Über die Autorin

Katrin Weidemann
ist seit 2014 CEO der Kindernothilfe. Mit ihren Reportagen und Blog-Beiträgen gibt sie persönliche Einblicke in ihre Arbeit.
Arbeitende Kinder und Bildung


Zu diesen Kindern bin ich unterwegs. Dafür muss ich durch die versteckte Tür. Es ist wie ein Durchschlupf in eine andere Welt: In den kleinen Räumen unseres Partners CEIPA finden Kinder und Jugendliche, für die ein regulärer Schulbesuch wegen ihrer Arbeit nicht möglich ist, eine Chance zu lernen – und sogar einen Schulabschluss zu machen.
Knapp 30 Kinder sitzen in jedem Klassenzimmer. Nicht das Alter bestimmt ihre Klassenzugehörigkeit, sondern ihre bisherigen Erfahrungen mit Schule und Lernen. Meist haben sie mit Arbeit deutlich mehr Erfahrung als mit Unterricht, erfahre ich.


In einer der Klassen frage ich, wie lange die Kinder schon regelmäßig arbeiten. „Seit ich sieben bin.“ – „Ich habe mit acht angefangen.“ Keines der Kinder war älter als elf Jahre, als es mit der Arbeit begann.
Viele arbeiten direkt auf dem Markt vor der Schultür. Vor allem die Jungen verladen und befördern mit ihren Handkarren ein Vielfaches ihres eigenen Körpergewichts. Kevin ist dort von vier Uhr nachts bis um 10 Uhr vormittags beschäftigt. Klettert auf Lastwagen und entlädt Gewürze, Schokolade, Erdnüsse. Fährt die Säcke und Kartons zum zentralen Abladeplatz und bringt sie von dort mit kleineren Karren zu den Marktständen. Spätestens um 20 Uhr geht er schlafen, sonst hält er so einen Tagesrhythmus nicht durch.
Die Mädchen sind häufig in privaten Haushalten beschäftigt: „Ich putze bei einer Familie.“ – „Ich erledige die Hausarbeit, kaufe ein, koche und mache sauber.“ Haneli arbeitet regelmäßig als Haushaltshilfe in einem großen Haus. Deshalb möchte sie in die Wochenendklasse wechseln, um Arbeit und Schule besser miteinander zu vereinbaren. Wie ihre fünf Geschwister unterstützt sie ihre Mutter und trägt zum Lebensunterhalt der Familie bei. Trotzdem verfolgt Haneli ein klares Ziel: Sie möchte als Einzige in ihrer Familie einen Schulabschluss machen. Ich bin wirklich beeindruckt, mit wie viel Ausdauer und Verantwortungsbewusstsein Haneli ihren Weg geht.
Genau für Jugendliche wie Kevin und Haneli findet der Unterricht in der Schule am Markt nachmittags und am Wochenende statt. Möglich ist dieses flexible Modell, weil CEIPA die Schule als Privatschule führt. Das hat Vor- und Nachteile. Ein großer Vorteil ist die Freiheit bei der Gestaltung des Stundenplans. Wichtig ist außerdem, dass Lehrplan und Prüfungen staatlich anerkannt werden.
Allerdings beteiligt sich der Staat nicht an den Kosten der Schule – auch nicht an der Schulspeisung, die grundsätzlich jedem Kind in Guatemala zusteht. Diese wird jedoch nur an Regelschulen geliefert. Für die Schule am Terminal Minerva müssen deshalb die Eltern selbst sorgen.
Einige von ihnen treffe ich im Büro der Schulleiterin. Sie sitzen auf einfachen Holzhockern. Manchen sehe ich die Erschöpfung eines langen Arbeitstages an. Nicht alle haben selbst eine Schule besucht. Doch sie alle wissen, wie wichtig Bildung für ihre Kinder ist.
Einmal im Monat treffen sich die Eltern, um die kommenden Wochen zu planen: Wer sammelt Lebensmittelspenden für das Schulessen? Wer kann wann beim Kochen helfen? Es braucht Getränke, Putzmittel und Farbe für die Wände von zwei Klassenräumen. Die Schulleiterin ergänzt, dass nur noch wenig Milchpulver vorhanden ist. Wenn am Wochenende minderjährige Mütter zum Unterricht kommen, brauchen auch ihre Säuglinge eine Mahlzeit. Am Ende ist die Bedarfsliste lang. Die Schule kann fast alles gebrauchen, Kleidung, Schulranzen und ganz viele Lebensmittel.
Die Schule im Markt kümmert sich um weit mehr als den Unterricht. Sie unterstützt die Kinder und ihre Familien bei Grundbedürfnissen, bietet psychologische Beratung an und hilft bei Gesundheitsproblemen und Lernschwierigkeiten. Auch wenn eine Familie auseinanderzubrechen droht, finden Eltern und Kinder hier eine Anlaufstelle.
Die Elternarbeit spielt eine wichtige Rolle. „Das haben wir durch die Kindernothilfe gelernt“, erklärt die Schulleiterin. „Welche positive Rolle Eltern für die Entwicklung ihrer Kinder spielen können.“