Über die Autorin

Katrin Weidemann
ist seit 2014 CEO der Kindernothilfe. Mit ihren Reportagen und Blog-Beiträgen gibt sie persönliche Einblicke in ihre Arbeit.
„Schule? Probiert es im nächsten Jahr wieder!“ Das bekommen in Chile besonders Kinder von Migranten zu hören. Sie haben es doppelt schwer, Fuß zu fassen und ihre Rechte einzufordern. Einer, der das gut kennt, ist der, den alle nur el Señor de la torta nennen. Der Tortenbäcker ist selbst aus Peru eingewandert und hat es geschafft, seine beiden Kinder in einer Schule unterzubringen. Aber er tut noch viel mehr für die Migranten-Community…
Der Hof liegt am Ende eines langen Hausdurchgangs und ist winzig. An dicht gespannten Wäscheleinen baumeln verblichene T-Shirts, kurze Hosen und Röcke, darunter drängen sich ein Dutzend Kinder. Zwischen ihnen und mir steht – der Tortenbäcker. Anfangs kenne ich seinen Broterwerb noch gar nicht, ich besuche ihn hier als Vater, dessen Kinder in einem Projekt der Kindernothilfe für Migrationsfamilien gefördert werden. Doch dann erzählt er mir seine Geschichte.
Vor 15 Jahren sei er mit seiner Frau aus Peru hierher gezogen, an die Peripherie von Santiago, beginnt er. Seitdem sind dieser Hof und zwei davon abgehende Zimmer sein Zuhause. Anfangs teilte er sich die Räume, von denen keiner mehr als 10 Quadratmeter misst, nur mit seiner Frau. Dann kamen zwei Kinder dazu, sie wurden hier geboren.
Eigentlich, erklärt er mir, wohnen sie alle ja nur in dem einen Zimmer. Er zeigt es mir. Eine schmale Leiter führt von dem winzigen Wohnraum hinauf zu einer Galerie: dort oben wird geschlafen. Der zweite Raum, vom Hofdurchgang über einen extra Eingang zugänglich, sichert das Familieneinkommen. Hier wird gerührt, gebacken und verziert. Denn das hat el Señor de la torta, wie ihn die Nachbarn nennen, gelernt: er ist Tortenbäcker.


Tagsüber arbeitet er in einer Bäckerei in der Innenstadt. Doch das Leben in Santiago ist teuer, da reicht ein Gehalt bei weitem nicht aus, um vier Personen zu ernähren. Offen nennt er mir seinen Verdienst. Er entspricht dem staatlichen Mindestlohn und ist genauso hoch wie die Miete: 350.000 Pesos, knapp 500 Euro.
Um nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch Wasser und Essen, Kleidung und Strom zahlen zu können, zieht der Tortenbäcker jede Nacht und am Wochenende mit einem Handkarren durch die Straßen und verkauft seine eigenen süßen Kreationen. Im Lauf der Jahre habe er eine ganze Reihe von Stammkunden gewonnen, die er regelmäßig beliefert, erklärt er nicht ohne Stolz. Auch auf Märkten, in kleinen Läden, an Straßenecken bietet er seine Backwaren an.
Jetzt steht er mitten im Hof und gießt sonnengelbe Inka-Cola in Plastikbecher. Die Kinder lachen und trinken begeistert mit. Sie freuen sich über die Abwechslung, die mein Besuch beim Tortenbäcker bringt. Normalerweise ist der Hof jeden Nachmittag ihr zweites Klassenzimmer. Zu zwölft sitzen sie dann an drei Klapptischen unter den baumelnden Wäschestücken und machen Hausaufgaben.
Begleitet und gefördert werden sie dabei von Mitarbeitenden des Colectivo Sin Fronteras. Die setzten sich dafür ein, dass die Kinder überhaupt eine Schule besuchen können. Zwar gibt es in Chile die allgemeine Schulpflicht. Aber keine staatliche Instanz überprüft, ob ein Kind tatsächlich zur Schule geht. Im Gegenteil: das Recht auf Beschulung wird für Migrantenkinder weitgehend ignoriert. So macht der Tortenbäcker eben seinen Hof zum Klassenzimmer.



