Drittel der Frauen haben sexuelle Gewalt erlebt", berichtet Saul. Schon Mädchen unter 14 Jahren sind betroffen, was zu vielen Kinderschwangerschaften führt. Hinzu kommt, dass der Zugang zu Gesundheitsdiensten vor allem in ländlichen Gebieten durch weite Wege und fehlende Ressourcen stark eingeschränkt ist. Gesellschaftliche Stigmatisierung erschwert den Opfern die Chance, Hilfe zu bekommen. Dass die Mädchen bei Coincidir lachen können, ist nicht selbstverständlich, erklärt Saul: "Die Hälfte von ihnen hat schon Gewalt erfahren."

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Portrait von Saul, Geschäftsführer von COINCIDIR (Quelle: James Rodríguez)
Saúl Interiano, Leiter vom Kindernothilfe-Partner Coincidir
Portrait von Saul, Geschäftsführer von COINCIDIR (Quelle: James Rodríguez)
Saúl Interiano, Leiter vom Kindernothilfe-Partner Coincidir

Schutz und Selbstbewusstsein im neuen Zuhause

Wenn Ana darüber spricht, "wie ein Mädchen zu kämpfen", ist ihre Leidenschaft spürbar. Für sie ist das mehr als nur ein Slogan. Es ist eine Bewegung, eine neue Generation junger Frauen, die mit Kunst, lauter Stimme und Forderungen um ihre Rechte kämpft. "Mädchen sind nicht nur Opfer", sagt sie, "sondern Kämpferinnen und spielen eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft." Weil es einen gesellschaftlichen Wandel braucht, der alte Einstellungen hinterfragt und neue Grenzen setzt, nimmt Coincidir die Einbindung von Jungen und Männern in Gleichstellungsprogrammen ernst. Mitarbeitende arbeiten eng mit Gemeinden, Eltern und Lehrkräften zusammen, um traditionelle Rollenbilder aufzubrechen. Dabei zeigt sich, wie tief verwurzelt manche Einstellungen sind. "Gewalt in Guatemala ist ein Mittel, um Macht über Körper und Zukunft der Mädchen auszuüben", sagt Saul. Fehlende Ressourcen und Personalmangel verzögern Gerichtsverfahren oft über Jahre, wenn es überhaupt so weit kommt.


Mit Pfannen und Trommeln zum Rathaus

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Ein Mädchen hält für eine Demonstration gegen Gewalt eine Pfanne mit der Aufschrift "Las niñas no se tocan (übersetzt: Mädchen dürfen nicht angefasst werden)" (Quelle: James Rodríguez)
Ciera (8) bereitet sich auf die Demons-tration vor. Die Bratpfanne mit demMotto „Mädchen dürfen nicht ange-fasst werden“ darf nicht fehlen.
Ein Mädchen hält für eine Demonstration gegen Gewalt eine Pfanne mit der Aufschrift "Las niñas no se tocan (übersetzt: Mädchen dürfen nicht angefasst werden)" (Quelle: James Rodríguez)
Ciera (8) bereitet sich auf die Demons-tration vor. Die Bratpfanne mit demMotto „Mädchen dürfen nicht ange-fasst werden“ darf nicht fehlen.

Die Mädchen bereiten sich auf eine Demonstration  vor, eine sogenannte Batucada. Ein zentrales Symbol ist eine Bratpfanne mit der Aufschrift "Las niñas no se tocan " ("Mädchen dürfen nicht angefasst werden"), die ein klares Zeichen gegen die weit verbreitete Gewalt in Guatemala setzt. "Die Pfanne  wurde gewählt, weil wir damit besonders viel Lärm machen können und in jedem Haushalt zu finden ist", erklärt Anas kleine Schwester Ciera, die bei solchen Anlässen die Bratpfanne hochhält und den Ton angibt. Das anfangs schüchterne Mädchen ist kaum wiederzuerkennen: Die Achtjährige geht mutig voran und reckt das Kochutensil als Zeichen des Widerstands in die Luft. Mit Trommeln  und lauten Rufen ziehen die Mädchen bis zum Rathaus zur Gouverneurin, wo sie ihre Forderungen für mehr Schutz übergeben. 
 
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Coincidir engagiert sich dort, wo Traditionen stark sind, und begleitet Mädchen bei Veränderungen. Ein Beispiel ist ein neues Gesetz, das dank ihres Einsatzes im Kongress verabschiedet wurde und erstmals sexuellen Kontakt mit Minderjährigen unter Strafe stellt. Bisher gab es kein Mindestalter für sexuelle Handlungen, obwohl Ehe mit Minderjährigen verboten ist. Das Gesetz stößt auf Widerstand und wird kaum umgesetzt: "Viele Abgeordnete blockieren, da sie selbst im Verdacht stehen, Minderjährige zu missbrauchen", berichtet Saul. 
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Mädchen aus Guatemala bereiten sich auf eine Butacada-Demonstration mit Trommeln vor (Quelle: James Rodríguez)
Mit Trommeln machen Mädchen auf ihre Rechte aufmerksam
Mädchen aus Guatemala bereiten sich auf eine Butacada-Demonstration mit Trommeln vor (Quelle: James Rodríguez)
Mit Trommeln machen Mädchen auf ihre Rechte aufmerksam
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Förderung der wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Mädchen, damit sie im Erwachsenenalter auf eigenen Beinen stehen können. Dazu gehören Hausaufgabenbetreuung, Handarbeit und Kochen. Rund 2300 Kinder und Jugendliche nutzen diese Angebote und finden hier einen sicheren Raum zur Entfaltung. "Coincidir macht einen großen Unterschied", findet Anas Mutter. Durch handwerkliche und betriebswirtschaftliche Schulungen können Jugendliche ihre Familien finanziell unterstützen und gleichzeitig weiter zur Schule gehen.
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Auch Jungs engagieren sich für Gleichberechtigung

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Luis und Erik  sind beste Freunde und kamen zufällig zu Coincidir, als sie beim Spielen von Mitarbeitenden angesprochen wurden. Jetzt motivieren sie andere Kinder: "Manche bleiben lieber zu Hause. Wir erzählen ihnen, dass wir Spaß haben und unsere Umgebung schöner machen. Wir räumen zum Beispiel Plätze auf, damit wir dort spielen können oder malen große Wandbilder. Ohne Coincidir wäre die Gegend nicht so toll und wir hätten weniger Lust zu spielen!" Erzieher Filemón  engagiert sich für kreative Projekte. "Mir ist wichtig, dass Kinder selbst Ideen entwickeln und teilen", erklärt er. "Die Bilder spiegeln ihre Erfahrungen wider. Kunst macht Kinderrechte sichtbar  und fördert das Bewusstsein in der Gemeinde." Aktuell gestalten sie ein Wandbild  mit einer Frau, die Himmelslaternen mit Wünschen wie "Recht auf Schutz" oder "Recht auf Leben" steigen lässt.
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Zwei Jungen aus Guatemala vor einem Wandbild (Quelle: James Rodríguez)
Luis (r.) und sein Freund Erik (l.) unterstützen das. In einer Kindergruppe gestalten sie ein Wandbild mit Kinderrechten.
Zwei Jungen aus Guatemala vor einem Wandbild (Quelle: James Rodríguez)
Luis (r.) und sein Freund Erik (l.) unterstützen das. In einer Kindergruppe gestalten sie ein Wandbild mit Kinderrechten.
Um Mädchenrechte zu stärken, braucht es auch intensive Arbeit mit Jungen. "Es geht nicht nur um Frauen für Frauen oder für Mädchen, sondern auch darum, dass Jungen und Männer sich aktiv für Mädchenrechte einsetzen", erklärt Saul. Er hält es für wichtig, Jungen früh Verantwortung zu geben, um Wandel zu fördern. Da Väter oft auswandern und wenig beteiligt sind, liegt die Verantwortung meist bei Müttern und Großmüttern. "Es ist ein langsamer Wandel, wenn Jungen ihre Rolle neu denken - weg von Macht und Kontrolle, hin zu Respekt und Gleichberechtigung. Coincidir begleitet diesen Prozess mit Geduld und Hoffnung", so Saul.
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COINCIDIR Erzieher und ein Junge mit bunten Händen vor einem Wandbild (Quelle: James Rodríguez)
COINCIDIR Erzieher und ein Junge mit bunten Händen vor einem Wandbild (Quelle: James Rodríguez)

"Wir müssen weiterhin unsere Stimmen erheben !"

Zurück zu Ana: Nach dem Treffen mit der Gouverneurin, bei dem Ana und andere ihr Forderungspapier überreichten, ist Ana enttäuscht. Statt konkreter Maßnahmen gegen mangelhafte Sexualerziehung und straffreie Gewalt schlug die Gouverneurin lediglich mehr sportliche Aktivitäten als Ablenkung vor. "Als Mädchen werde ich oft nicht ernst genommen", sagt Ana. Sie träumt davon, selbst politische Verantwortung zu übernehmen, um Türen zu öffnen, die Mädchen bisher verschlossen blieben, und zu zeigen, dass sie Veränderungen bewirken können. Für sie sollte die Regierung die Rechte von Mädchen schützen und ihnen gleiche Pflichten und Chancen bieten. "Wenn ich Präsidentin wäre", sagt Ana, "würde ich dafür sorgen, dass Mädchen sich kreativ entfalten können - durch Spielen, Malen oder Musizieren - und dass ihre Stimmen endlich gehört werden."
 
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Zwei Mädchen aus Guatemala malen Bilder auf Staffeleien (Quelle: James Rodríguez)
Malen und kreativ sein fördert das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen
Zwei Mädchen aus Guatemala malen Bilder auf Staffeleien (Quelle: James Rodríguez)
Malen und kreativ sein fördert das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen
Saul ist stolz auf die Mädchen und Jungen bei Coincidir. Der Spruch "Kämpfe wie ein Mädchen" steht für Stärke und fordert zum Handeln auf. Worauf er hofft, neben mehr Sicherheit für Kinder? Dass eines der Mädchen irgendwann die Organisation leitet. Auf Ana kann er dabei sicher zählen. "Veränderung beginnt mit dem Mut , laut zu sein, um gehört zu werden", sagt sie entschlossen.
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Unterstützen Sie Mädchen wie Ana und setzen Sie sich gegen Gewalt ein!

Ein verängstigtes Mädchen verschränkt die Arme und versteckt sein Gesicht, Symbolbild zum Thema Gewalt, Foto: Kindernothilfe

Gewalt stoppen

In unseren Projekten gegen Gewalt gegen Kinder kümmern wir uns um die Opfer und ziehen die Täter konsequent zur Verantwortung.

Über die Autorin

Sophie Rutter (Quelle: Jakob Studnar)
Sophie Rutter
ist seit 2021 Event Coordinator und Redakteurin bei der Kindernothilfe.

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